Bundeskriminalamt Rauschgiftkriminalität steigt weiter an

Seit sieben Jahren nehmen die Drogendelikte wieder zu. 2017 hat sich die Menge des sichergestellten Kokains im Vergleich zum Vorjahr vervierfacht.

Von Kerstin Lottritz

Wächst in Deutschland das Drogenproblem erneut an? Dieser Eindruck entsteht, wenn man sich den aktuellen Bericht zur Rauschgiftkriminalität des Bundeskriminalamts ansieht. Demnach sind nun bereits im siebten Jahr in Folge die Drogendelikte angestiegen. 2017 wurden insgesamt 330 580 Straftaten im Zusammenhang mit Drogen registriert. Das ist ein Anstieg um 9,2 Prozent und auf die vergangenen sieben Jahre gerechnet sogar ein Anstieg um 43 Prozent. Eine Zunahme gab es sowohl beim Konsum als auch beim Handel. Dem Bericht zufolge ist vor allem bei Kokain und Cannabis die Zahl der ermittelten Straftaten gestiegen.

"Die angezeigten Drogendelikte sind reine Kontrolldelikte", sagt Jörg-Martin Jehle, Professor für Kriminologie von der Universität Göttingen. Das heißt: Je mehr die Polizei kontrolliert, desto mehr Straftaten werden aufgedeckt. Auch Holger Münch, Chef des Bundeskriminalamts (BKA), bestätigt, dass der Anstieg der Delikte auch auf verstärkte Polizeiaktionen zurückzuführen ist. Daneben sei aber auch die Verfügbarkeit gestiegen und der Zugang zu Drogen durch das Internet erleichtert.

In bestimmten Kreisen ist Drogenkonsum alltäglich

Die Straftaten im Zusammenhang mit Cannabis machen mit etwa 60 Prozent den mit Abstand größten Teil der Delikte aus. Im Vergleich zum Vorjahr sind die Cannabis-Delikte um 11,8 Prozent angestiegen. Auch der Konsum ist in den vergangenen Jahren in ähnlichem Maße angestiegen, wie die Drogenaffinitätsstudie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung aus dem Jahr 2015 zeigt. Demnach stieg der Konsum bei den jungen Erwachsenen im Alter von 18 bis 25 Jahren seit 2008 wieder.

Dennoch ist sich Jehle sicher: "Cannabis ist keine Einstiegsdroge." Nach Dunkelfeldstudien konsumieren mindestens ein Drittel aller jungen Erwachsenen gelegentlich oder mindestens ein Mal in ihrem Leben Cannabis. "Das bedeutet natürlich nicht, dass sie alle Fixer werden. Das ist nur bei einer kleinen Minderheit der Fall."

In einigen gesellschaftlichen Kreisen sei Drogenkonsum alltäglich, sagt die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU): "Ich will keine Gesellschaft, in der der Konsum riskanter Drogen zur Normalität gehört."

Auch bei den Delikten im Zusammenhang mit Kokain war der Anstieg mit 17,9 Prozent besonders deutlich. So habe sich BKA-Chef Münch zufolge etwa die Menge des sichergestellten Kokains im vergangenen Jahr vervierfacht. Die Ermittler stellten insgesamt mehr als 8100 Kilogramm sicher. Dazu trugen vor allem drei große Funde im Hamburger Hafen bei.

Handel im Internet statt in dunklen Ecken

Vor besondere Herausforderungen stellt die Ermittler der Handel im Internet. Wer Drogen kaufen will, müsse nicht mehr Dealer in zwielichtigen Stadtteilen aufsuchen und sich "in dunklen Ecken herumdrücken", sagt Münch. Stattdessen bestellen Konsumenten die Drogen im Internet, die dann per Post oder Kurierdienst geliefert werden. Das BKA habe deshalb eigene Cyberspezialisten, die auch im sogenannten Darknet ermitteln können. Zwei der zu dem Zeitpunkt größten Darknet-Marktplätze für Drogen wurden Mitte 2017 abgeschaltet - eine der Plattformen hatte rund 200 000 Nutzer, darunter 40 000 Verkäufer.

75 Tote durch Kräutermischungen

Neben den klassischen Drogen stellen weiterhin die sogenannten Legal-High-Drogen ein Problem dar. Sie werden etwa als Kräutermischungen im Internet verkauft und suggerieren so dem Käufer, dass es sich gar nicht um sonderlich gefährliche Substanzen handele, sagte Münch. Doch allein im vergangenen Jahr sind 75 Menschen nach dem Konsum derartiger Drogen gestorben. "Die Wirkung ist für den Nutzer unberechenbar", sagte Münch. Insgesamt ist die Zahl der Drogentoten aber im vergangenen Jahr erstmals wieder leicht gesunken, wie die Drogenbeauftragte der Bundesregierung in der vergangenen Woche bereits mitgeteilt hatte.

Besser Hilfe statt Strafe

Das deutsche Recht ist, wenn es um die Süchtigen geht, ziemlich eindeutig: Strafe muss sein. 6000 Menschen sind in Haft, obwohl sie niemandem etwas getan haben - außer sich selbst. Kommentar von Ronen Steinke mehr...