Drogenhandel in Mali Wenn der Bürgermeister Koks schmuggelt

Er wurde regelmäßig beim Nichtstun gesehen, habe jedoch unschätzbare Reichtümer besessen: Ein Kleinstadt-Bürgermeister in Mali gilt als Schlüsselfigur des globalen Drogenhandels zwischen Europa und Lateinamerika. Der Mann ist jetzt verhaftet worden - doch das Geschäft dürfte auch ohne ihn weitergehen.

Von Tobias Zick

Möglicherweise hat sich die Nachricht unter Europas Kokain-Konsumenten noch nicht herumgesprochen: Der Bürgermeister von Tarkint ist verhaftet worden. Das ist deshalb eine Nachricht wert, weil Baba Ould Cheikh nicht einfach irgendein Kleinstadt-Bürgermeister in der Wüste ist, sondern offenbar eine Schlüsselfigur im Kokainschmuggel zwischen Lateinamerika und Europa. Im Norden Malis jedenfalls ist Baba Ould Cheikh weit über Tarkint hinaus bekannt - unter anderem dafür, dass man ihn "regelmäßig beim Nichtstun gesehen hat", wie ein Bewohner der Stadt Gao dem französischen Auslandssender RFI sagte, "und trotzdem besitzt er hier unschätzbare Reichtümer".

Woher diese Reichtümer stammen, lässt ein Zwischenfall im November 2009 erahnen: Damals stießen malische Beamte in der Wüste bei Tarkint auf das ausgebrannte Wrack einer Boeing 727. Das Frachtflugzeug, registriert im südwestlich gelegenen Küstenstaat Guinea-Bissau, hatte, so ergaben die späteren Ermittlungen, zwischen fünf und zehn Tonnen Kokain aus Venezuela geladen, war auf jener provisorischen Piste in der Wüste gelandet, und später, als es sich nicht mehr starten ließ, hatten es die Schmuggler in Brand gesteckt.

Baba Ould Cheikh wird verdächtigt, an der Aktion beteiligt gewesen zu sein - und sich außerdem als finanzkräftiger Unterstützer jener islamistischen Extremisten betätigt zu haben, die im vergangenen Frühjahr den Norden des Landes unter ihre Kontrolle gebracht hatten, ehe sie in einer französischen Militäroffensive im Januar aus den Städten vertrieben wurden.

Für seine engen Verbindungen zu den Gotteskriegern war er jedenfalls seit Langem bekannt: Mindestens drei Mal hat er in den vergangenen zehn Jahren als Vermittler zwischen der malischen Regierung und islamistischen Terroristen fungiert, um über die Freilassung europäischer Geiseln zu verhandeln. Der frühere Präsident Amadou Amani Touré, der im März vergangenen Jahres von jungen Offizieren gestürzt wurde und seinerseits verdächtigt wird, am Kokainhandel fürstlich mitverdient zu haben, nannte ihn angeblich "mon bandit".

Drogen im Wert von 1,25 Milliarden Dollar

Die Verhaftung von Baba Ould Cheikh wirft ein Schlaglicht auf die Verflechtungen zwischen islamistischem Terror, Kokainschmuggel und Regierungskreisen im Norden Malis. Seit fast einem Jahrzehnt gilt die westafrikanische Wüste als wichtige Drehscheibe für den globalen Drogenhandel: Das Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) schätzt, dass jährlich Kokain und andere Drogen im Wert von mehr als 1,25 Milliarden Dollar durch Mali und andere westafrikanische Staaten in Richtung Europa geschmuggelt werden. "Die westafrikanische Transitroute", erklärte letztes Jahr UNODC-Chef Jurij Fedotov vor dem UN-Sicherheitsrat, "versorgt einen europäischen Kokainmarkt, der in den vergangenen Jahren um das Vierfache gewachsen ist, auf fast den gleichen Umfang wie der US-Markt."

