Der Fall Susanna F. Die lange Spur in den Irak

  • Die 14-jährige Susanna wurde in Wiesbaden vergewaltigt und ermordet. Die Polizei verdächtigt zunächst zwei Bewohner einer Asylunterkunft.
  • Einer der beiden wird festgenommen, nach einem Tag aber wieder entlassen. Es bestehe kein dringender Tatverdacht gegen ihn mehr, sagt Oberstaatsanwalt Oliver Kuhn.
  • Der andere Verdächtige, ein 20 Jahre alter irakischer Flüchtling, ist auf der Flucht - nach Ali B. wird im Irak gefahndet.
Von Oliver Klasen, Roland Preuß und Jan Willmroth, Wiesbaden

Ein kleiner Raum im Wiesbadener Justizzentrum, vielleicht 25 Quadratmeter groß. Die Luft ist bereits verbraucht, als vier Beamte Platz nehmen, zehn Kameras sind auf sie gerichtet, Fotoapparate klacken im Akkord. Rechts vorn, an einer Pinnwand, hängt ein Foto des Opfers. Susanna F., 14 Jahre alt, vergewaltigt, getötet und anschließend vergraben in einem schwer zugänglichen Gelände zwischen Feldern und Bahngleisen. Zwei Wochen und zwei Tage, so haben es die Ermittlungen ergeben, liegt die Tat zurück, seit einer guten Woche suchte die Wiesbadener Polizei nach Susanna, am Mittwoch wurde ihre Leiche gefunden. Dringend tatverdächtig ist ein Asylsuchender.

Es ist kein gewöhnliches Tötungsdelikt, über das die Polizei an diesem Tag die Öffentlichkeit informiert. Stefan Müller, der Wiesbadener Polizeipräsident, weiß das. Er ist Beamter. Er darf sich nur zum Stand der Ermittlungen äußern. Aber er ahnt wohl, welche Diskussionen jetzt losbrechen werden, in der Presse, in den sozialen Medien, an den digitalen und analogen Stammtischen der Republik. Schon werden auf Twitter Fälle aufgelistet, in denen Asylbewerber für den Tod deutscher Frauen verantwortlich gemacht werden. Maria, vergewaltigt und ermordet in Freiburg, Mia, erstochen in Kandel, Mireille, die in Flensburg starb, ebenfalls durch Messerstiche. Es geht nicht allein darum, den Tod eines Mädchens aufzuklären. Es geht auch um das Asylrecht und Abschiebungen, um den Umgang mit Flüchtlingen aus muslimischen Ländern. Und als wäre das alles noch nicht genug, wird am Donnerstag auch noch bekannt, dass Susanna F. aus einer jüdischen Familie stammt. "Es ist ein abstoßendes Verbrechen", sagt der Polizeipräsident. Er sei in Gedanken bei der Familie des Opfers. Aber er schiebt sofort einen Satz hinterher, er will die zweite Seite dieses Falles zeigen. "Ich möchte betonen, dass ein 13-jähriger Flüchtling zur Tataufklärung beigetragen hat", sagt Müller.

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Der Junge führte die Ermittler auf die Spur eines Verdächtigen, des 20-jährigen Irakers Ali B., der in einer Flüchtlingsunterkunft gelebt hat, die nur wenige hundert Meter vom Fundort der Leiche entfernt ist. Der 20-Jährige soll dem Jungen von der Tat erzählt haben. Seine Angaben führen schließlich dazu, dass die Polizei die Leiche entdeckt.

Auch ein zweiter Mann, ein Asylbewerber mit türkischer Staatsangehörigkeit, ist am Mittwoch festgenommen worden. Am Donnerstagabend ist er wieder auf freiem Fuß. Gegen ihn bestehe kein dringender Tatverdacht mehr, sagt Oberstaatsanwalt Oliver Kuhn. Nach B. wird nun mit internationalem Haftbefehl gesucht. Er soll sich in Richtung Irak abgesetzt haben. Die Polizei konnte ermitteln, dass der 20-Jährige und sieben Familienmitglieder am vergangenen Samstag am Düsseldorfer Flughafen eine Maschine nach Istanbul bestiegen haben.

