Ein Kommentar von Stefan Ulrich

Ein Land erstaunt sich selbst: Nach dem Erdbeben zeigt sich Italien ungewohnt stark und geeint. Nur: wie lange noch?

Es war ein Toter, der den Menschen in L'Aquila am Karfreitag ein wenig Hoffnung gab. Die Rettungskräfte bargen ihn aus den Trümmern von Santa Maria di Collemaggio, der wertvollsten Kirche der Stadt.

Italien zeigt in diesen Tagen ein anderes, besseres Ich. (© Foto: Reuters)

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Wie durch ein Wunder blieb der gläserne Sarg mit den Überresten Coelestin V. unversehrt. Engelspapst nennen sie ihn in den Abruzzen. Wenigstens seine Reliquie ist den Obdachlosen geblieben. Sie nehmen das als Zeichen: Das Erbeben konnte L'Aquila zerstören, aber seine Bürger nicht besiegen.

Alle rücken zusammen

Italien zeigt in diesen Tagen ein anderes, besseres Ich, über das es selbst am meisten staunt. Die Erdstöße haben nicht nur die Häuser einstürzen lassen.

Verschwunden sind zugleich der bösartige, ideologisch aufgeheizte Streit in der Politik, der das Land sonst so lähmt. Verschwunden sind die Egoismen der Bürger, die über dem Vorteil für die eigene Sippe auf das Gemeinwohl pfeifen. Verschwunden ist die Oberflächlichkeit einer Gesellschaft, die sich täglich stundenlang mit vulgären Fernsehshows betäubt, um ihre Probleme zu verdrängen.

Stattdessen präsentieren sich die Italiener heute einig, solidarisch, mutig, entschlossen. Im Anblick des Desasters rücken Rechte und Linke, Piemontesen und Sizilianer, Katholiken und Laizisten zusammen. Ganz Italien war am Freitag mit dem Herzen auf dem unwirtlichen Exerzierplatz einer Kaserne von L'Aquila, um die Toten zu verabschieden. Zugleich begannen die Überlebenden in den Abruzzen, das Weiterleben zu organisieren. Statt sich Verzweiflung und Tatenlosigkeit hinzugeben, machen sich die Menschen mit Würde und Tatkraft auf einen Weg, von dem sie wissen: Es wird ein Kreuzweg sein. Italien gibt der Welt gerade ein starkes Beispiel. Es sollte sich daran erinnern, wenn nach der Katastrophe wieder der Alltag beginnt.

Dann wird das Land wieder seinen anderen Charakter ausleben. Rechte und linke Politiker werden übereinander herfallen, als seien sie nicht Gegner, sondern Feinde. Premierminister Silvio Berlusconi, der sich diese Woche wirklich in den Dienst der Bürger stellt, wird wieder seine Show zum eigenen Vorteil abziehen.

Pfusch mit System

Und die Bürger werden erneut Gesetze aushöhlen, verbiegen, brechen - um des kleinen, kurzfristigen Vorteils Willen. Wie kann es sein, dass die öffentlichen Gebäude L'Aquilas, allen voran das Krankenhaus, sofort dem Beben nachgaben? Dass Neubauten zusammenbrachen? Dass Kontrollen unterblieben und die Regierungen in Rom strengere Vorschriften Jahr für Jahr nicht anwandten? Der Pfusch am Bau hat System in Italien - mit mörderischen Folgen.

Wer die ergreifenden Bilder aus L'Aquila sieht, mag sich ausmalen, was für ein Land die Italiener schaffen könnten, wenn sie immer so handelten wie in Katastrophenzeiten. Die Osterglocken werden am Sonntag in der Hauptstadt der Abruzzen schweigen, denn alle Kirchen sind zerstört. Dennoch dringt eine große Botschaft aus der zerstörten Stadt: Italien könnte auch anders.

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(SZ vom 11.04.2009/hgn)