EKD-Ratsvorsitzender Schneider Traurige Nachricht mit kirchenpolitischem Sprengstoff

Eigentlich ist die evangelische Kirche gegen aktive Sterbehilfe. Doch ein Interview, das der scheidende EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider gemeinsam mit seiner krebskranken Frau gegeben hat, könnte die Diskussion neu entfachen. Denn Schneider hat angekündigt, dass er aus Liebe auch gegen die Position der Kirche handeln würde.

Von Matthias Drobinski

Die Nachricht erreichte Nikolaus Schneider per SMS auf dem Berliner Gendarmenmarkt; er gab dort ein Interview, Alltag für den Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, der EKD. Am Abend sollte der Johannisempfang der evangelischen Kirche fürs politische Berlin stattfinden.

Die Nachricht kam von Anne, seiner Frau: Es ist keine Brustentzündung, die sie da plagt. Es ist Krebs, eine besonders aggressive Form. Eigentlich wollte das Paar, 66 und 65 Jahre alt, vom kommenden Jahr an den Ruhestand genießen - alles zerbrach in diesem Moment. Irgendwie haben sie den fröhlichen Abend hinter sich gebracht. Am darauffolgenden Montag kündigte Nikolaus Schneider an, sein Amt im November aufzugeben, um Zeit für seine Frau zu haben.

Die Schneiders, die in den bisher 44 Jahren ihrer Ehe ziemlich viel gemeinsam angepackt und durchgemacht haben, erzählen nun in zwei Interviews für den Stern und die Zeit über die Krankheit und den möglichen Tod, über ihre Tochter Maike, die an Krebs starb, über Angst und christliche Hoffnung. Es sind zwei berührende Gespräche geworden.

"Ich hoffe, dass mein Mann mich dann in die Schweiz begleitet"

Sie bergen aber auch einigen kirchenpolitischen Sprengstoff: Anne Schneider sagt klar, dass sie sich aktive Sterbehilfe wünscht, sollten ihr Leid und ihre Schmerzen unerträglich werden. In der Zeit fügt sie hinzu: "Ich hoffe, wenn ich an den Punkt kommen sollte, sterben zu wollen, dass mein Mann mich dann in die Schweiz begleitet." Und Nikolaus Schneider sagt, er sei zwar klar gegen jede organisierte Sterbehilfe, würde aber seine Frau auf der letzten Reise begleiten - aus Liebe zu ihr.

Der oberste Vertreter der EKD lässt keinen Zweifel an seiner politischen Position, und dass er seine Frau auf dem Weg zum Suizid begleiten würde, deckt sich mit dem, was er schon 2007 erklärt hat: "Eine grundsätzliche Entscheidung, ob und inwieweit in einer konkreten Situation das Leisten oder das Verweigern von Sterbehilfe als Ausdruck christlicher Nächstenliebe verstanden werden kann, ist nicht ein für alle Mal zu treffen."

Trotzdem dürfte die Debatte neue Nahrung erhalten, wie es die evangelische Kirche mit der aktiven Sterbehilfe hält. Grundsätzlich ist sie, wie die katholische Kirche, für ein Verbot jeder organisierten Unterstützung beim Suizid. Die Stimmen aber mehren sich, die die Sache anders bewerten oder zumindest die Begründungen für nicht besonders gut halten.

Seit diesem Donnerstag haben sie eine prominente Theologin auf ihrer Seite: Anne Schneider, die Frau des Ratsvorsitzenden.