Von der ausgelassenen Party zur Trauerfeier, in Duisburg liegt dazwischen eine kurze Distanz, das kann die 21 Jahre alte Sarah Grewe bezeugen. Mit ihren Freundinnen feierte die junge Frau auf der Loveparade. Eine Woche später ist die Gruppe wieder zusammengekommen, um den 21 Opfern zu gedenken. Täglich ist sind sie wieder mit den Bildern von der Loveparade konfrontiert. Die Bilder von Menschen, die feiern wollten wie sie und panisch nach einem Ausweg aus dem engen Tunnel suchen. Als es passierte bekam Grewe nichts mit - sie befand sich in einer ungefährlichen Ecke der Riesenparty. Nun, im Stadion, sucht auch sie Gespräche. "Es ist einfacher mit dem Erlebten klarzukommen, wenn man sich austauschen kann", sagt die junge Frau. An diesem Tag geht es um das Wir, die Suche nach Gleichgesinntenn, nach gleich Fühlenden.

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Friedrich Vogelpahl ist so einer, schon berufswegen. Hier im Stadion kümmert sich der Beckumer Pfarrer mit 20 anderen Seelsorgern, um die Trauernden. Der Kirchenmann ist nicht zu übersehen: In gelber Warnweste und Pfeife im Mundwinkel streift er durch die grau betonierten Gänge des Stadions. "Kollektive Trauer ist eine gute Form", sagt der 61-Jährige. Vogelpahl ist froh, über jeden Betroffenen, der unter Menschen geht: "Zu Hause ist die Gefahr sehr groß, dass man sich abkapselt und den Schmerz nicht bewältigt".

"Aus der Tiefe rufe ich zu dir: Herr höre meine Fragen", lautet eine Textzeile im ersten Lied, das in der Salvatorkirche gesungen wird und über Lautsprecher sowie Bildschirm ins Stadion übertragen wird. Wer ist schuldig? Wer trägt Verantwortung?

Der Präses der evangelischen Kirche im Rheinland, Nikolaus Schneider, spricht in seiner Predigt von "Menschen, die wie versteinert versuchen, Verantwortung von sich weg zu schieben."

Für die Menschen im Stadion kommt es an, als ob er nur zwei Männer gemeint haben könnte. Den Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland sowie den Veranstalter der Loveparade, Rainer Schaller. Der Politiker sieht sich unbeteiligt, weil er die Genehmigung für die Veranstaltung nicht persönlich unterschrieben hat, der andere sieht Stadt und Polizei in der Schuld. Blanker Hohn für die meisten Duisburger.

Ein Stadtnamen, der für eine Katastrophe steht

Günther Lorentz ist wütend auf beide. "Jeder schweigt sich aus und will es nicht gewesen sein. Hätte der Sauerland Anstand, dann würde er jetzt freiwillig gehen." Auch Heike Krajewski ist sich sicher: "Den will in Duisburg keiner mehr sehen".

21 Kerzen werden in Kirche und Stadion entzündet. Eine für jedes Opfer. Eine junge Ordnerin schluchzt. Mit glasigen Augen starrt sie vor sich hin. Ein junger Mann, nicht viel älter als 20, steht immer wieder auf und verlässt die Tribüne. Draußen zieht er mechanisch an seiner Zigarette, wischt sich Tränen aus den Augen. Er hält das nicht aus, aber gehen will er auch nicht. Cello-Musik aus der Kirche tönt aus den Lautsprechern, im Stadion kommen immer mehr Menschen kommen die Tränen. Die Traurigkeit scheint mit Händen greifbar.

Die Übertragung endet, das gemeinsame Trauern ist längst nicht vorbei. Viele Menschen bleiben sitzen, manche mehr als eine Stunde. Das Begreifen wird für viele dieser Menschen noch lange dauern. Ihre Stadt ist nun zum Inbegriff der Tragödie geworden. So wie Winnenden, so wie Ramstein.

In der Innenstadt startet ein Trauerzug. In einem Park lassen die Teilnehmer 500 weiße Luftballons und 21 schwarze steigen. Der graue Himmel über Duisburg schluckt sie bald.

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  1. Wenn Traurigkeit zum Greifen ist
  2. Sie lesen jetzt "Sauerland? Den will Duisburg nicht mehr sehen"
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(sueddeutsche.de/odg/grc)