Deutsches Rotes Kreuz "Immer mehr Migranten gelten als vermisst"

Die Wiedervereinigung eines afghanischen Flüchtlingsjungen mit seiner Familie am Flughafen Hannover-Langenhagen.

(Foto: dpa)

Nie waren mehr Menschen auf der Suche nach ihren Angehörigen. Martin Schuepp vom Roten Kreuz über die Sehnsucht nach Gewissheit und über Fälle, in denen Familien wiedervereint werden.

Interview von Max Sprick

Martin Schuepp ist Vize-Direktor für Europa und Zentral-Asien des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz in Genf. Wenn es um die Arbeit in Konfliktregionen geht, ist Schuepps Organisation die mit der tragendsten Rolle unter den Rotkreuz-Gesellschaften. Sie ist der Ansprechpartner für Menschen, die ihre Angehörigen verloren haben. Zum Internationalen Tag der Vermissten am 30. August zieht das Rote Kreuz nun Bilanz.

Herr Schuepp, das Deutsche Rote Kreuz erreichten im vergangenen Jahr 2800 Anfragen von Flüchtlingen, die Angehörige suchen - mehr Suchanfragen als je zuvor. Haben Sie eine Erklärung?

Martin Schüepp: Krieg, Flucht und Vertreibung sind die Gründe dafür, dass immer mehr Migranten als vermisst gelten. Dieses Phänomen ist ein globales - und ein sehr komplexes.

Warum?

Oft befinden sich ja ganze Familien auf der Flucht. Die Menschen, die suchen oder gesucht werden, wohnen meist nicht mehr an ihren früheren Orten, sind über verschiedene Länder zerstreut. Deswegen haben wir eine Webseite gestartet, um auch verzwickte Fälle lösen zu können.

Auf dem Internetportal "Trace-the-Face" können Suchende seit Ende 2013 ein Foto von sich hochladen und angeben, welchen Familienangehörigen sie suchen.

Seitdem wurden 3881 Fotos veröffentlicht. Das klingt erstmal nach nicht so viel, man muss aber wissen, dass "Trace-the-Face" oft der letzte Versuch von Suchenden ist. Sie haben eigentlich schon alle herkömmlichen Such-Methoden ausgeschöpft, haben selbst erfolglos nach ihren Angehörigen über soziale Netzwerke oder Bekannte und Verwandte gesucht oder sich an das Rote Kreuz oder den Roten Halbmond in ihrem Land gewandt. Bisher konnten wir über das Internetportal 59 Fälle lösen, die sonst wahrscheinlich niemals aufgeklärt worden wären. 2017 haben wir schon mehr positive Fälle als im gesamten Jahr 2016.

Wie gelingt das konkret?

Verschiedene Rotkreuz-Gesellschaften arbeiten dafür zusammen. Suchende ab 15 Jahren können ihr Bild einstellen und angeben, welchen Angehörigen die abgebildete Person sucht. Gleichzeitig hängen die Suchdienste dann Poster von ihnen aus. Wer daraufhin seinen Angehörigen im Internet wiedererkennt, klickt auf ein Kontaktformular und kann ganz simpel Kontakt mit dem Roten Kreuz herstellen. Das führt dann einen Background-Check durch, um den Kontakt zu legitimieren. Ein direkter Kontakt eines Unbekannten über die Fotos ist nicht möglich.

Nicht jeder aber, gerade nicht jeder Flüchtling, hat Zugang zum Internet.

Richtig. Um auch diese Menschen zu finden und zu vermitteln, sammeln wir so viele Daten von Migranten wie möglich. In einer Datenbank sammeln und vergleichen wir Namen und Namensbestandteile nach neuesten technischen Methoden. Auch eine Gesichtserkennungssoftware kommt jetzt zum Einsatz, die Fotos von Flüchtlingen und Asylsuchenden mit unserer nur für Mitarbeiter zugänglichen Datenbank abgleicht.

Ein weiteres Problem ist oft nicht nur der fehlende Internet-Zugang, sondern die Tatsache, dass viele Menschen auf der Flucht umgekommen sind.

... und ohne Identifizierung begraben werden. Ihre Familien bleiben ohne jede Information. Wie schon bei den Opfern der Balkankriege sammeln wir daher heute wieder Ante-Mortem-Daten: unveränderliche Kennzeichen, äußerliche Besonderheiten, Skelett- und Zahnstatus. Die Toten dürfen ihrer Identität nicht beraubt werden.

Ist das der Grund, warum das Rote Kreuz auch heute noch, 72 Jahre nach Kriegsende, nach Vermissten aus dem Zweiten Weltkrieg sucht?

Das Deutsche Rote Kreuz haben im vergangenen Jahr knapp 9000 Suchanfragen nach Vermissten aus dem Zweiten Weltkrieg erreicht. Diese Zahl zeigt, dass das Thema in Deutschland immer noch viele Menschen bewegt - deswegen haben wir unsere Unterstützung für diese Suchen bis ins Jahr 2023 verlängert. Viele Hinterbliebene sind bislang nicht zur Ruhe gekommen, weil sie nicht wissen, was mit ihren Angehörigen passiert ist. Daraus ergibt sich auch eine Verbindung in die Gegenwart, zu einem ganz aktuellen Konflikt. In der Ukraine gelten momentan 1500 Menschen als vermisst. Wir glauben, dass es möglich ist, dafür zu sorgen, dass Vermisste gar nicht erst als vermisst gelten.

Wie wollen Sie das erreichen?

Durch rechtliche und institutionelle Rahmenbedingungen. Staaten müssen ihrer humanitären völkerrechtlichen Verpflichtung nachkommen, das Schicksal und den Verbleib Vermisster zu klären und deren Familien entsprechend zu informieren.