Debatte um legendäres Foto Sexuelle Belästigung durch den "Kissing Sailor"?

Es ist ein ikonografisches Bild des vergangenen Jahrhunderts - und ein Symbol für Romantik: das Foto eines Matrosen, der auf dem New Yorker Times Square eine Krankenschwester leidenschaftlich küsst. Doch Bloggerinnen erheben nun schwere Vorwürfe gegen den männlichen Protagonisten.

Täglich stellen auf dem New Yorker Times Square Paare das Motiv des Fotos "The Kissing Sailor" aus dem Jahr 1945 nach. (Im Bild: eine Plastik der berühmten Pose)

(Foto: REUTERS)

Er beugt sie über seinen Arm. Sie gibt sich ihm hin, lässt die Arme baumeln und winkelt das Bein in einer Geste der Verzückung an. Und dann wird geknutscht, mitten auf dem New Yorker Times Square. Liebende aus aller Welt stellen jeden Tag das Foto "V-J Day in Times Square", auch bekannt als "The Kissing Sailor", im Herzen des Big Apple nach.

Die Aufnahme des in Polen geborenen Fotografen Alfred Eisenstaedt vom 14. August 1945 ist ein Symbol für Romantik. Und mehr noch: Das Bild gilt als ikonografisches Foto des vergangenen Jahrhunderts. Das Paar steht inmitten von Menschen, die das Ende des Zweiten Weltkriegs feiern; die beiden scheinen den vergangenen Schrecken ein Symbol der Lebens- und Liebeslust entgegenzusetzen.

Doch feministische Bloggerinnen begehren nun gegen diese Deutung auf - und behaupten, die Aufnahme zeige einen sexuellen Übergriff.

"Details, die einem den Magen umdrehen"

"Wir wissen, dass George und Greta vollkommen Fremde waren. Wir wissen, dass George betrunken war, und dass Greta von seiner Anwesenheit nichts geahnt hat, bis er sie in seine Arme gerissen und seine Lippen auf ihre gedrückt hat", schreibt die britische Bloggerin Leopard, die die Diskussion um das berühmte Foto losgetreten hat. "Es ist ziemlich klar, dass das, was George getan hat, nach modernen Maßstäben ein Fall von sexueller Belästigung wäre."

Die Identität der Protagonisten ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Bei dem Mann könnte es sich um den Matrosen George Mendonsa und bei der Frau um die Krankenschwester Greta Zimmer Friedman handeln.

Auch die US-Feministin Lori Adelman erkennt in der Aufnahme keine romantische Situation: "Bei näherem Hinsehen zeigt das fragliche Bild Details, die Leopards These untermauern und einem den Magen umdrehen: das süffisante Grinsen in den Gesichtern der Matrosen im Hintergrund; der feste Griff um die physisch schwächere Frau in seinen Armen, dem sie nicht entkommen könnte, wenn sie es versuchte; die geballte Faust der Frau und ihr schlaffer Körper", schreibt die Amerikaner beim Blog feministing.com.

Greta selbst werde in Artikeln mit der Aussage zitiert, dass der Kuss nicht von ihr ausgegangen sei, sondern dass George sie überrascht und überwältigt habe, so die britische Bloggerin Leopard. "Dennoch geht, in einem erstaunlichen Akt bewusster Blindheit, keiner dieser Artikel darauf ein, selbst wenn sie Gretas Worte für uns wiedergeben", kritisiert sie. "Georges Handlungen werden romantisiert und glorifiziert; es ist fast so, als hätte Greta nie gesprochen."

Dass sie mit ihrer Interpretation von "The Kissing Sailor" eine populäre Legende infrage stellt, ist der Kritikerin bewusst: "Die Tatsache, dass dieses allseits geliebte Foto nicht Leidenschaft darstellt, sondern einen sexuellen Übergriff, ist eine unbequeme Wahrheit (...)."

Linktipp: Lesen Sie hier, was Leopard zur Kritik an ihrem Debattenbeitrag sagt.