Der weite Weg der Krabben Am Anfang ist das Meer

Von Greetsiel nach Tanger und zurück - warum es sich lohnt, um ein kleines Tier so großen Aufwand zu treiben.

Von von Karin Steinberger

Von Greetsiel nach Tanger - Alwin Kocken trifft keine Schuld. Er hat alles versucht. Hat sein ganzes Leben mit dem Untier gekämpft. Crangon crangon, die Nordseekrabbe. Grausam in ihrer Weichheit und Winzigkeit. Maschinell bis jetzt unbezwingbar. Zehn Füße, zwei lange Fühler, sandglasige Farbe, bis zu acht Zentimeter lang. Wenn man Glück hat.

Mit Schale, Kopf, nur ein bisschen zerzauster

Glück. Für Alwin Kocken waren die Krabben immer zu kurz, zu weich, zu gerade, zu lange gekocht. Sie waren alles, nur nicht perfekt. An ihrer Verschiedenheit ist er gescheitert. Denn nur die perfekten lassen sich gleichmäßig ausrichten, durch Vakuum ansaugen, mit Messerchen den Bauch aufschlitzen, mit Druckluft aus der eigenen Schale herausblasen. Nur die perfekten kommen aus Alwin Kockens Krabbenpulmaschine gepult heraus. Der Rest kommt raus, wie er reinkommt. Mit Schale, Kopf, nur ein bisschen zerzauster.

Es war also nur eine Frage der Zeit, bis die Buchhalter Marokko entdeckten. Hinter Alwin Kockens Maschine in seinem Haus in Spieka-Neufeld, nicht weit von Cuxhaven, sitzen Inder und Pakistani, die mit schnellen Griffen Ungeschältes aussortieren. Die Vier sind der unverzeihliche Kostenfaktor, Kockens Untergang. Vorbei die Zeiten, als sie ihn den "Panzerknacker vom Nordseedeich" nannten. Sein einziger Krabbenpul-Maschinenbau-Konkurrent, der Holländer Ilja van Woensel, hat in den Siebzigerjahren ein paar seiner eigenen Pulmaschinen verkauft, bevor sie verschrottet wurden. "Sahen besser aus als meine. Aber hinten kam nur Scheiße raus", sagt Kocken, der nie eine seiner Maschinen verkauft hat. Dafür sei der Holländer verrückt geworden, am Krabbenproblem zerbrochen.

Kocken sagt, er selber sei normal, weil er sich nie ausschließlich auf die Maschine konzentriert habe. Wenn er ein bisschen jünger wäre, würde er sich trotzdem an die Erfindung einer Nachsortiermaschine machen. Interessenten gibt es dafür keine mehr. Die Mädchen in Marokko sind unbezahlbar billig.

Hin zum Kochtopf

Alwin Kocken sitzt da, mit seinem weißen Seemannsbart, in seinem Haus gleich hinterm Deich. "Marokko ist ja an sich'ne ganz saubere Angelegenheit, das muss man ja leider sagen. Die liefern Krabbenfleisch mit einer geringeren Keimzahl als ich mit der Maschine. Trotz Marokko und zurück." Alwin Kocken, seit seinem 15. Lebensjahr Krabbenfischer, Erfinder der unbrauchbaren Krabbenpulmaschine, Hersteller von Krabbenfleisch, gibt seine Krabben mittlerweile auch nach Marokko. Wenn der Kunde es wünscht. Und er wünscht es. Weil es billiger ist. Globalisierung nennt man das. Kocken nennt es Wahnsinn. Aber er weiß, wann er einen Kampf verloren hat. Die Frauen da unten, hat er gehört, stehen Schlange, nur um reinzukommen in die Fabrik. "Das muss man sich mal vorstellen, da geht es um Pfennigbeträge, und hier drehen sich die Leute um und gehen wieder, wenn sie sehen, was sie machen sollen."

Irgendwo da draußen müssen sie sein

Marokko also. Die Reise beginnt in Ostfriesland. Greetsiel. Der Krabbenkutter heißt Gee1, der Kapitän Werner Poppinga. Mehr ist nicht zu erfahren um diese Uhrzeit. Es ist 5.30 Uhr morgens, es ist kalt und finster. Der Mond sieht aus wie an den Himmel gepappt. Irgendwo da draußen müssen sie sein, die Krabben, zwischen Borkum und Juist im ostfriesischen Wattenmeer. Wenn Werner Poppinga sein Fanggeschirr weit geöffnet über den Meeresgrund schleppt, ist vieles Glückssache. Genaues weiß man erst, wenn das Netz aus dem Wasser kommt.

