Nach dem blutigen Familiendrama in Eislingen steht der Sohn unter Tatverdacht. Die Ermittlungen führen die Polizei zum örtlichen Schützenverein.
Das Haus der Schützengilde Eislingen ist einer dieser Klötze, wie sie die Schützenvereine im ganzen Land gebaut haben: einstöckig, flaches Dach, die Außenwände grob vergipst mit kleinen, vergitterten Fenstern. Zu den Höhepunkten des Vereinslebens gehören das Königsschießen, das Knödelfest und die Teilnahme an den Kreismeisterschaften.
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Polizisten sichern den Tatort in Eislingen - ein Mehrfamilienhaus. Viele Spuren gibt es nicht, die Tatwaffe fehlt. (© Foto: AP)
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Andreas H. war nicht der beste Schütze der Schützengilde Eislingen aber auch nicht der schlechteste. Bei den Kreismeisterschaften 2009 landete er auf dem neunten Platz von 19 Startern. Mittlerweile will die Schützengilde nichts mehr mit Andreas H. zu tun haben, nahm ihn aus den Mannschaftsaufstellungen für Luftgewehr und Kleinkaliber. Weil er dem Ruf des Vereins schaden könnte und dem Schießsport insgesamt.
Bisher ist es nur ein Verdacht, aber Andreas H. könnte bei der Schützengilde Eislingen das gelernt haben, was er dazu brauchte, um am Karfreitag vier Menschen zu erschießen. Vielleicht sogar mit Waffen aus seinem eigenen Verein.
Am Karfreitag hatte der 18-Jährige gegen elf Uhr vormittags selbst die Polizei angerufen und gesagt, er habe gerade die Leichen seiner Eltern und seiner beiden Schwestern im Haus gefunden. Er selbst will bei einem Freund übernachtet haben. Einen Tag später wird gegen Andreas H. und seinen 19-Jährigen Freund Haftbefehl erlassen.
Keine Einbruchsspuren
Der Verdacht habe sich nach den Vernehmungen der beiden und der Auswertung der Spuren am Tatort ergeben, sagte die Polizei in Göppingen. Sie ermittelt mit einer Sonderkommission aus dreißig Beamten. Viele Spuren gibt es aber offenbar noch nicht, die Tatwaffe fehlt. Da in der Wohnung keine Einbruchsspuren gefunden wurden, gehe man davon aus, "dass es jemand gewesen sein muss, der der Familie bekannt war", sagte ein Polizeisprecher. Auch weise die Lage der Leichen darauf hin, dass die Opfer nicht überrascht wurden. Ein mögliches Motiv sei bisher noch "völlig unklar".
Die Opfer lebten in einem Mehrfamilienhaus in Eislingen, etwa 30 Kilometer östlich von Stuttgart und auch nicht weit entfernt von Winnenden, wo am 11. März ein Amokläufer 15 Menschen tötete. Die Familie H. wohnte in einer Maisonette-Wohnung unter dem Dach. Drei ältere Nachbarn im Haus wollen von den Schüssen nichts gehört haben.
Der Vater, 57, ein Heilpraktiker hatte im Erdgeschoss eine gut laufende Praxis und war in der Region bekannt, weil er viele Vorträge hielt. Die Polizei befragt nun Umfeld und Freunde der Familie. Die beiden Töchter, 22 und 24 Jahre, studierten an der Pädagogischen Hochschule in Schwäbisch Gmünd.
Der nun unter Tatverdacht stehende Sohn schloss die Realschule im vergangenen Jahr mit Auszeichnung ab und wechselte dann auf ein Wirtschaftsgymnasium - sein ebenfalls unter Mordverdacht stehender Freund ging in die Paralellklasse. Auch er war einmal in der örtlichen Schützengilde aktiv.
