Als Franz Müntefering wegen seiner kranken Frau den Abschied von seinem Ämtern verkündet, hält Berlin einen Augenblick inne. Dem Rückzug des Arbeitsministers ging ein Machtkampf in der SPD voraus und er erschüttert das Regierungsbündnis.
Im Januar traf sich die große nordrhein-westfälische Landesgruppe der SPD-Bundestagsabgeordneten zu ihrem traditionellen Neujahrsempfang. Peter Struck gab die schon kurz nach Arbeitsbeginn der schwarz-roten Regierung üblich gewordene Beschwörungsformel zum Besten: "Die Koalition hält bis 2009, und erst dann wird gewählt", sagte der Fraktionsvorsitzende. Plötzlich jedoch blickte Struck auf den neben ihm sitzenden Vizekanzler und Arbeitsminister Franz Müntefering und schob einen kleinen Nachsatz hinterher: "Aber Franz, bei dir weiß man ja nie so genau."
SPD-Chef Kurt Beck forderte eine neue Devise für seine Partei: sie solle "näher an den Menschen" sein. (© Foto: dpa)
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Im November, elf Monate später, trat Müntefering in Berlin vor die Presse und sagte: "Ich möchte mich heute als Arbeitsminister von ihnen verabschieden." Es war der Tag seines Rücktritts. Müntefering war schon immer ein Mann für Überraschungen: Als er von Gerhard Schröder 2004 den SPD-Vorsitz übernahm; als er mit Schröder 2005 vorzeitige Neuwahlen beschloss; als er das Amt des Parteichefs später wieder abgab. Und auch jetzt bei seinem Abschied aus dem Kabinett. Strucks Vorahnung hatte also nicht getrogen - auch wenn die Überraschung ganz anders ausfiel, als der Fraktionschef wohl gemeint hatte. Aber das war eben typisch Müntefering: Selbst wenn man bei ihm mit allem rechnete - er blieb unberechenbar.
"Näher an den Menschen"
Dieser Abgang des Vizekanzlers war ein Einschnitt. Für die Große Koalition, für die SPD, aber auch für die Politik in Deutschland insgesamt. Umso mehr wegen der außergewöhnlichen Gründe für Münteferings Rücktritt: Der 67-Jährige gab das Amt auf, um seiner Frau Ankepetra nach der fünften Krebsoperation binnen weniger Jahre beizustehen. "Meine wichtigste Aufgabe ist jetzt zu Hause", sagte er zum Abschied vor der SPD-Fraktion.
Zurück blieb eine Koalition in völliger Unordnung, auch wenn ihre verbliebenen Vorleute sich tapfer um den gegenteiligen Eindruck bemühten. Und es blieb ein Paradoxon: Das Menschliche hatte das Politische überwunden und wurde doch gleich wieder selbst zum Politikum. Für einen kurzen Moment wurden die Akteure im Berliner Betrieb in ihrer Überzeugung erschüttert, dass es nichts Wichtigeres geben könne als sie selbst - nur um kurz darauf mit atemberaubender Effizienz eine neue Formation zu basteln, in der das alte Spiel wieder von vorne losging.
Eines fiel in der kurzen Zeit des Nachdenkens noch auf, ein bemerkenswerter Zufall. Wenige Wochen vor Münteferings Rücktritt hatte SPD-Chef Kurt Beck für seine Partei eine neue Devise ausgegeben: Er forderte sie auf, "näher an den Menschen" zu sein. Das war auf dem Parteitag in Hamburg, wo Beck sich den Sieg im innerparteilichen Machtkampf gegen Müntefering im Streit um die Verlängerung des Arbeitslosengeldes absegnen ließ.
In gewisser Weise hat niemand den Parteivorsitzenden so sehr beim Wort genommen wie der ihm unterlegene Müntefering: Näher an einem Menschen wie er künftig bei seiner Frau kann man nicht sein.
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