"Es ist jedesmal eine Überraschung", sagt der Kapitän und schaut hinein in die Auffangwanne, in graues Gewusel. Seit er denken kann, riecht sein Leben nach Krabben. Der Vater Krabbenfischer, die Mutter die schnellste Pulerin im Ort. Werner Poppinga mag die Dinger nicht. Er fischt sie nur. Notgedrungen. Er ist Quereinsteiger, die Landwirtschaft konnte die Familie nicht ernähren. Die Krabben schon.

Selbstmord auf dem Weg zum Kochtopf

Der Kapitan sagt, es sind komische Fische. Sind mal da, mal nicht. Ständig in Bewegung. Keiner weiß, was sie machen und warum. Sie gehen mit dem Schnee, meiden den Vollmond, sind nervös, wenn sie den Panzer wechseln, ablaichen oder die See klar ist. Am liebsten sind den Fischern die Herbstkrabben, voller Fleisch, groß, nicht so wie der Nachwuchs im Sommer, die Kleinen, die durch das Sieb fallen, Beifang. "Den Krabben merkt man an, wenn Wetter im Anmarsch ist", sagt Werner Poppinga. Es gibt Tage, an denen sie an Bord die Körbe nicht voll machen, weil sie ihnen sonst herausspringen. Selbstmord auf dem Weg zum Kochtopf.

Denn gleich an Bord kocht der Decksmann die Krabben, damit sie sich halten. Es ist ein verantwortungsvoller Job. Am Topf kann man vieles falsch machen. Krabben dürfen auf keinen Fall tot sein, bevor sie gekocht werden. Sind zu viele im Topf, krümmen sie sich nicht. Kocht man sie zu lange, verlieren sie an Gewicht. Kocht man sie zu kurz, sind sie schlaff und nicht zu pulen. Werner Poppingas Decksmann sagt, man muss sie so lange kochen, bis sie weiße Punkte am Kopf bekommen. In Marokko lachen sie, wenn sie das hören.

Der Kapitän sagt, dass sie im Winter verschwinden. Wann genau sie sich aus dem Wattenmeer machen, weiß niemand. Man weiß nur, dass draußen in der Nordsee die Holländer warten, mit ihren großen Schiffen, ihrem Geschäftssinn und ihrer Logistik. Früher haben sie Plattfisch gefischt, aber der Bestand sei heruntergewirtschaftet, sagen die Deutschen. Jetzt kommen die Krabben dran, die unquotierten. Sie holen sie sich im offenen Meer, dort, wo die Krabben laichen und bislang in Ruhe gelassen wurden. Die Holländer landen an, das ganze Jahr, viel zu viel. Das lässt die Preise sinken. "Wir haben das Heft schon lange aus der Hand gegeben", sagt Werner Poppinga, der seinen Fang einem Händler in Greetsiel verkauft. Dem einzigen, der den Holländern noch Paroli bietet. "Wir halten unsere Knochen dafür hin und bekommen das Wenigste", sagt der Kapitän, abends, im Hafen. Dann verschwindet er mit seinem Decksmann im Maschinenraum, in dem es nach Diesel riecht und nach Fisch.

Die Holländer haben angefangen mit der Auslandsentschälung

Die Holländer. Alle reden sie von den Holländern, dass sie geschäftstüchtiger sind, dass sie vieles früher erkannt haben, dass sie investiert haben, dass sie den Krabbenmarkt in ihrer Hand haben, dass sie alles aufkaufen, was sich ihnen in den Weg stellt. Die Holländer haben angefangen mit der Auslandsentschälung: erst Polen, dann Weißrussland, dann Marokko. Ganzjährig. In Greetsiel machen die Fischer noch mit den Krabben Winterschlaf. Erst wenn die Fische ins Wattenmeer zurückkommen, kommen die Fischer zurück. Wie früher. Nur pulen, das tun sie heute nicht mehr. Will keiner mehr machen. Es gibt jetzt den Tourismus. Das bringt mehr Geld und riecht besser.

