Deutscher Hitzerekord Der heißeste Tag seit über 100 Jahren

Seit Tagen haben wir darauf gewartet. Nun hat das Hoch "Michaela" das saarländische Örtchen Perl-Nennig mit 40,8 Grad eingeheizt.

Nach rund 111 Jahren hat die Oberpfalz am Freitag voraussichtlich den deutschen Hitzerekord verloren. In Perl-Nenning im Saarland hat der Wetterdienst Meteomedia des ARD-"Wetterfrosches" Jörg Kachelmann mit 40,8 Grad einen neuen deutschen Spitzenwert gemessen. Allerdings muss die Station nun erst abgebaut und der spektakuläre Messwert in einer "gängigen und aufwendigen" Untersuchung überprüft werden, sagte Kachelmann am Freitag der dpa.

Am 27. Juli 1983 war in Gärmersdorf bei Amberg die bislang gültige Höchstmarke von 40,2 Grad erreicht worden. Zuvor schon hatte Amberg seit dem 17. August 1892 den Rekord mit 39,8 Grad gehalten, erklärte Jens Brehmer vom Geophysikalischen Messzug der Bundeswehr in Kümmersbruck. Nach der Rekordhitze von 1983 war die Wetterstation Gärmersdorf nach dem Gemeindezentrum Kümmersbruck benannt worden.

Vorhersage fürs Wochenende

Hitzehoch "Michaela" lässt Deutschland auch in den nächsten Tagen schwitzen und stöhnen. Die extremen Temperaturen und der Sonnenschein halten sich über das Wochenende hinaus. Unklar ist noch, ob es sich von Mitte nächster Woche an ganz allmählich oder rascher abkühlt, wie Meteorologe Thomas Schmidt vom Deutschen Wetterdienst (DWD) sagt. "Die Möglichkeit, dass das hochsommerliche Wetter anhält, besteht aber durchaus." Die Menschen zwischen Kiel und Konstanz, Kaiserslautern und Köthen können sich auf ein Super-Sommer-Wochenende freuen.

Hitzegewitter gibt es am Samstag nur vereinzelt. Meist gehört der Himmel der Sonne ganz allein, nur gelegentlich ziehen ein paar Wölkchen vorüber. Die Temperaturen klettern zumindest auf Höchstwerte bis 38 Grad. Urlauber am Meer haben bei angenehmen 28 bis 33 Grad und Wassertemperaturen um 20 Grad optimales Ferienwetter. In westlichen und südlichen Gebirgslagen sind auch am Sonntag vereinzelt Hitzegewitter möglich.

In der ersten Wochenhälfte steigt das Gewitterrisiko überall etwas.

Der Äquator rückt nach Norden

"Der meteorologische Äquator scheint sich um 20 Breitengrade nach Norden verschoben zu haben", sagte Giampiero Marracchi vom Wetterforschungszentrum in Florenz. "Es ist so, als würde die (afrikanische) Wüste nach Norden wandern."

Wo Michaela herkommt

Das Hoch "Michaela", das für die derzeitige Hitzewelle verantwortlich ist, war eigentlich ein Weihnachtsgeschenk. Jedenfalls der Name. Ein Justizverwaltungsbeamter aus dem baden-württembergischen Hegau schenkte seiner gleichnamigen Frau die Patenschaft für das 39. Hoch des Jahres 2003.

"Zunächst wusste sie wenig mit dem Geschenk anzufangen" erinnert sich Pascal Simon heute an die ungewöhnliche Überraschung unterm Weihnachtsbaum. Es war ja nur ein offizielles Papier der Freien Universität (FU) Berlin. Die beiden konnten nicht ahnen, dass es ein potenzielles Rekord-Hoch werden würde.

Am 1. August tauften die FU-Meteorologen das Hoch offiziell. "Da habe ich mir schon gedacht, dass es heiß wird," sagt Simon. Es kam noch dicker: Seit Tagen sorgt "Michaela" für Temperaturen knapp unterhalb der 40-Grad-Grenze - der historische Hitze-Rekord von 40,2 Grad aus dem Jahre 1983 könnte fallen. Und ein Ende ist nicht abzusehen.

Die alte deutschen Rekorde

Um den Sommer aber objektiv vergleichbar zu machen, misst der Deutsche Wetterdienst seit 1901 flächendeckend die Temperaturen. 4000 Stationen verteilen sich über ganz Deutschland und haben folgende Höchstgrade repräsentativ gemeldet:

40,2 Grad am 27. Juli 1983 in Gärmersdorf bei Amberg, 40,0 Grad am 27. Juli 1983 in Ingolstadt, 39,6 Grad am 5. August 1994 in Gera, 38,9 Grad am 4. August 2003 am Mannheimer Flughafen, 38,7 Grad am 9. August 1992 in Teterow bei Berlin, 38,6 Grad am 9. August 1992 in Potsdam und in der Lüneburger Heide.

