Deutsche Bergsteiger sterben in Schweizer Alpen "Dieser Berg wird unterschätzt"

Ein Mann aus Berlin überlebte nur, weil er wegen eines Schwächeanfalls vor dem Gipfel zurückblieb. Dann sah er seine beiden Kinder in die Tiefe stürzen. Experten streiten, wie es zu dem Unglück am Lagginhorn im Schweizer Wallis mit fünf Toten kommen konnte - und ob die Bergsteiger angeseilt waren.

Die Besteigung eines Viertausenders ist für Hobby-Alpinisten eine Art Ritterschlag, und das Lagginhorn im Schweizer Kanton Wallis gilt mit 4010 Metern als eines der einfacheren Ziele für Gipfelsammler. Vor allem der Normalweg lockt Hochtouristen, da er laut Fachterminus als "wenig schwierig" eingestuft wird. Noch nie hat sich an diesem Berg eine solche Tragödie ereignet wie am Dienstag, als fünf deutsche Alpinisten ums Leben kamen. Sie befanden sich bereits im Abstieg.

Die aus sechs Bergsteigern bestehende Gruppe war früh am Morgen von der 2726 Meter hoch gelegenen Weissmieshütte aufgebrochen. Einer der Bergsteiger blieb wegen eines Schwächeanfalls knapp 100 Meter unterhalb des Gipfels zurück. Wenig später wurde der Berliner Zeuge, wie seine fünf Begleiter gegen Mittag den Gipfel erreichten und auf dem Rückweg knapp unterhalb des Gipfels etwa 400 Meter tief in den Tod stürzten.

Unter den Verunglückten waren auch seine 14-jährige Tochter und sein 19-jähriger Sohn. Zu den Opfern zählen außerdem ein 43-Jähriger und dessen Sohn aus Rheinland-Pfalz sowie ein 20-jähriger Mann aus Nordrhein-Westfalen. Als der Überlebende gegen 13 Uhr den diensthabenden Hüttenwart per Mobiltelefon über den Unfall informierte, habe er nach den Worten der Kantonspolizei unter Schock gestanden.

Bis Mittwochabend blieben mehrere ungeklärte Fragen, über die in Nachrichtenportalen spekuliert und die auch von offizieller Seite unterschiedlich beantwortet wurden: Herrschte Nebel? Waren die Bergsteiger angeseilt? Konnte eine Lawine das Unglück ausgelöst haben? Da alle fünf gleichzeitig abstürzten, deutet vieles darauf hin, dass im Seilschaftsverbund gegangen wurde. Bei solchen Mitreißunfällen reicht manchmal eine Person aus, um beim Abrutschen die anderen mitzuziehen. Polizeisprecher Roberto Kalbermatten erklärte am Mittwoch: "Gemäß ersten Erkenntnissen waren die Bergsteiger zum Unfallzeitpunkt nicht angeseilt." Bruno Jelk von der Bergrettung Zermatt versicherte wiederum, dass die Bergsteiger miteinander verbunden gewesen wären.

Rutschten die Bergsteiger im Schnee weg?

Diskussionsstoff lieferten auch andere Fragen des Unfallhergangs wie die vorherrschenden Wetter- und Bodenverhältnisse. Zum Zeitpunkt des Unglücks soll Nebel aufgezogen sein. Andererseits waren die Sichtverhältnisse wiederum so weit in Ordnung, dass der Helikopter Sucharbeiten durchführen und der wartende Bergsteiger die Tragödie offenbar mit eigenen Augen verfolgen konnte. Allerdings hatte es in den Tagen zuvor stark geschneit. Der sehr weiche Schnee diente möglicherweise als Nährboden für eine tödliche Lawine. Bergführer Arthur Anthamatten hat wiederum einen anderen plausiblen Erklärungsansatz: "Sie sind vermutlich weggerutscht, weil Eis unter dem Schnee war."

Eines wurde jedoch früh deutlich: Auch wenn das Lagginhorn für erfahrene Berggänger keine sonderliche Herausforderung darstellt, ist selbst die Normalroute mit Kletterstellen im II. Grad längst kein Wandergelände mehr. "Das Problem ist, dass man diesen Berg gerne unterschätzt" sagt Pierre Mathey, Sprecher des Bergführerverbandes in der französischsprachigen Schweiz. Zudem setzen Hochtouren, die in vergletschertes Gelände führen, Wissen und Erfahrung voraus.