Das erste Interview mit Natascha Geschützt nur durch eine Sonnebrille
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Klatschblätter bieten ihr einen Job und eine Wohnung für ein Interview, die Eltern brauchen PR-Berater und RTL bringt eine Sondersendung - das bizarre Geschachere um den ersten TV-Auftritt von Natascha Kampusch.
Der Poker um Nataschas Gesicht ist entschieden. Am Mittwochabend wird das acht Jahre lang gefangen gehaltene und am 23. August wieder aufgetauchte Wiener Entführungsopfer Natascha Kampusch erstmals zu sehen sein.
20 Mikrofone für einen Mann: Ernst Holzapfel, ein Freund und Arbeitskollege von Nataschas Entführer, spricht zu der Presse.
(Foto: Foto: AFP)Der öffentlich-rechtliche ORF darf im Hauptabendprogramm ein etwa 30 Minuten dauerndes Interview ausstrahlen. In Deutschland sendet RTL das Gespräch um 21.15 Uhr. Der Kölner Privatsender bringt eine Extra-Spezialsendung mit Birgit Schrowange und zahlt wohl eine sechsstellige Summe.
Skrupellose unter den Journalisten
"Der ORF bezahlt dafür aber keinen Cent", beteuert der Wiener PR-Berater Dietmar Ecker. Er zählt zu einem Team von Psychiatern und Psychologen, das versucht, die von der Polizei streng abgeschirmte Frau auch vor skrupellosen Journalisten zu schützen.
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Zuletzt gab es 300 Interview-Anfragen "aus aller Welt, aus Japan, Neuseeland, den USA, Russland und England", sagt Ecker. Diese Interessenten müssen sich, zeitlich versetzt, mit der Zweit-Verwertung des ersten Kampusch-Interviews begnügen.
Der ORF werde der einzige TV-Sender sein, der Frau Kampusch fragen und filmen darf. Er habe die internationalen Rechte für den Weiterverkauf des Interviews - das Geld fließt in einen Natascha-Kampusch-Fonds. Es handelt sich um einige hunderttausend Euro.
Eine Wohnung und ein Job als Dank fürs Interview
In Österreich haben sich neben dem ORF das Boulevardblatt Neue Kronen Zeitung und das Magazin News, das wie RTL zum Bertelsmann-Konzern gehört, als exklusive Print-Berichterstatter durchgesetzt.
Der Deal: Krone und News haben für ihre Natascha-Interviews, die am Donnerstag gedruckt werden sollen, unbefristet zugesagt, der stark traumatisierten Natascha Kampusch eine Wohnung, eine Ausbildung und einen Job zu besorgen.
Rund um das Schicksal der 18-Jährigen hat sich ein Mediengeschäft mit "Exklusiv-Interviews" der Eltern entwickelt. So war ihr Vater bei N 24 in der Talkshow von Arabella Kiesbauer zu sehen. Von einem "Vermarktungswahnsinn" spricht Kiesbauer-Produzent Christian Seidel. Mutter und Vater haben eigene PR-Mittler.
Vom Opfer aber gab es bisher wenig Authentisches - nur ein altes Fahndungsfoto und ein jüngst per Computer gebasteltes Bild. Das hat sensationslüsterne Journalisten, die Storys wie "Pregnant by the beast" in die Welt setzten, auf Trab gehalten. Etliche haben in ihrem Drang, den geheimen Aufenthaltsort von Natascha Kampusch zu finden, sogar in Campingbussen vor Eckers Büro geschlafen.
Neun von zehn Österreichern verfolgen den Fall
Auch Österreichs jüngste Tageszeitung Österreich soll ganz wild auf Exklusives gewesen sein. In Wien wird erzählt, die Macher hätten vergeblich bis zu 250 000 Euro geboten, um am vorigen Freitag, dem Tag ihres Zeitungsstarts, mit einem Scoop aufwarten zu können. Österreich bestätigt das nicht.
Wie Natascha Kampusch tatsächlich aussieht, wird trotz ihres TV-Auftritts unklar bleiben. "Wir wollen nicht, dass man sie sofort auf der Straße erkennt", sagt Ecker. Deshalb werde sie im TV wohl mit Sonnenbrille auftreten und auch sonst verändert, nur aus bestimmten Perspektiven zu sehen sein.
Ecker, einst Kommunikationschef der Sozialdemokraten (SPÖ): "ein journalistischer Grenzfall". Die Fragen des Interviews, das am heutigen Dienstag in Wien aufgezeichnet wird, sollen vorher mit Psychologen und ihm "abgeklärt" werden.
Angeblich sind neun von zehn Österreichern an dem Interview interessiert. Ist die Diktion der Frau tatsächlich so geschliffen, wie ihr vom Jugendpsychiater Max Friedrich jüngst vorgelesener Brief vermuten lässt? Udo Jesionek, Chef der Kriminalopferhilfe Weißer Ring, behauptet, sie könne es sprachlich mit einer Abiturientin oder Studentin aufnehmen.
Das ORF-Interview wird der Journalist Christoph Feurstein führen, der den Fall Natascha jahrelang bearbeitet hat. Dass auch News mit Natascha ins Geschäft kam, hat Beobachter überrascht: Noch am vorigen Donnerstag hatte das Blatt mit der "Akte Natascha" aufgemacht und vorgegaukelt, mit Kampusch persönlich geredet zu haben.
Den Ärger um die Titelstory hat News-Chef Oliver Voigt selbst aus dem Weg geräumt: Er entschuldigte sich persönlich bei Natascha Kampusch - nicht für die Geschichte, sondern für das, was sie ausgelöst hat.