Die Nacht zum Freitag war die heißeste Nacht in Deutschland seit Beginn der Messungen. An mehreren Stationen seien die Niedrig- Temperaturen so hoch gewesen wie nie zuvor, berichtete Meteorologe Norbert Bonanati vom Deutschen Wetterdienst.

In Weinbiet an der Weinstraße (Rheinland-Pfalz) war die Tiefst- Temperatur mit 26,7 Grad so hoch wie noch nie an irgendeiner Station des Wetterdienstes. Bisheriger Rekordhalter war Freiburg mit 26,0 Grad am 5. Juli 1957. Kältester Ort war in der Nacht zum Freitag die Zugspitze mit 6,9 Grad, gefolgt von Baruth in Brandenburg mit 10,8 Grad.

Die kältesten Orte in Deutschland

Wer der brütenden Hitze entfliehen will und innerhalb Deutschlands Abkühlung sucht, sollte gen Norden reisen. An der Nord- und Ostseeküste liegen die Tagestemperaturen fast überall unter 30 Grad, wie eine Sprecherin des Deutschen Wetterdiensts am Freitag berichtete. Am angenehmsten sei es zurzeit an der Ostseeküste: "Dort erreichen die Temperaturen 24 bis 27 Grad, dazu weht eine angenehme Brise vom Meer." Kap Arkona an der Nordspitze Rügens meldete Freitagmittag 24 Grad, auf Sylt und Borkum waren es 26 Grad.

Der "coolste Ort" Deutschlands liegt aber natürlich auf der Zugspitze, dem höchsten Berg der Republik. Dort wurden Freitagmittag Frösteltemperaturen von 10 Grad gemessen, auf dem Wendelstein in den bayerischen Alpen 18 Grad.

Doch nicht auf allen Bergen ist es zurzeit kühl: Auf dem 840 Meter hohen Kahlen Asten in Nordrhein-Westfalen kletterte das Quecksilber auf 28 Grad, auf dem Feldberg sogar auf 30 Grad.

Summe der heißen Tage ist rekordverdächtig

Die aktuelle Hitzewelle in Deutschland könnte nach Ansicht von Meteorologen mehr als 100 Jahre alte Klimarekorde brechen: "Dieser Sommer wird auf jeden Fall in die Geschichtsbücher der Klimatologen eingehen", sagte der Meteorologe Jens Hoffmann vom Deutschen Wetterdienst. "Es ist äußerst schwierig, ähnliche Sequenzen mit einer so andauernden Hitze zu finden."

Eine historische Statistik über Hitzeperioden im gesamten Bundesgebiet habe der Deutsche Wetterdienst derzeit nicht parat, räumte Hoffmann ein. Auch seien keine generellen Aussagen über Perioden trockener Hitze in Deutschland möglich. Am Beispiel des Frankfurter Raums lasse sich jedoch regional das außergewöhnliche Klima dieses Sommers erkennen: "Mit der Anzahl der heißen Tage über 30 Grad befinden wir uns auf sehr gutem Weg, das zu toppen, was hier bisheriger Rekord gewesen ist", sagte Hoffmann.

So habe es im Rhein-Main-Gebiet zuletzt im Sommer 1859 eine ähnlich konstante Hitzeperiode gegeben. In anderen ebenfalls heißen Jahren wie 1858, 1994 oder 1995 sei es dort aber nicht über drei Monate hinweg so sommerlich gewesen. Hinzu komme, dass der Sommer 2003 nicht nur heiß, sondern auch außergewöhnlich trocken sei und eine beständige Großwetterlage für die gesamte Bundesrepublik biete.

Laut Wetterdienst ist für den Frankfurter Raum nur der Sommer 1859 vergleichbar mit dem aktuellen. Damals sei zwar der Juni mit 15 Tagen mit mindestens 25 Grad weniger heiß gewesen als der Juni 2003 mit 25 Tagen. Dafür habe das Thermometer im Juli 1859 aber an 29 Tagen mindestens 25 Grad angezeigt und im August an 26 Tagen. Zum Vergleich: In Sommer 2003 gab es laut Wetterdienst im Frankfurter Raum im Juni 25 Tage mit mindestens 25 Grad und im Juli 23 Tage.

(sueddeutsche.de/ dpa/ AP)