Erdbebenkatastrophe Nepal im Griff der Angst

Eine junge Nepalesin trägt Habseligkeiten aus ihrem zerstörten Haus.

(Foto: AFP)
  • Nach dem verheerenden Erdbeben in Nepal ist internationale Hilfe auf dem Weg, doch die Überlebenden sind bis zu ihrer Ankunft noch auf sich gestellt.
  • Mit bloßen Händen graben Menschen in den Trümmern von Kathmandu und anderen schwer getroffenen Orten nach Opfern.
  • Die Gefahr war bekannt, doch die größte Katastrophe im Land seit 81 Jahren sorgt für Chaos. Kliniken sind überlastet, besonders Kinder leiden unter dem Schock der vielen Nachbeben.
Von Arne Perras

Sie graben ohne Pause, seit Stunden schon. Die Hände sind aufgeplatzt, die Glieder schmerzen. Aber sie können nicht ruhen, weil noch so viele irgendwo unter den Trümmern liegen. "Wir haben kein großes Gerät, ein paar Schaufeln und Spitzhacken, das ist alles. Aber jede Stunde holen wir Leute aus dem Schutt."

Lebendig oder tot. "Das ist schwer auszuhalten. Aber wenn sie noch atmen, sind wir überglücklich." Student Suman Pharma spricht mit gehetzter Stimme, geschlafen hat er seit dem großen Beben kaum. Immer wieder bricht das Telefonnetz zusammen, dann ist länger nichts mehr zu hören, bevor er wieder erzählen kann, wie er sich mit seinen Freunden im Zentrum Kathmandus durch die Trümmer gräbt.

Hilfe, sie ist auf dem Weg. Aber es wird dauern, bis die Suchtrupps aus aller Welt eintreffen. Und so wird Pharma mit bloßen Händen weitergraben, solange er kann. Überall ist das jetzt so in den vom Beben zerstörten Städten und Dörfern Nepals. Schweres Gerät ist zwar vorhanden, vor allem in Kathmandu. Aber die Bagger und Kräne können sich oft kaum einen Weg durch die schmalen Gassen bahnen. Nur mühsam kommen sie voran. "Also graben wir mit den Händen", sagt der Student. "Solange wir eben können."

Eine so große Katastrophe wie die vom Samstag hat Nepal seit 81 Jahren nicht mehr erlebt. Pharma hat gerade seinen Master in Physik gemacht, er weiß, welche Kräfte in diesen Bergen am Werk sind. "Ich wusste, dass meine Heimat gefährdet ist. Aber wenn es dann passiert, rasen dir tausend Gedanken durch den Kopf. Diese Angst war mir fremd. Jetzt weiß ich, wie das ist." Die erste Nacht schliefen sie alle draußen, unter freiem Himmel. Und das werden sie auch die zweite Nacht tun. Es ist kalt und manchmal regnet es, aber wir haben keine Wahl." Zu sehr fürchten sie die Nachbeben. Allein bis Sonntagmorgen waren es mehr als sechzig Stück, wie Lok Bijaya Adhikari vom nepalesischen seismologischen Zentrum registriert hat. Alle über Stärke vier auf der Richterskala. Und dann messen sie etwas später auf einmal eines der Stärke 6.7. Das ist schon für sich allein ein gewaltiges Beben.

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Viele Überlebende haben jetzt nichts mehr als eine Decke für die Nacht

Wieder Panik, wieder Todesangst in Nepal. "Das macht viele hier ganz wahnsinnig", sagt Pharma. Vor allem die Kinder. Denn wie soll man ihnen erklären, was gerade passiert? Die Erwachsenen können sich das zumindest erklären, aber Kinder wissen nicht, wie ihnen geschieht, schon gar nicht, wenn immer neue Beben die Erde erschüttern. "Das erzeugt enormen Stress", sagt Roger Hodgson vom Kinderhilfswerk "Save the Children" in Nepal. Sie müssten betreut werden, um ihre Ängste zu bewältigen. Aber dafür ist jetzt kaum Zeit, weil alle Familien erst einmal daran denken, wie sie die kommenden Tage überstehen können.

