Von Liisa Niveri

Not macht Finnen erfinderisch: Der Klimawandel sorgt dafür, dass Eisangeln fast unmöglich wird. Das bringt die Freunde des Sports auf skurrile Ideen.

Klirrende Kälte, eine glitzernde Schneedecke von Dezember bis April, Seen und Meeresbuchten in dicke Eispanzer gehüllt: So stellen sich die Finnen den Winter vor, und so ist er im hohen Norden Europas seit Menschengedenken gewesen. Doch die schöne weiße Welt ist ziemlich aus den Fugen geraten. So viel Schmuddelwetter wie in diesem Jahr gab es noch nie in Finnland, und viele der Bewohner und Fachleute sind überzeugt: Es ist der Klimawandel, der sein hässliches Gesicht zeigt. Einige, die den Wandel ignorierten, mussten bereits mit dem Leben bezahlen.

Eisangeln in Finnland - die Sitztechnik muss stimmen. (© Foto: iStock)

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In den ersten drei Monaten 2008 brachen bereits 24 Menschen auf den Gewässern durchs Eis und ertranken - mehr als je zuvor, berichtete kürzlich der finnische Schwimm- und Rettungsverband. "Die meisten waren Eislochangler, und das Durchschnittsalter betrug 60 Jahre", sagte der Chef des Verbandes Janne Ollikainen auf Anfrage von sueddeutsche.de.

"In Süd- und Mittelfinnland ist das Eis in diesem Jahr zehn bis 25 Zentimeter dünner als üblicherweise. Viele sind an den Buchten der Ostsee dieses Jahr einfach mit dem Boot angeln gegangen", sagt Ollikainen. Aber nicht alle sind so vernünftig. Sie sind es gewohnt, um diese Jahreszeit aufs Eis zu gehen und wollen es jetzt auch tun. Sie wollen den Klimawandel einfach nicht akzeptieren. Morgens kann das Eis noch tragen, abends ist es aber schon dünn. Dann brechen die Unvorsichtigen ein, und keiner kann ihnen helfen, weil sie zumeist alleine unterwegs sind.

Das finnische Umweltzentrum führt seit Beginn der sechziger Jahre Statistiken über die Eisdichte der einzelnen Seen Finnlands. "Man kann bei diesen Statistiken sehen, wie das Eis im Laufe der Zeit immer dünner wird - mit einer Ausnahme des Jahres 2003", sagte Johanna Korhonen aus dem finnischen Umweltzentrum zu sueddeutsche.de.

Harte Zeiten für Eisangler

Der vergangene Winter war der mildeste Winter aller Zeiten, berichtet der finnische Rundfunk. Die Statistiken des "Eisservice", die das finnische Meeresforschungsinstitut führt, beginnen bereits im Jahre 1720. Im Finnischen Meerbusen hat man dieses Jahr an keinem einzigen Tag Eisbrecher gebraucht, was vorher noch nie vorgekommen ist.

Das sind harte Zeiten für die Freunde des Eislochangelns. Schließlich ist diese Form des Fischens ein sehr beliebtes Freizeitvergnügen in Finnland. Über 600.000 Finnen gehen mit Angeln, Eislochbohrern und verschiedenfarbigen Larven regelmäßig aufs Eis. Sie kennen sich aus, an welcher Stelle bei welchem Wetter sie welche Fische angeln können. Jedes Jahr gibt es etliche Meisterschaften im Eisangeln. Besonders beliebt sind die Landesmeisterschaften, die dieses Jahr in Vääksy bei Lahti Anfang März stattgefunden haben. Mehr als 2500 Finnen haben an diesem Wettkampf teilgenommen, immerhin: Das Eis war dick genug.

Das Klima wird wärmer und das Eislochangeln schwierig. Was machen die Finnen? Geben sie auf? Nein, sie erfinden Spiele, damit man am Computer Eisangeln kann. Die Haltung ist fast die Gleiche: sitzend schlafen, der Kopf nach unten gebeugt und von der Bewegung wach werden. Das Computerspiel heißt "Propilkki" und wurde von den beiden flinken Finnen Mikko Happo und Janne Olkkonen entwickelt. Bereits Hunderttausende Menschen haben sich von diesem Spiel ködern lassen.

Den echten Fans reicht das nicht. Sie gehen Eislochangeln im Sommer auf kleinen Plastikinseln. Und sie fordern Hallen, in denen man rund um das Jahr Eisangeln kann. "Wenn das Skilanglaufen, Skifahren, Skispringen und Eishockey rund um Jahr ausgeübt werden können, dann sollte man auch andere finnische Winter-Hobbys, die vom Klimawandel betroffen sind, in Betracht ziehen. Wo bleibt die erste finnische Eislochangelhalle?", fragt ein junger Mann im Internetforum der größten finnischen Tageszeitung Helsingin Sanomat. "In Finnland gibt es bestimmt mehr Eislochangler als Eishockeyspieler, aber keine Halle. Dies ist eine schreiende Ungerechtigkeit", klagt er.

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(sueddeutsche.de/lala/jüsc)