Demo nach blutigem Familiendrama in Berlin "Wir nehmen das nicht hin"

Die grausame Tat schockiert ganz Berlin: Ein Mann tötet und zerstückelt seine Frau im Beisein der gemeinsamen Kinder. Eine muslimische Vätergruppe will mit einer Protestaktion am Tatort ein Zeichen setzen. Der geständige Familienvater könnte einer Gefängnisstrafe entgehen.

Von Constanze von Bullion, Berlin

Sie haben genug von Gewalt, auch in der eigenen Familie, und sie wollen sich nicht mehr aufs Reden beschränken. Nach der grausamen Tötung einer 30-jährigen Frau aus Kreuzberg haben türkischstämmige Väter des Vereins "Aufbruch Neukölln" am Dienstag zu einer Protestkundgebung aufgerufen. Vor dem Haus, auf dessen Dachterrasse in der Nacht zum Montag einer Mutter von sechs Kindern der Kopf, eine Brust und die Füße abgetrennt wurden, die ihr Ehemann dann in den Hof geworfen haben soll, wollten am Abend muslimische Männer gegen häusliche Gewalt demonstrieren. "Das ist grausam und barbarisch, wir nehmen das nicht hin", sagte der Psychologe Kazim Erdogan. "In unserer Gruppe ist die Empörung groß."

In diesem Kreuzberger Mehrfamilienhaus ereignete sich in der Nacht ein grausames Familiendrama. Die sechs Kinder waren in der Wohnung, als ihr Vater seine Ehefrau tötete und zerstückelte.

(Foto: dpa)

Kazim Erdogan, der in Anatolien geboren ist und in Berlin Psychologie studiert hat, arbeitet seit Jahren beim Psychosozialen Dienst des Jugendamts Neukölln und hat 2007 Berlins erste türkische Vätergruppe gegründet. Sie berät Männer, die Frau und Kinder geschlagen haben oder durch Arbeitslosigkeit, Drogen und Spielsucht in eine verheerende Lage geraten sind. Oft kommen sie voller Reue zur Beratung, aber bis sie dem Kreislauf entkommen, in dem selbst erfahrene Gewalt weitergereicht wird an die nächste Generation, vergehen oft Jahre. In Glücksfällen, und solche soll es gegeben haben, konnte die Gruppe Männer davon abhalten ihre Frau zu töten, sagt Erdogan. In anderen Fällen gab es nur noch Kinder zu betreuen. "Solche Kinder sind traumatisiert und werden so eine barbarische Tat ein Leben lang nicht vergessen."

Das dürfte auch für die sechs Kinder gelten, für die "Aufbruch Neukölln" nun ein Spendenkonto eingerichtet hat. Sie waren in der Wohnung, als Orhan S. seine Frau erstochen, zerlegt und Körperteile in den Hof geworfen haben soll. Unbestätigten Berichten zufolge wollte Sema S. ihren Mann nicht mehr in die Wohnung lassen, weil er eine Geliebte und mit ihr zwei weitere Kinder habe. Er soll gedroht haben, ihrem Sohn etwas anzutun, da habe sie ihre Kinder in ein Zimmer gesperrt und Orhan S. die Haustür geöffnet - statt die Polizei zu rufen.

Der 32-Jährige hat die Tötung und Zerstückelung seiner Frau eingeräumt. Reue soll er nicht zeigen. Die Staatsanwaltschaft beantragte die Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik. Die Schuldfähigkeit von Orhan S. sei mindestens eingeschränkt, hieß es, gegen ihn werde wegen Totschlags ermittelt. Merkmale eines Mordes wie Heimtücke seien bisher nicht zu erkennen.