Zu diesem Zeitpunkt aber ist Tim K. nicht mehr am Leben. Einen Schusswechsel mit der Polizei hat er sich noch geliefert, zwei Polizisten wurden schwer verletzt. Auch er wurde getroffen - und dann hat er sich, so teilt es die Staatsanwaltschaft später mit, wohl selbst getötet.

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Kriseninterventionsteams kümmern sich um die Schüler

In Winnenden sind unterdessen Kriseninterventionsteams aus dem ganzen Land eingetroffen und kümmern sich um die Schüler. Vor einer Halle steht ein Polizeipsychologe und sagt, er rauche jetzt noch eine Zigarette, dann gehe es los. Und auch die Politiker aus Stuttgart sind inzwischen in der Kleinstadt angekommen.

In einer Turnhalle, die so riecht, als habe hier gerade noch jemand schwitzend einem Ball hinterhergejagt, hat der Hausmeister ein paar Tische zusammengestellt. Der Ministerpräsident Günther Oettinger ist gekommen und sein Kultusminister Helmut Rau. Oettinger, der ein gutes Gedächtnis hat, spricht den Hinterbliebenen sein Beileid aus und kann schon alle Teilorte aufsagen, aus denen die Opfer kommen. Man stehe vor einer Tat, wie man sie in Baden-Württemberg nicht für möglich gehalten hat.

Winnenden ist eine Stadt wie viele in Baden-Württemberg und im Umkreis von Stuttgart, ein Ort von 27.000 Einwohnern, der mit den Eingemeindungen und der Kilometerpauschale gewachsen ist. Wer in Stuttgart Kinder kriegt und sich die Großstadt nicht mehr leisten kann, zieht hierher, entlang der Bundesstraße sitzen die Zulieferer für die Automobilindustrie. Es ist ein Ort für vernünftige Menschen, die ihre Kinder auf eine Schule schicken wollen, die vielleicht von manchen Problemen noch nicht erreicht worden ist.

Es ist noch nicht vorbei in Winnenden

Nun sitzt auch Kultusminister Helmut Rau in der Turnhalle und sagt, der Schule sei "die größte Katastrophe passiert, die man sich vorstellen kann". Er spricht von der Seele der Schule, die verwundet wurde, von der getöteten Referendarin, die gerade erst vier Wochen an der Schule war. Es müsse weitergehen, sagt Rau. "Wir wissen nur noch nicht wie."

Die Schüler werden von der Polizei eskortiert in Turnhallen und ins Schwimmbad gebracht, Psychologen sind gekommen. Tim K. war bis vor kurzem noch einer von ihnen. Wie Nachbarn und Bekannte aus dem Ort erzählt auch Rau davon, dass der Täter als unauffällig gegolten habe, wie viele andere auch, die unauffällig waren und plötzlich anfingen zu töten. "Das führt uns an den Punkt, dass Jugendliche eine doppelte Identität haben können, wobei uns die zweite verborgen bleibt."

Es ist 14 Uhr, als der Regen und der Graupel nachlassen in Winnenden. Eine lange Kolonne von Polizeiwagen verlässt den Ort, die Scharfschützen packen ihre Gewehre ein. Es ist plötzlich nicht mehr viel los auf den Straßen.

Nur hin oder wieder sieht man einen Vater oder eine Mutter mit ihrem Kind. Sie laufen nebeneinander her, haben die Hände in den Taschen und die Arme so eng an den Körper gelegt, dass es schon fast weh tun muss. Sie schauen auf den Boden und laufen schweigend vor sich hin. Es ist noch nicht vorbei in Winnenden. Es ist nun eine andere Stadt.

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(SZ vom 12.03.2009/af)