DDR-Spiel "Bürokratopoly" Gier gewinnt

Der DDR-Oppositionelle Böttger hat "Bürokratopoly" einst erfunden, nun wird es neu aufgelegt - und er darf es den Schülern erklären.

(Foto: dpa)

Bei der Stasi war es aktenkundig: Vor 30 Jahren erfand der DDR-Oppositionelle Martin Böttger ein Brettspiel, das den korrupten Staatsapparat bloßstellte. Jetzt wird "Bürokratopoly" neu aufgelegt.

Von Michael Neudecker

Schwiegermütter können Wesen voller Sorge sein, Martin Böttger also erzählt Folgendes: Als er, der DDR-Oppositionelle, damals sein neues Spiel der Familie vorstellte, erklärte er erst die Regeln, "sehr ausführlich", sagt Böttger. Das Spiel hieß "Bürokratopoly", es ging im Grunde darum, sich würfelnd über den ganzen DDR-Apparat lustig zu machen, es waren die frühen Achtzigerjahre, der DDR-Apparat fühlte sich noch stark und mächtig, und dann, als Böttger mit der Erklärung fertig war, sagte seine Schwiegermutter: Sie habe alles verstanden, das schon. Sie habe nur eine einzige Frage: "Wie viele Jahre gibt's für dieses Spiel?"

Martin Böttger lacht laut, lange her.

Es gab null Jahre Gefängnis, der DDR-Apparat wusste ja, wie das angekommen wäre, diese Schlagzeile: "DDR verhaftet Mann wegen Brettspiel", und er, Böttger, kannte wichtige Leute im Westen damals, die Korrespondenten der großen West-Zeitungen und Magazine, "die hätten das alle geschrieben", glaubt Böttger. "Ich hab' den nächsten Zug meines Gegners bedacht, als ich das Spiel entwarf'", er ist ein Spieler, immer schon gewesen.

Womit er nicht gerechnet hat: Dass sein Spiel heute, rund dreißig Jahre später, wieder ein Thema ist.

Böttger ist nun schon 67, er ist kurz vor der Wende mit Familie nach Zwickau gezogen, er lebt da noch immer. Bis dahin war er in Ost-Berlin gewesen, die Stasi führte ihn in der Hauptabteilung XX, in der die Künstler und potenziellen Widerständler geführt wurden; die, die den Apparat nicht mochten und umgekehrt.

Vom einfachen Arbeiter zum SED-Generalsekretär

Es gibt auch einen Eintrag zu "Bürokratopoly": Es werde seit einer gewissen Zeit "in Kreisen des politischen Untergrundes von einem neuen sogenannten Gesellschaftsspiel mit negativ-feindlichem Charakter gesprochen", dazu Böttgers Name mit dem Hinweis, er sei "operativ bekannt". Ein Spiel, aufgemalt auf die Rückseite eines Plakats, die Ereigniskarten per Hand geschrieben und ausgeschnitten, acht pro Blatt - mit strengem Ton notiert in den Akten der Stasi: nicht schlecht. Martin Böttger, das ist nicht zu überhören, ist verdammt stolz darauf.

Das Spiel verbreitete sich damals schnell im sogenannten Untergrund, die Idee war schließlich gut: der Ernsthaftigkeit der Lage mit einem Spiel begegnen. "Man konnte ja alles Mögliche machen, sich verhaften lassen und so", sagt Böttger, "aber das System blieb immer stabil", er hat sich damals gefragt, warum das so ist. Und hat die Antworten in ein Spiel gefasst, nach dem Vorbild von "Monopoly", das kannte er von der Tante aus dem Westen.

Das Spielfeld war eine Machtpyramide, auf der jeder Spieler versuchen musste, vom einfachen Arbeiter zum SED-Generalsekretär aufzusteigen, es gewann - natürlich - meist der Korrupteste, Durchtriebenste, Schamloseste.