Viele Überlebende haben jetzt nichts als eine Decke, um sich vor der Kälte der Nacht zu schützen. Zum Beispiel der Gemüsehändler Ratna Singh, der in Kathmandu überlebte. "Ich bin froh, dass es meine Familie wenigstens heil ins Freie geschafft hat." Wie es seinen Verwandten geht, weiß er noch nicht. Alles ist sehr chaotisch in diesen Stunden. Und weil das Stromnetz mancherorts ganz zusammengebrochen ist, können viele gar nicht mehr miteinander telefonieren.

Notunterkünfte, Medizin, Trinkwasser: All das brauchen die Überlebenden in Nepal jetzt dringend. Schon in ruhigen Zeiten ist es dort für viele Menschen schwierig, an sauberes Wasser zu kommen. Nepal ist noch immer eines der ärmsten Länder Asiens. Am Tag nach der Katastrophe bilden sich bereits riesige Schlangen vor den wenigen Tanklastwagen, die Tausende Menschen in improvisierten Camps mit Trinkwasser versorgen.

Experten warnen, dass sich die Erdstöße noch Wochen hinziehen können. Und das ist gefährlich bei all den beschädigten Gebäuden, die durch weitere Stöße womöglich ganz zusammenbrechen. Auch für die Helfer, die sich nun aufmachen, um in den Tälern des Himalajas Leben zu retten, ist dies eine Gefahr. Besonders tückisch sind nun die Erdrutsche, die wie aus dem Nichts kommen und ganze Siedlungen einfach verschlucken können.

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Die Verletzten werden in Krankenwagen übereinander gestapelt

Schon jetzt sind viele Kliniken völlig überlastet. "Wir wissen nicht, wohin wir die Verletzten noch bringen sollen", berichtet Pharma. Viele lagern im Freien, werden so gut versorgt, wie es eben geht. Auch Rettungsfahrzeuge gibt es viel zu wenige. "Wir müssen die Verletzen teils übereinander in den Ambulanzwagen transportieren, weil es nicht genügend Rettungsfahrzeuge gibt", berichtet eine indische Helferin in der Hauptstadt. Alleine hier werden bis zum Sonntag mehr als 700 Tote gezählt. Doch Kathmandu liegt etwa 80 Kilometer vom Epizentrum entfernt. Wie es dort aussieht und in all den entlegenen Dörfern, ist zunächst völlig unklar. Noch fehlt der große Überblick. Noch kennt niemand das ganze Ausmaß der Zerstörung, die Zahl der Toten, der Verletzten und all der Obdachlosen. Am Sonntag war bereits von mehr als 2500 Toten die Rede, doch das ist vermutlich nicht mehr als eine Zwischenbilanz. Alle ahnen: Die Zahl der Opfer dürfte weiter steigen.

Helikopter. Es kann jetzt gar nicht genug davon geben im bergigen Katastrophengebiet. Vor allem Transporthubschrauber, die größere Lasten tragen und Schwerverletzte ausfliegen können. Viele Täler im Himalaja sind abgeschnitten, das Beben hat Brücken und Straßen zerstört. Und so wird es erst Schritt für Schritt gelingen, sich ein Bild von der Not in den entlegenen Dörfern zu machen. Nepalesische Militärhubschrauber erkunden jetzt die Täler. "Aber das Bild hat noch viele Lücken," sagt McGoldrick, Chef der UN-Mission in Nepal. Es kann Tage dauern, um sie zu schließen. Und dann muss die Hilfe erst einmal dort ankommen. Keine guten Aussichten für Schwerverletzte, die weitab der Städte unter Trümmern liegen. "Es ist nicht so, als hätte Nepal keine Hubschrauber. Aber es ist jetzt schon abzusehen, dass die Kapazitäten nicht ausreichen werden", sagt McGoldrick.

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Was am Samstag in Nepal in etwa 15 Kilometern Tiefe geschah, beschreiben Geologen als sogenannte Subduktion, ein Prozess der Plattentektonik, bei dem es immer wieder zu heftigsten Erdstößen kommen kann. Im jüngsten Fall bebte die Erde, weil sich die indische Platte Richtung Norden unter die Eurasische Platte schiebt. Diese Verschiebung der Erdplatten hat im Laufe der vergangenen 50 Millionen Jahren das größte Gebirge der Welt aufgeworfen. Noch immer schiebt sich die indische Platte pro Jahr bis zu 45 Millimeter weit nach Norden, so dass das Gebirge in Südasien weiter wächst.

Diesen Kräften ist kein Mensch gewachsen. Das kleine Nepal wird schnell Hilfe brauchen, um zu retten, was noch zu retten ist.

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