Er war einer der bekanntesten Liedermacher der DDR: Seit August saß Kurt Demmler wegen Kindesmissbrauchs in Haft. Jetzt wurde er im Gefängnis tot aufgefunden. Das Gericht hat das Verfahren nun eingestellt.
Er war einer der erfolgreichsten Liedermacher der DDR: Kurt Demmler schrieb Texte für Nina Hagen und Gruppen wie Karat, die Puhdys oder die Klaus Renft Combo. Im November vergangenen Jahres wurde gegen ihn Anklage erhoben. Er soll sechs Mädchen mehr als 200 Mal sexuell missbraucht haben.
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Kurt Demmler bei einem Auftritt in Berlin 1988: Offenbar hat der Liedermacher in seiner Zelle Selbstmord begangen. (© Foto: dpa)
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Am Morgen wurde der 65-Jährige tot in seiner Zelle in der Untersuchungshaft entdeckt, teilte ein Sprecher der Justizverwaltung Berlin mit. Der Justizsprecher bestätigte damit Berichte mehrerer Zeitungen. "So wie es aussieht, hat er sich erhängt", sagte er weiter. Wenige Stunden später hätte der Prozess gegen Demmler fortgesetzt werden sollen.
Nach Angaben des Justizsprechers wurde kein Abschiedsbrief bei Demmler gefunden. Auch in seinen Gesprächen mit der zuständigen Gruppenleiterin im Gefängnis habe nichts auf Selbstmordabsichten hingedeutet.
Nach Angaben der Staatsanwaltschaft soll sich Demmler von August 1995 bis November 1999 an sechs Schülerinnen im Alter von 10 bis 14 Jahren vergangen haben. Er soll die Mädchen mit Castingterminen für eine angeblich geplante Band in seine Wohnung in Berlin-Prenzlauer Berg gelockt haben. Im Prozess hatte der Liedermacher und Sänger die Aussage verweigert. Das Gericht hat das Verfahren am Dienstag eingestellt.
Demmler war einer der erfolgreichsten Rocktexter der DDR. Neben seinen musikalischen Erfolgen war Demmler auch politisch aktiv. Er gehörte zu den Unterzeichnern einer Resolution, mit der Rockmusiker im Herbst 1989 Veränderungen in der DDR forderten. Am 4. November 1989 war Demmler auf dem Alexanderplatz in Ost-Berlin bei einer Massendemonstration gegen das SED-Regime aufgetreten.
Im August 2008 war Demmler im brandenburgischen Storkow festgenommen worden und saß seitdem in Untersuchungshaft. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft war der Liedermacher bereits 2002 wegen Missbrauchs zu einer Geldstrafe verurteilt worden.
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(dpa/AP/hai/bica)
Kanzlerin Merkel und die Macht
Der Mann ist tot, das Verfahren eingestellt. Ob er schuldig oder unschuldig war, werden wir nie erfahren, zumindest nicht mit rechtsstaatlicher Gewissheit.
Es bestand ein schlimmer Verdacht, aber das ist noch lange kein Grund, ihn jetzt - ohne richterliche Überprüfung - als Monster hinzustellen.
Im übrigen lenken die Forderungen, auch den Toten noch höher zu hängen, von den Begleitumständen ab. Auch heute gibt es viele sehr sehr junge Mädchen, die von ihren ehrgeizzerfressenen Müttern zu dubiosen Castings geschickt werden. Da werden beide Augen von den Eltern zugedrückt, wenn die Kinder von solchen Castings verstört zurückkehren. Karriere ist alles. Man sollte daraus lernen, lieber einmal mehr den eigenen Kindern zuzuhören, dafür lieber einmal weniger die eigenen Kinder zu dubiosen Castings (-shows) zu schicken.
Was Lesern nicht alles simples einfällt: "Aus dem Verkehr ziehen".
"Wegschließen - und zwar für immer" hatten wir auch schon mal.
Es lohnt sich leider offenbar nicht, aus den Artikeln, die hier erscheinen, schnelle Schlüsse zu ziehen: Mittlerweile ist auch hier zu lesen, was bei Spiegel Online schon von Anfang an zu finden war: "Nach Angaben der Staatsanwaltschaft soll sich Demmler von August 1995 bis November 1999 an sechs Schülerinnen im Alter von 10 bis 14 Jahren vergangen haben."
Leider symptomatisch für eine Presse die gefühlte Aktualität der Präzision vorzieht: Mit halbgarer Information wird erst zusätzliche Aufregung produziert und die Fakten erst später nachgereicht.
Wissen Sie, das ist für mich genauso, als wollten Sie beim Nachruf auf einen gewissen Herrn in unserer braunen Vergangenheit der Ausgewogenheit halber auch auf seine Verdienste wie den Autobahnbau, Arbeit für's Volk und den Volkswagen hinweisen. Oder wollen wir hier wieder einmal mit zweierlei Maß messen? Die einfachen Bösen und die ganz, ganz furchtbar Bösen?
Wieso wird Ihnen von diesem Beitrag speiübel? Weil hier ein Mensch, der wegen eines Verbrechens angeklagt ist und sich das Leben genommen hat, nicht noch zusätzlich zum Monster stilisiert und auf das Verbrechen reduziert wird?
Hier die Guten, dort die Schlechten, mit so einer klaren Linie macht man sich das Leben wohl doch zu einfach, finde ich. Missbrauch und Vergewaltigung sind eben keine Randphänomene, sondern leider Normalität: Von Menschen begangen, die eben keine Monstren sind, sondern ansonsten ganz unauffälllige oder gar verdiente Bürger.
Das wieder deutlich gemacht zu haben, sehe ich eher als Verdienst des Artikels.
Paging