Schon bevor islamistische Extremisten im Frühjahr 2012 den Norden Malis unter ihre Kontrolle brachten, hatte sich die Region zu einer geradezu idealen Drehscheibe für den globalen Kokainhandel entwickelt: Sie liegt geografisch in etwa auf halber Strecke zwischen Südamerika und Europa, und das unterbezahlte und -qualifizierte malische Militär war im Norden des Landes kaum präsent.

Der Seeweg zwischen Südamerika und Westafrika, entlang des 10. Breitengrades, ist unter europäischen und US-amerikanischen Drogen-Ermittlern auch als "Highway 10" bekannt: Die Ware kommt per Containerschiff oder auch per Flugzeug in Staaten wie Guinea-Bissau, Nigeria und Togo an, wird in der Region aufbereitet und von dort über verschiedene Sahara-Routen nach Europa weitergeschickt - und hilft unterwegs kriminellen Organisationen wie "Al-Qaida im Islamischen Maghreb" und der "Bewegung für Einheit und Dschihad in Westafrika", etwa ihre großzügigen Waffenkäufe zu finanzieren. Die Islamisten haben in den Monaten ihrer Herrschaft über den Norden Malis offenbar eng mit den etablierten Drogenbaronen der Region zusammengearbeitet; laut dem US State Department gewährten sie den Schmugglern "Schutz und Erlaubnis, um Ware durch Gebiete unter ihrer Kontrolle zu transportieren". Dafür kassierten sie eine Art Steuer von zehn bis 15 Prozent auf den Warenwert.

"Mister Marlboro" mit Doppelmoral

Anfang März meldeten Truppen aus dem Sahel-Staat Tschad, die in Mali gemeinsam mit den Franzosen gegen Extremisten kämpfen, sie hätten Mokhtar Belmokhtar getötet, einen der Anführer von "Al-Qaida im Islamischen Maghreb" und Organisator der Geiselnahme auf dem algerischen Gasfeld von In Amenas im Januar diesen Jahres - sein Tod ist allerdings bis heute nicht sicher bestätigt. Belmokhtar, seit einem Zwischenfall beim Dschihad in Afghanistan auch als "Der Einäugige" bekannt, hatte sich in der Region einen zweiten Spitznamen erworben: "Mister Marlboro". Der Mann, der für die strenge Durchsetzung der Scharia in Mali kämpfte (Alkohol und Rauchen unter schwerer Strafe verboten), verdiente jahrelang am Zigarettenschmuggel und nach und nach immer mehr auch am Handel mit südamerikanischem Kokain.

Einen Eindruck davon, wie lukrativ das Geschäft in den vergangenen Jahren gewesen ist, vermittelt ein Vorort der nordmalischen Stadt Gao, den Einheimische "Cocainebougou" nennen - Kokainstadt: weiß getünchte Villen mit Säulen und Torbögen; mehrere der Häuser sollen, so hat es ein Reporter des US-Magazins Foreign Policy vor Ort recherchiert, jeweils um die 300.000 Dollar gekostet haben. Inzwischen stehen die meisten davon leer, einige sind geplündert worden; ihre Bewohner, heißt es, seien geflohen, als die Franzosen kamen.

Die französische Militäroffensive gegen die islamistischen Gruppen im Norden Malis hat die Handelswege in der Region unterbrochen - doch die Schmuggler-Organisationen haben offenbar längst begonnen, sich neu zu organisieren. Mitte März etwa hat die spanische Marine etwa 700 Seemeilen vor den kapverdischen Inseln ein aus Venezuela kommendes Frachtschiff abgefangen, das 1,8 Tonnen Kokain an Bord hatte - die Fracht sollte offenbar auf hoher See auf ein anderes Schiff umgeladen werden. Neue Transitrouten bilden sich offenbar gerade auch quer durch Angola, Kongo und Libyen.

An der Bereitschaft der Kartelle, sich an veränderte Rahmenbedingungen schnell anzupassen, besteht jedenfalls kein Zweifel: "Die Profitmargen im Kokainhandel-Business sind so gewaltig", sagte der Pariser Terrorismusforscher und Kriminologe Xavier Raufer der Nachrichtenagentur AFP, "dass längere Schmuggelwege und höhere Transportkosten kein Problem sind."