"Keine Krabbe ist wie die andere"

Früher haben die Frauen der Fischer in ihren Küchen gepult. Zwischen Babywindel und Frühstücksei. Früh morgens haben sie dagesessen, vor krabbengefüllten 10-Pfund-Eimern, stundenlang, bis die Eimer leer und die Kinder wach waren. Die Frauen in Greetsiel kennen den Unterschied zwischen guten und schlechten Krabben, zwischen gutem und schlechtem Granat. Sie haben alle gelitten, haben sich ihre Fingerkuppen aufgebrochen, hatten Ausschläge. Und sie kannten die Tricks, wie man richtig drückt und dreht, Kopf oder Schwanz zuerst. Es ist eine Kunst. "Keine Krabbe ist wie die andere", sagen sie. Irgendwann wurde die Hauspulerei ein Hygieneproblem, und sie kamen mit Auflagen, getrennte Zimmer wurden gefordert, Gesundheitszertifikate. Da sind viele abgesprungen. Irgendwann wurde es ganz verboten. Bakteriologisch gesehen sind die Dinge heute besser als früher. In Marokko, sagen sie in Greetsiel, soll es sauberer sein als im Krankenhaus.

Marokko also. Es ist eine Reise vom ostfriesischen Wattenmeer über Holland, Frankreich, Spanien nach Tanger und zurück. Millionen von Nordseekrabben, eingefroren oder gekühlt, in Säckchen gefüllt, mit kleinen weißen Punkten am Kopf. Wenn die Krabben tiefgekühlt, lakekonserviert oder MAK-verpackt in das kleine ostfriesische Fischerdorf zurückkehren, nennen die Greetsieler sie abfällig "Marokkofleisch". Im Hotel Achterum kostet der "Schleusenteller" mit Krabben, Rührei und einem kleinen Salat 11.50 Euro. Wenn es Marokkofleisch ist, essen ihn nur die Touristen.

Kopflos und einzelgefroren

Früher oder später kommen alle Krabben zu den Holländern. Und die Holländer bringen alle Krabben nach Marokko. Von jetzt an sind die Dinge überschaubar, es gibt nur noch zwei Namen: Heiploeg und Klaas Puul. Die zwei Firmen haben 85 Prozent des Marktes in der Hand. Das Garnelenunternehmen Klaas Puul ist das kleinere von beiden, Hauptsitz Volendam, ein holländisches Fischerdorf, beschaulich. Ein bisschen wie Greetsiel. Hier treffen die Nordseekrabben das erste Mal auf die Asiatische Palette. -

Es ist eine Art Globalisierungsgau

Gekochtes, chinesisches Flusskrebsfleisch, geschälte Tigergarnelen aus indonesischen Aquakulturen, bangladeschische Süßwasserriesengarnelen, roh, ohne Kopf, in Schale, blockgefroren. Kistenweise chinesische Surimi Sticks neben brasilianischen Panaeus vannamei und Rosa Garnelen, gefangen im Indischen Ozean. Krabben aus aller Welt gehen durch Frostanlagen, Auftaukammern, Multiabpackmaschinen, werden aussortiert, geschüttelt, gesiebt, gewaschen, glasiert, fahren über Laufbänder, vorbei an desinfizierten Mitarbeiterhänden. In der Abpackfabrik fallen sie häppchenweise in Plastikformen: kopflose Macrobrachium rosenbergii, Tigergarnelenschwänze, einzelgefroren, Nordseekrabben, ungeschält, für den französischen Kunden. Marktgerecht in 125-, 150-, 200- oder 500- Gramm-Packungen. In Lake, in Bouillon, roh, gekocht. An Weihnachten gehen hier am Tag 30 bis 40 Tonnen durch die Maschinen. "Wir sind jetzt eigentlich nicht mehr zu überbieten", sagt Cees J.A. Machielsen, der Verkaufsleiter.

Das Treppengeländer zum Büro ist mit Krabben verziert. Auf den Tassen: Krabben. Auf den Lastern: große, rote Krabben. Auf dem Hausdach des Chefs: eine Krabbe als Windspiel. Täglich untersuchen sie Proben in Tanger. Die Ergebnisse haben sie in Volendam schon, während die Krabben noch auf dem Weg sind. Am Bildschirm werden der Dollarkurs verfolgt und die Lastwagen auf ihrem Weg durch Europa. Kein Jahr in 18 Jahren, in dem sie nicht investiert oder ausgebaut hätten. In Europa hat Klaas Puul etwa 200 Mitarbeiter. In Marokko 2500. Dort, sagt der Verkaufsleiter, haben sie sogar eine eigene Moschee in der Fabrik. Volendam ist der Ort, an dem Wilbert Schulten übernimmt. Seit zwölf Jahren fährt er für Klaas Puul. Er ist der Mann, der die Krabben nach Marokko bringt.