Dort wurden Anfang Oktober 2008 mehr als zwanzig Schusswaffen aus dem Vereinsgebäude gestohlen. "Darunter waren Lang- und Kurzwaffen sowie groß- und kleinkalibrige. Ebenso fehlte die dazugehörige Munition", sagte ein Polizeisprecher. Damals habe es keine Einbruchsspuren am Gebäude gegeben, der Täter möglicherweise einen Schlüssel gehabt. Die Polizei untersucht nun, ob es einen Zusammenhang zwischen den Taten gibt. Auf Andreas H. war keine eigene Waffe eingetragen. Im Haus des Vaters gab es ein Luftgewehr. Die Opfer wurden nach Angaben der Polizei mit einer Kleinkaliberwaffe erschossen.
Die beiden Verdächtigen werden von Rechtsanwälten vertreten und bestreiten, mit den Morden etwas zu tun zu haben. In weiteren Verhören haben sie zur Sache geschwiegen. Beide waren der Polizei vor dem Verbrechen nicht als Straftäter bekannt. "Es war eine ganz normale Familie", sagte ein Polizeisprecher. Die H.s waren im Kirchenchor und engagierten sich in den Vereinen.
Der festgenommene Andreas H. war im vergangenen Jahr den Jakobsweg nach Spanien gelaufen und hatte anschließend mit einem Freund im örtlichen Gemeindezentrum in einem Diavortrag darüber berichtet. In diesem Jahr hätte es nach Rom gehen sollen.
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(SZ vom 14.04.2009)
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in diesem Fall auch noch etwas anderes als Vermutungen? Und ist es unterdessen soweit, daß ein Mitglied eines Schützenvereins in solchen Fällen automatisch unter Tatverdacht gestellt wird?
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Die Frage ist doch, was treibt Menschen dazu, mit Waffen, die zum Töten gebaut wurden, "Sport" zu treiben?
Selbst historisch betrachtet, geht es beim "Sport" mit der Waffe darum, den Ernstfall, nämlich das Töten mit der Waffe, zu üben...
Nach dem Amoklauf von Winnenden werden aktuell - mal wieder, muss man sagen - weitere Verschärfungen des Waffenrechts diskutiert. Die Behauptung, wir hätten in Deutschland eines der schärften Waffengesetze der Welt, ist insofern richtig, als dass der legale Waffenbesitz für Jäger, Sportschützen und Sammler zugelassen, aber gleichzeitig sehr streng reglementiert ist. Wenn jetzt über weitere Verschärfungen diskutiert wird, dann nicht mehr über eine Reglementierung sondern immer mehr über ein Verbot des privaten Waffenbesitzes.
Nun gab es nach Winnenden zwei Hauptaspekte der Diskussion: das Verbot großkalibriger Waffen im Schiesssport und die zentrale Lagerung von Waffen und/oder Munition in Schützenhäusern. Die Tat von Eislingen zeigt jetzt - wie praktisch - zwei Dinge: Erstens lassen sich auch mit einer Kleinkalber-Waffe Menschen töten - und das noch besonders geräuschlos. Zweitens ist die Lagerung scharfer Waffen in Schützenhäusern auch keine Option, da hier bei einem Einbruch gleich große Mengen von Waffen entwendet und (vermeintlich) für Straftaten verwendet werden können.
Dass dies alles nur Einzelfälle sind, die in der Kriminalstatistik des BKA nicht mal einer gesonderten Erwähnung wert sind, stört Politik und Medien offenbar kein bisschen. Statt dessen lässt man sich von singulären Ereignissen beeinflussen und betreibt mehr oder minder bewusst die Entwaffnung der Bevölkerung.
Stellen wir uns für einen kleinen Moment vor, die wirtschaftliche und gesellschaftliche Lage würde sich in den kommenden Jahren drastisch verschlechtern. Ich rede nicht von ein paar Arbeitslosen mehr oder weniger, sondern von einem wirklichen Zusammenbruch. In einem solchen Szenario wäre der private Waffenbesitz ein Sicherheitsrisiko ungeahnten Ausmaßes. Die große Mehrheit der heute gesetzestreuen Bürger wäre plötzlich ein latentes Risiko für die öffentliche Sicherheit.
Die prophylaktische Entwaffnung der Bevölkerung wäre vor diesem Hintergrund schon beinahe zwingend. Wie praktisch, dass die Tat von Eislingen jetzt auch noch die fehlenden Argumente gegen Kleinkaliber und zentrale Waffenaufbewahrung liefert ...