Illegale Fischerei Die Delfin-Tragödie im Schwarzen Meer

Ein ausgewachsener Delfin frisst bis zu 20 Kilo Fisch am Tag. Die Betreiber der Fischkutter im Schwarzen Meer betrachten die Tiere deshalb vor allem als Konkurrenten und weniger als schützenswerte Wesen.

(Foto: imago/ZUMA Press)

An den Stränden von Bulgarien und Rumänien werden immer mehr tote Delfine angespült. Doch noch mehr Tiere sterben auf offener See, wo sich die Tiere in illegal ausgeworfenen Netzen verfangen.

Von Florian Hassel

Es ist das Bild eines kleinen Jungen, das sich Atanas Rusew am stärksten eingebrannt hat. Der Bub, der mit seinen Eltern Anfang Juli zum Urlaub an Bulgariens Schwarzmeerküste gekommen war, trug einen Babydelfin, den das Wasser an den Strand gespült hatte, vorsichtig auf den Armen zu seinen Eltern. "Es war, als hoffte er, der Delfin werde wieder aufwachen, wenn er nur vorsichtig genug mit ihm umginge", sagt Rusew. Doch der Delfin war tot, so wie wahrscheinlich Hunderte andere, die in diesem Jahr an die Strände Bulgariens oder Rumäniens getrieben wurden. Ein trauriger Rekord, der Touristen entsetzt und in Bulgarien mittlerweile auch den Regierungschef beschäftigt.

Nach offiziellen Zahlen wurden allein in Bulgarien schon bis Mitte Juli 108 tote Delfine gefunden - weit mehr als in den Jahren zuvor. Die Zahlen von Rusew, Leiter der Umweltgruppe "Rettet die Korallen", liegen indes deutlich höher. "Uns wurden 2016 mehr als 300 tote Delfine gemeldet. Und das ist nur die Spitze des Eisberges. Denn die meisten Delfine sterben weit draußen auf dem Meer."

Fischer haben wenig Anlass, tote Delfine zu betrauern

Dort werfen die Fischer oft Hunderte Meter breite Netze aus. Vor allem junge Delfine verfangen sich in ihnen und ertrinken unter Wasser. "Wenn die Fischer die Netze einholen und die toten Delfine wieder ins Wasser werfen, werden sie bei den vorherrschenden Strömungen und Winden nur in schätzungsweise fünf bis zehn Prozent aller Fälle an Land getrieben. Wir glauben deshalb, dass wir es jedes Jahr mit Tausenden toter Delfine zu tun haben", sagt Rusew, der seit Jahren versucht, mehr Aufmerksamkeit auf das Sterben der Delfine im Schwarzen Meer zu lenken.

Bisher hatte er damit nicht viel Erfolg. Zwar stehen etwa in Bulgarien Geldstrafen von umgerechnet bis zu 10 000 Euro oder bis zu fünf Jahren Gefängnis auf die Tötung eines Delfins. "Ich kenne aber keinen Fall, in dem dies auch geschehen wäre. Wir haben auch Delfine gefunden und fotografiert, die Einschusslöcher aufwiesen. Auch danach ist nichts passiert", sagt Rusew. Für Fischer bedeuten Delfine im überfischten Schwarzen Meer in erster Linie Konkurrenz - ein ausgewachsener Delfin frisst leicht 20 Kilo Fisch täglich. Fischer haben wenig Anlass, tote Delfine zu betrauern.

Gehör fand Rusew erst, als er zwei Dinge tat: Erstens, sich mit dem Meeresbiologen Razvan Popescu aus dem Schwarzmeerhafen Constanza im benachbarten Rumänien zusammenzutun. Popescu, der die Meeressäuger des Schwarzen Meeres seit 16 Jahren erforscht, leitete von 2007 bis 2012 ein Projekt zu den Todesursachen verendeter Delfine. "Natürlich sterben Delfine auch durch Schiffsschrauben, Schnellboote oder Krankheiten. Aber in knapp vier Fünftel der von uns dokumentierten Fälle starben sie in Fischernetzen", sagt Popescu. Rusew und Popescu sammelten seit dem Jahr 2015 an mehr als 250 tot aufgefundenen jungen Delfinen Spuren, die offensichtlich vor allem von Fischernetzen stammten.

Der zweite Schritt Rusews: Er erinnerte sich eines sechs Jahre zurückliegenden Treffens. Damals half Rusew, sieben unweit von Sofia in einer Höhle gefangene Bulgaren zu finden und zu retten. Das brachte ihm ein Treffen und den Dank von Ministerpräsident Boiko Borisow ein. Der Regierungschef gab dem Aktivisten auch einen Kontakt, um sich bei Bedarf direkt an ihn wenden zu können. Als in diesem Sommer die Zahl der toten Delfine auf einen Rekord stieg, nutzte Rusew den Draht zum Regierungschef. Mitte Juli bestellte dieser Rusew und die Minister für Umwelt und Wasser sowie für Landwirtschaft und Ernährung zu sich.

"Wir werden Fischfang in den Gebieten verbieten, in denen Delfinpopulationen vorkommen", sagte der Regierungschef nach dem Treffen Ende Juli und befahl den Ministern, die Umsetzung vorzubereiten. Außer einem Fangstopp könnten Fischer möglicherweise auch gezwungen werden, ihre Netze mit Sendern auszurüsten, die Delfine abschreckende Signale senden, sagte Ernährungsministerin Desislawa Tanewa. Bulgarische Fischerverbände protestieren jedoch: 7000 Jobs seien in Gefahr. Auch Meeresbiologe Popescu hält die vorgeschlagenen Maßnahmen weder für leicht umsetzbar noch effektiv. "Ein Fangstopp braucht gründliche Vorstudien und ist nicht leicht umsetzen - schließlich wandern Fischschwärme und mit ihnen die Delfine. Warneinrichtungen an Netzen sind teuer - und vor allem erreichen sie nicht illegale Fischer."