Später sollen sie weiter in den Irak gereist sein. Das Bild, das die Ermittler von B. haben, ist relativ genau. Mehrfach sei der 20-Jährige polizeilich auffällig geworden. Er soll einen Mann mit dem Messer bedroht und beraubt, außerdem eine Polizistin attackiert haben. In einem anderen Fall ist die Beweislage weniger klar: B. steht im Verdacht, im März dieses Jahres in seiner Unterkunft eine Elfjährige vergewaltigt zu haben. Das Mächen benannte als Täter einen "Ali". Allerdings lebten vier Männer mit Namen Ali in der Einrichtung. Die Aufklärung der Vorgänge und die Befragung der Zeugen gestalte sich äußerst schwierig, sagt Polizeipräsident Müller.

Dort, wo Ali B. bis Ende vergangener Woche wohnte, ist es am Donnerstagnachmittag still. Ein unscheinbarer weißer Kasten in einem Gewerbegebiet in Wiesbaden-Erbenheim, als Flüchtlingsunterkunft genutzt; viele Fenster stehen offen, aber die Vorhänge sind zugezogen. Außer zwei Polizisten und vereinzelten Kamerateams sind keine Menschen zu sehen. Hier lebte B. mit seinen Eltern und den fünf Geschwistern. Wie die Polizei herausgefunden hat, soll sich auch Susanna F. öfter in der Unterkunft aufgehalten haben. Welche Verbindung das Mädchen zu Ali B. hatte, ist noch unklar. Mit dem jüngeren Bruder des 20-Jährigen soll sie zwar wohl keine Liebesbeziehung, aber ein "Kennverhältnis" gehabt haben, wie es Polizeipräsident Müller ausdrückt.

Zum Tatablauf und zur genauen Todesursache macht die Polizei bisher keine Angaben, aus ermittlungstaktischen Gründen, wie es heißt. "Gewalteinwirkung gegen den Hals", das habe die Obduktion ergeben, heißt es nur. Fest steht, dass Susanna F. am 22. Mai verschwand. Sie war mit Freunden in der Wiesbadener Innenstadt unterwegs und ist abends nicht nach Hause zurückgekehrt. Einen Tag später meldete ihre Mutter sie bei der Polizei als vermisst.

Die Ermittler gehen derzeit davon aus, dass sie noch in der Nacht auf den 23. Mai getötet worden ist. Der Kriminologe Christian Pfeiffer beschäftigt sich seit langem mit Straftaten von Flüchtlingen. Er hatte Anfang des Jahres mit Blick auf die vielen abgelehnten Asylbewerber von einem "Riesenpotenzial an frustrierten Verlierern" gesprochen, für die man Antworten finden müsse. Auch sein Asylantrag war abgelehnt worden, seine Klage dagegen läuft noch. Daten des Bundeskriminalamtes zeigten, dass die Zahl der tatverdächtigen Flüchtlinge bei Mord- und Totschlagsdelikten in den letzten vier Jahren auffällig stark gestiegen sei, sagt Pfeiffer. Stärker als die Gesamtzahl der Flüchtlinge, die in Deutschland leben. "Das hat viel mit dem hohen Anteil junger Männer zu tun", die überall viele Straftaten begingen, "aber auch die importierte Machokultur ist ein großer Risikofaktor", sagt Pfeiffer, früher SPD-Justizminister in Niedersachsen.

Die bewaldete Fläche, wo Susanna F.s Leiche zwei Wochen unter Erde, Reisig und Blättern begraben lag, ist nur etwa zehn Minuten zu Fuß von der Flüchtlingsunterkunft entfernt, vereinzelte Radfahrer und Spaziergänger sind am Donnerstag dort unterwegs. Eine Frau mit einem kleinen Hund wundert sich, dass die Polizei sie am Weitergehen hindert. Sie weiß nicht, dass hier ein Verbrechen geschehen ist, über das in den kommenden Tagen in ganz Deutschland gesprochen werden wird.

Anmerkung der Redaktion

In der Regel berichtet die SZ nicht über ethnische, religiöse oder nationale Zugehörigkeiten mutmaßlicher Straftäter. Wir weichen nur bei begründetem öffentlichen Interesse von dieser im Pressekodex vereinbarten Linie ab. Das kann bei außergewöhnlichen Straftaten wie Terroranschlägen oder Kapitalverbrechen der Fall sein oder bei Straftaten, die aus einer größeren Gruppe heraus begangen werden (wie Silvester 2015 in Köln). Ein öffentliches Interesse besteht auch bei Fahndungsaufrufen oder wenn die Biografie einer verdächtigen Person für die Straftat von Bedeutung ist. Wir entscheiden das im Einzelfall und sind grundsätzlich zurückhaltend, um keine Vorurteile gegenüber Minderheiten zu schüren.

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