Doku über "Hansa Stavanger"-Entführung Er gehört zu mir

122 Tage überlebte Krzysztof Kotiuk, Kapitän der Hansa Stavanger (im Hintergrund), als Geisel des Somaliers Ahado. (Im Bildvordergrund die deutsche Fregatte Brandenburg als Eskorte zum Hafen von Mombasa nach dem Ende der Entführung)

Am 4. April 2009 entführte der somalische Pirat Ahado den deutschen Kapitän Krzysztof Kotiuk. Der Dokumentarfilm "Der Kapitän und sein Pirat" lässt die beiden Protagonisten im Wechsel erzählen - die Geschichte von zwei Männern, die einander nicht vergessen können.

Von Alex Rühle

Schwarz-Weiß tut ja so gut. Diese Übersicht und Klarheit. Hier der Gute. Da der Böse. Auf der einen Seite der besonnene Kapitän, auf der anderen ein Pirat auf Drogen: Ahado, Kopf einer durchgeknallten Somali-Bande, die die Hansa Stavanger am 4. April 2009 auf offener See entert, die Mannschaft mit Scheinhinrichtungen und Köpfungsvideos terrorisiert, das Schiff verwüstet, permanent Kat kaut und herumbrüllt, und am Ende mit 2,75 Millionen Dollar abhaut.

Auf der anderen Seite der erfahrene Krzysztof Kotiuk, der jahrelang die sieben Weltmeere befahren hat und die 24-köpfige Mannschaft seines Schiffs rettet, indem er, auf sich allein gestellt, vier Monate lang souverän reagiert.

Weiß-schwarz kann man das Ganze natürlich auch erzählen: die armen Piraten. Sind doch alles ehemalige Fischer aus stolzen Handelsstämmen, denen die Trawler die Lebensgrundlage entzogen haben, weil sie die Meere leerfangen. Mit ihren Überfällen auf die Containerschiffe nehmen sie mutig Rache an der Globalisierung.

Und hey, eine Handvoll Piraten, die erst mit ihren Nussschalen einen Ozeanriesen in ihre Gewalt bekommen und dann die Bundesregierung in die Knie zwingen - muss man auch erst mal schaffen. Der Berliner Krisenstab hatte sich anfangs geschworen, nicht zu zahlen. Aber der Versuch, die Stavanger mithilfe deutscher Kriegsschiffe zu befreien, scheiterte kläglich. Am Ende warf ein Kleinflugzeug die geforderten 2,75 Millionen ab, alle Piraten konnten entkommen.

Ach ja, Weiß-Weiß geht ebenfalls: zwei Antagonisten, die im Laufe der Geiselnahme Lebensfreunde werden. So wollten die Geschichte kürzlich ein paar deutsche Journalisten inszenieren, Kotiuk sollte nach Mogadischu fliegen und ein Wiedersehen mit Ahado feiern. Weil er ihm doch damals, am Ende des Albtraums, als Ahado nach 122 Tagen mit seinem Anteil der Beute von Bord ging, seine Schuhe geschenkt hat und sein letztes Hemd. Und weil Ahado beides bis heute trägt.

Die Wahrheit liegt wie immer irgendwo dazwischen und ist deshalb ungefähr so grau wie Krzysztof Kotiuks Gesicht. Der ehemalige Kapitän sitzt an einem Dezembernachmittag in einer kleinen Wohnung in Chiavari, einem Dorf bei Genua, und sagt: "Was für ein absurder Vorschlag, Ahado ist doch nicht mein Freund. Und ich flieg' auch bestimmt in diesem Leben nicht mehr nach Mogadischu."

Kotiuk hat, als er das sagt, schon eine Stunde erzählt: Davon, wie sich die Geiselnehmer freuten, als sie merkten, dass unter den 25 Geiseln fünf Deutsche waren: Für Tuvalus oder Bangladescher kann man kein Geld erpressen. Für Deutsche wird im Schnitt eine halbe Million Euro gezahlt. Wie sich die Zeit in den Wochen der Entführung in einen bleiernen Ozean verflüssigte.