Ein Anruf bei . . . Helga von Assel, Kulturcafé-Betreiberin

In ihrem Café trifft sich eine Gruppe Senioren zum Singen. Genau dafür wollte die Gema Helga von Assel plötzlich zur Kasse bitten.

interview Von Moritz Lehmann

Helga von Assel betreibt ein Kulturcafé in Fahrdorf an der Schlei, einer 2000-Einwohner-Gemeinde in Schleswig-Holstein. Von Assel, 77, war früher Krankenschwester, jetzt makelt sie mit Immobilien - und kümmert sich um Menschen, die noch ein paar Jahre älter sind als sie. Ihr Café ist eine Begegnungsstätte, unter anderem trifft sich dort eine Gruppe Senioren jeden Monat zum Singen. Genau dafür wollte die Gema, die Gesellschaft für musikalische Aufführungsrechte, Helga von Assel plötzlich zur Kasse bitten. Aber das hat von Assel nun gar nicht eingesehen.

SZ: Frau von Assel, das muss ja eine Riesenveranstaltung sein bei Ihnen, wenn Ihnen jetzt die Gema im Nacken sitzt.

Helga von Assel: Gar nicht! Die Senioren singen hier schon seit zehn Jahren, das sind immer nur ein paar Leute. Zum Teil hochbetagt und krank, manche können kaum den Mund bewegen. Wissen Sie, im Altersheim gibt es ja auch ein Café. Aber dort können die Senioren nur rumsitzen und mit dem Kopf wackeln. Bei uns kommen sie mit anderen Leuten zusammen.

Dieser Aspekt hat die Gema nicht ganz so interessiert.

Natürlich, die Gema interessiert nur das Geld. Wir hatten im Februar 2014 einen Veranstaltungshinweis in der Zeitung, den haben die gelesen. Und dann haben sie uns aufgefordert, eine Liste der Lieder einzureichen, die da gesungen wurden. Ich hätte nie gedacht, dass Liedersingen ein Problem sein könnte! Und ich habe auch keine Ahnung mehr, was vor einem Jahr in welcher Reihenfolge gesungen wurde.

Was gehört denn zum Stammrepertoire?

"Am Brunnen vor dem Tore", "Der Mai ist gekommen", so was. Und natürlich "Hoch auf dem gelben Wagen".

Singen Sie selbst auch kräftig mit?

Nein, aber das Ganze war schon meine Idee. Wir hatten mal eine Gruppe aus dem Altenheim zu Gast, einige Senioren schliefen fast ein am Tisch. Da habe ich gerufen: Na, das ist doch mal ein Liedchen wert, wenn der Kaffee so gut schmeckt!

Und dann haben alle gleich losgelegt?

Da war eine demenzkranke Frau, bei der hat die Betreuerin erst mal abgewimmelt und gesagt, die kann das nicht mehr. Ich habe gesagt, lassen sie die Dame doch mal. Und dann konnte die Frau alle Strophen. Es war herrlich. Seitdem treffen sich etwa zehn Leute einmal im Monat zum Singen.

Das ist natürlich schön für die Leute, aber wenn man sich das Gesetz anschaut: Da ist die Gema wahrscheinlich im Recht.

Ich habe auch nichts gegen die Gema. Aber das Gesetz ist mir unverständlich. Wir sollten die Liste mit den Liedern ja sogar immer schon vorher einreichen - wer kann denn bitte wissen, was ihm an einem fröhlichen Nachmittag zu singen einfällt? Ich finde, die Politik muss das klären: Ob in Deutschland noch gesungen werden darf, ohne dass Gebühren anfallen.

Aber inzwischen haben Sie die Sache doch aufklären können? Es heißt, die Gema bedauere ihren Irrtum.

Die sagen, sie hätten nicht gewusst, dass die Gruppe so klein ist. Eine geschlossene Gesellschaft müsse nichts bezahlen. Das ist nett, aber wir haben ein Café, natürlich ist das öffentlich, da können Leute dazu kommen. Die Gruppe hat überlegt, ob sie nicht oben in meinem Wohnzimmer singen kann, das ist ja privat. Aber im Wohnzimmer wären die Leute nicht versichert. Und behindertengerecht ist es auch nicht.

Was wollte die Gema eigentlich haben?

22,50 Euro pro Veranstaltung, plus Mehrwertsteuer.

Das geht ja noch.

Na ja, ich habe bisher nur eine Rechnung für eine Veranstaltung gekriegt. Für zehn Jahre Singen würde das richtig teuer.