Erhöhte Strahlung in Tokio Radioaktive Hotspots ängstigen Bewohner

Sportplatz, Schulhof und Kirche: Um Tokio werden immer mehr stark radioaktiv belastete Orte entdeckt, oft von besorgten Eltern, die selbst messen. Die Behörden versuchen zu beschwichtigen, benötigen aber neue Wege, mit den verstrahlten Orten umzugehen - die Japaner werden sich mit der erhöhten Radioaktivität einrichten müssen.

Von Christoph Neidhart, Tokio

In Tokio werden immer neue radioaktive Hotspots entdeckt, meist von besorgten Eltern, die auf eigene Faust messen. Angefangen hatte es im Kashiwa, einem Vorort, wo der Schulhof so verstrahlt ist, dass der Boden abgetragen werden muss. Im Tokioter Stadtteil Edogawa müsste nach den Tschernobyl-Grenzwerten ein Baseball-Platz zur Sperrzone erklärt werden. Die höchste Strahlung wurde an einer Kirche im Stadtteil Sugamo gemessen.

Meldungen über neue Hotspots verbreiten sich jedesmal wie Lauffeuer übers Internet. Besorgte Mütter lassen ihre Kinder seit einigen Tagen nicht mehr in den Park im Stadtteil Setagaya, wo Bürger am Zaun eines leerstehenden Hauses drei Microsievert pro Stunde registrierten, mehr als in bestimmten Bereichen der Sperrzone. Die Behörden versuchen, die Bevölkerung zu beruhigen: Es bleibe ja niemand ein ganzes Jahr an einem isolierten Hotspot stehen.

Japan wird nun mit einer erhöhten Radioaktivität leben müssen. So lautet zugespitzt das Fazit einer Expertenkommission der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA). Die Kommission stellte am Wochenende in Tokio einen provisorischen Bericht vor. Darin ermahnte sie Japans Behörden, nicht übervorsichtig zu sein. Bei der Sanierung der verstrahlten Region - geschätzt 8000 Quadratkilometer - müssten sie abwägen: Lässt sich die Sanierung rechtfertigen im Hinblick auf die Gesamtaufgabe? Würden Wald oder unbewohnte Gebiete dekontaminiert, beanspruche das Ressourcen, trage aber kaum dazu bei, die Strahlenbelastung der Bevölkerung zu reduzieren.

Außerdem müsse Japan Alternativen zum Dekontaminieren - also zum Abtragen von verstrahltem Boden - erwägen, so Tero Tapio Varjoranta, der stellvertretende Leiter der Kommission. Dazu gehöre es, unbewohnte Gebiete abzusperren und sich selbst zu überlassen, verstrahlte Böden mit Kunststoff, Beton oder mehreren Materialien zu versiegeln, Ackerland tief umzupflügen oder Chemikalien einzusetzen.

Obergrenze für die Strahlendosis soll angehoben werden

Japans Umweltministerium hat errechnet, allein in der Präfektur Fukushima müssten 29 Millionen Kubikmeter Erde entfernt werden. Das sind zwei Millionen Lkw-Ladungen. Würde man rund um die Uhr jede Minute einen Lkw beladen, dann würde diese Dekontamination vier Jahre dauern. Und kein Mensch weiß, wohin mit der verstrahlten Erde.

Die IAEA rät Japan deshalb, geringfügig verstrahlte Erde als unbedenklich zu klassifizieren. Sie empfiehlt eine Jahresdosis von 20 Millisievert als Obergrenze; implizit auch für Kinder. Die Richtlinien sähen für den Fall eines Atomunfalls eine Bandbreite von 1 bis 20 Millisievert vor, so Varjoranta. Im April hatten andere IAEA-Experten 20 Millisievert pro Jahr als zu hoch für Kinder zurückgewiesen. Varjoranta wollte dies nicht kommentieren. Die Regierung könne vorerst mit 20 Millisievert operieren und den Grenzwert nach und nach herunterzusetzen, sagte er. Lob gab es von der IAEA für die lokalen Behörden und die vielen Freiwilligen in der Präfektur Fukushima. Sie hätten bereits 400 Schulhöfe dekontaminiert.

Im Tokioter Stadtteil Setagaya versuchten die Behörden, die radioaktive Verseuchung an dem alten Haus mit Hochdruckspritzen wegzuwaschen. Doch ohne Erfolg. Schließlich fand die Polizei unter dem Haus - alte Wohnhäuser sind nicht unterkellert, stehen aber zur Isolierung auf kurzen Holzstützen - eine Kiste, in der sich Gläser mit einem Pulver befanden, das 600 Microsievert pro Stunde abstrahlte. Würde ein Mensch darüber wohnen, hätte er in eineinhalb Tagen die zulässige Jahresdosis abbekommen. Doch das Haus steht seit Februar leer. Angeblich enthalten die Flaschen Radium 226, das in der Medizin zum Einsatz kommt und früher zur Herstellung fluoreszierender Farben gebraucht wurde.

Warum die Flaschen dort gelagert wurden, ist unklar. Der Hotspot von Setagaya hat mit dem Atomunfall in Fukushima somit nichts zu tun. Dies vermag die Mütter kleiner Kinder jedoch nicht zu beruhigen. Im Gegenteil, es scheint die Angst vor Radioaktivität noch zu schüren. Sechs Monate nach dem Atomunfall hat die Stadt nun versprochen, alle Spielplätze zu testen.