Es ist Montag. Um 12.21 Uhr fährt Wilbert Schulten los aus Volendam, Ring Amsterdam, dann Utrecht, an der belgischen Grenze lässt er bei Truckwash Hazeldonk seinen Laster putzen. Sie warten schon auf ihn, er kommt jeden Montag. Um 15.35 Uhr schaut er, ob er genug Tabak dabei hat. Drei Packungen Drum Halfzware Shag. 15.53 Uhr Antwerpen Noord, um 17.12 Uhr die französische Grenze. Wilbert Schulten hat das mal ausgerechnet. Zwölf Jahre à 40 Touren, jedesmal 20 Tonnen hin und zurück. Das sind fast 20 000 Tonnen Krabben. "Wenn du dann kuckst, was das kostet im Laden", sagt er. Auf dem Rückweg, wenn er 20 Tonnen reines Krabbenfleisch im Laster hat, fährt er Reichtümer durch Europa. Rechts blinkt der Eiffelturm in die Nacht, Werner Schulten fährt auf die A10 Richtung Bordeaux. In Poitou übernachtet er. Er spricht jetzt Französisch.

"Es gibt Verrückteres, als Krabben durch die Gegend zu fahren"

Montag Volendam, Mittwoch Tanger, Sonntag Volendam. Das ist sein Leben. Und hinten werden die Krabben immer teurer. Benzingeld, Maut, Fähre und sein Lohn. "Das ist doch normal", sagt Wilbert Schulten. Andere bringen Zwiebeln aus Holland zum Reinigen nach Polen, fahren lebende Schweine nach Italien, um sie als Parma-Schinken zurückzubringen, lassen für teure Schuhe in Tunesien das Leder biegen und machen in Holland die Sohlen drauf, fahren Gemüse und Kleider in den Norden und Küken in den Süden. Es gibt, sagt Wilbert Schulten, Verrückteres, als Krabben durch Europa zu fahren.

Dienstagabend. Wilbert Schulten spricht jetzt Spanisch. In einem Dorf hinter Pamplona gibt es Probleme. Draußen schneit es. Zwanzig Tonnen Krabben drücken von hinten. Räder drehen durch. Schritttempo. Hinten springt die Kühlung an. Minus vier Grad. Mit Kopf und Schwanz sind sie verderblicher. Auf der Rückfahrt reichen minus zwei. Die Nacht verbringt Wilbert Schulten neben einem Laster mit Schweinen, der dampft in der Kälte. Geschrei die ganze Nacht. Wilbert hört das nicht, genauso wenig wie seine Kühlung, die an- und ausgeht. Es klingt, als würden die Krabben schnarchen.

Die nummerierten Frauen

Mittwochabend ist Wilbert Schulten im Hafen von Algeciras. Die Schiffe nach Marokko sind voll. Stundenlanges Warten mit Hunderten anderen Fahrern. Irgendwann wird auch ihn die Globalisierung einholen. Die meisten Speditionen fahren schon mit Billigfahrern. Da sitzen zwei im Fahrerhäuschen und sind immer noch billiger als er allein. Irgendwann. Wilbert Schulten glaubt nicht daran.

Es ist 3.23 Uhr morgens, Donnerstag, als er in Tanger am Hafen parkt, Inschallah sagt und sich schlafen legt. 2500 Kilometer, 1108 Liter Diesel, 32 Stunden gefahren, 70 Stunden unterwegs. In der Fabrik warten die Frauen auf seine Krabben. Die blauen, A-Ware, größer, frischer, eine Freude für jede Pulerin. Damit kann man in der gleichen Zeit doppelt so viel verdienen wie mit den kleinen, gefrorenen. Einen Euro bekommen sie hier pro Kilo Krabbenfleisch. "Die Mädchen sind verrückt nach den blauen", sagt Werner H. Bökenkamp, Direktor der Fabrik in Tanger. Am Hals trägt er eine Kette mit Krabbe. Am Revers einen goldenen Krabbenanstecker. Er ist der Mann, der die Nordseekrabben in Marokko eingeführt hat.

