Von Kai Strittmatter, Istanbul

In der Türkei hat eine Elfjährige ihre Mutter erschossen - aus Angst, ihr würde der Besuch einer höheren Schule verboten werden.

Es ist der frühe Sonntagmorgen in der südtürkischen Stadt Adana. Die Sonne ist noch nicht aufgegangen, als Rabias ältere Schwestern und ihre vier Brüder die rituellen Waschungen für das Morgengebet vornehmen. Der Vater ist auf Nachtschicht bei der Eisenbahn, die Mutter liegt im Bett. Rabia steht auf, nimmt den Revolver ihres Vaters, eine angemeldete Smith Wesson, und geht in das Zimmer ihrer Eltern. Sie schießt.

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Der Fall Rabia A. wirft Licht auf den Umstand, dass viele türkische Mädchen von höherer Bildung ausgeschlossen werden - in türkischen Medien wird er ausführlich diskutiert. Richtigstellung: Auf einem zuvor zur Illustration verwendeten Bild waren Mädchen mit Kopftüchern zu sehen, die nicht in türkischen Klassenzimmern fotografiert wurden. Dort sind Kopftücher verboten. (© Screenshot: Hürriyet)

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Die Geschwister eilen herbei. "Ich habe ein Glas zerbrochen", erklärt Rabia den Knall. Sie nimmt ihren Rucksack, tut den Revolver hinein und verlässt das Haus. Sie geht zu einer Telefonzelle und wählt die Nummer der Polizei. In den Zeitungen kann man später lesen, sie habe weinend diesen Satz gesagt: "Onkel Polizist, ich habe meine Mutter erschossen."

"Onkel Polizist, ich habe meine Mutter erschossen"

Die 39-jährige Songül A. lag da tot auf ihrem Kissen. Per Kopfschuss getötet von ihrer Tochter Rabia A., elf Jahre alt. Der Polizei, die sie zitternd an der Telefonzelle aufliest, sagt das Mädchen, ihre Mutter habe ihr verbieten wollen, an der Einstufungsprüfung für den weiteren Schulbesuch teilzunehmen.

Die amtliche Nachrichtenagentur Anadolu zitiert aus der Vernehmung: "Nach ihrem Gebet kam meine Mutter zu mir ins Zimmer. Ich war früh wach, saß über meinen Notizen. Sie schimpfte böse: 'Dir werde ich nicht erlauben, dass du studierst. Du bemühst dich umsonst.' Ich hielt es nicht mehr aus, da holte ich den Revolver."

Rabia ging in die siebte Klasse. Sie war eine gute Schülerin, gewann Auszeichnungen. Aber sie stritt sich auch viel mit Mitschülern. Der Klassenlehrerin und dem Direktor erzählte sie von Streit zuhause. Einmal blutete sie aus Schnitten im Arm: "Da hatte sie sich selbst mit einem Rasiermesser verletzt", wird der Schuldirektor Ayhan Aktas zitiert. "Wir haben die Familie gewarnt." Einmal brachte sie auch einem Mitschüler einen Schnitt bei. Die Lehrerin riet zur psychologischen Betreuung. Die Familie reagierte Anfang April - sie schickte Rabia nicht mehr zur Schule.

Der Polizei erzählte Rabia, sie sei geschlagen worden zu Hause. Die Familie war sehr religiös, die Zeitung Aksam berichtet, Rabia habe befürchtet, man wolle sie in einen islamischen Orden stecken. Bestätigt ist nur, dass Rabias ältere Schwestern beide früh von der Schule abgegangen waren.

Jenseits von Hausarbeit und Gebet

Die jährlichen Einstufungsprüfungen sind ein großer Einschnitt im Leben türkischer Schüler. Sie entscheiden über die Zukunft der Kinder, im Falle von Mädchen wie Rabia oft darüber, ob sie überhaupt eine Zukunft haben jenseits von Hausarbeit und Gebet. Wer aufs Gymnasium darf, wer die besten Schulen besucht, wer ein Stipendium bekommt, das alles entschied sich am Sonntag erneut für eine Million türkische Siebtklässler. Vor allem in ärmeren Familien und im Hinterland wird vielen Mädchen noch immer die weiterführende Schulbildung verwehrt.

Staat und Zivilgesellschaft reagieren darauf mit Kampagnen wie "Komm, Mädchen, zur Schule!" oder "Papa, schick mich in die Schule!": Kampagnen, die erfolgreich sind und im Fernsehen so präsent, dass auch in den rückständigsten Regionen die Mädchen davon wissen - und oft flehende Briefe an Vereine und Schulbehörden schreiben.

Rabias Schwester, die 19-jährige Alime, sagte aus, vor einer Woche habe ihre Schwester gesagt, sie werde ihre Mutter noch umbringen: Sie habe im Fernsehen den Fall eines Kindes gesehen, das seine Mutter getötet habe und dafür nicht bestraft worden sei. Sie, Alime, habe das nicht ernst genommen: "Rabia war immer rebellisch und hat Probleme gemacht."

Prüfung vier Stunden nach dem Mord

Die zwei Nächte seit der Tat hat Rabia im Heim verbracht. Strafmündig wird man in der Türkei frühestens ab 13.

Als die Polizisten sie am Sonntagmorgen auflasen, fanden sie im Rucksack neben dem Revolver noch Schulbücher und die Zulassungsbescheinigung für die Prüfung. Die Beamten brachten Rabia A. auf die Wache - und fällten eine Entscheidung. Sie gingen mit ihr zur nahen Schule "Grundschule des 23. April". Dort, viereinhalb Stunden nach dem Mord an ihrer Mutter, in Begleitung mehrerer Polizisten und einer Psychologin, nahm Rabia A. an den landesweiten Einstufungsprüfungen teil.

Onlinedienste meldeten am Montagnachmittag, Rabia habe fast alle Fragen beantwortet und hoffe auf mehr als 400 Punkte. Das könnte reichen für ein Internat, für eines der besseren.

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(SZ vom 09.06.2009/ojo/grc)