In seiner Fabrik arbeiten 2000 Frauen. In der Vorweihnachtszeit 2500, dann schaffen sie hier 45 Tonnen am Tag. "Meine Frauen", sagt Werner H. Bökenkamp, lächelt. Er ist stolz auf sie, weil sie ihm immer öfter widersprechen, sich scheiden lassen, sich emanzipieren. Dann schaut er durch ein großes Glasfenster in seinem Büro hinunter in eine der Fabrikhallen.

Von hier oben sieht Marokko aus wie ein Gemälde

An gigantischen Tischen sitzen sie: weiße Kittel, Plastikschürzen, Mundschutz, Hauben, einen Schleier darunter. Hier treffen sie aufeinander - die Fische und die Frauen. Haben beide eine lange Reise hinter sich. Die einen kommen aus einer anderen Welt weit im Norden, die anderen aus einer anderen Zeit, aus traditionellen Dörfern, aus Familien, in denen Frauen nicht arbeiten. Hier tragen sie hellgrüne Mützen, die Aufpasserinnen rote. Und überall Krabben, vor jeder ein Häuflein. Wer fertig ist, bringt sein Krabbenfleisch zur Kontrolle, wo sie mit Pinzetten Schalenreste ausklauben, dann zur Waage. Jede Frau hat eine Nummer an der Schulter. Ende der Woche wird abgerechnet. Unter ihren Füßen wird der Boden gespült, durch flauschige Belüftungsrohre werden sie von gekühlter Frischluft umweht, aus Lautsprechern mit marokkanischen Popsongs beschallt. Sie lieben die Musik, manchmal bleiben sie länger und tanzen. Und sie reden, in einem fort, während ihre Hände kleine Tiere schälen.

Es klingt, als würden die Krabben lachen.

Wer mit einer Schüssel fertig ist, muss sich die Hände waschen, drei Mal, danach desinfizieren, dann erst darf man neue Krabben holen. Hinter den Waagen rühren Frauen die Konservierungsmittel in Krabbenfleischberge. Jedes Land hat seinen eigenen Geschmack. Mehr oder weniger Zitronensäure, Salze, Benzoesäure. Die Kompositionen ändern sich. Die Belgier mögen momentan mehr Salz. Die Franzosen sowieso. Also bekommen sie mehr Salz. In der Krabbenfabrik haben sie ihr eigenes Wasser, ihre eigenen Generatoren, ihr eigenes Frischluftsystem, ihre eigene Moschee, ihre eigene Bank. Um sie herum kann Dürre sein, Hitze. Gepult wird immer.Bei 16 Grad in Tanger.

Nummer 1060 ist Naima El Hanaf. 24 Jahre alt. Sie hat nur gelacht, als sie ihr die "komischen Fische" das erste Mal auf den Tisch gelegt haben. Sahen aus wie Insekten. Teure Insekten. Allah mag wissen, warum sie so etwas in Europa essen. Dann fing Naima El Hanaf an, ihnen Schwänze und Köpfe auszureißen.

Sie ist die Schnellste. Acht bis neun Kilo am Tag. Ihre Hände flattern vom Schwanz zum Kopf. Jede Frau hat ihre Geschichte mit der Firma. Rahma ist eine der ältesten, ungefähr 50 Jahre alt, sie kam, als der Mann starb. Es war ihre erste Arbeit. Soudia wurde von ihrem Mann verlassen, weil er nicht wollte, dass sie arbeitet. Als Frau. Hafida ist die Langsamste. Die anderen lächeln, wenn sie sagt, wie viel sie am Tag schafft. Sie hasst die Krabben. Aber sie braucht das Geld. Ihre Männer sind arbeitslos. Ihre Kinder hungrig. Es ist gut, dass die Krabben aus dem Norden gekommen sind, sagen sie.

Nur ohne Kopf und Schwanz

Marokko also. In ein paar Stunden ist so ein Laster weg. Wenn Wilbert nachmittags die Fähre nach Spanien nimmt, hat er die gleichen Krabben dabei, die er am Morgen gebracht hat. Nur ohne Kopf und Schwanz. Dann fährt er sie zurück: Madrid, Paris, Amsterdam, Volendam. Irgendwann, sagen sie in Greetsiel, wird es ein Land geben, das billiger ist als Marokko. Irgendwann, in naher Zeit.