Seismologen prognostizieren ein schweres Nachbeben, Gerüchte im Internet sorgen für eine Massenpanik. Menschen flüchten auf die Straße und übernachten im Freien.
Die Menschen in China schwanken zwischen Hoffnung und Angst: Acht Tage nach dem schweren Erdbeben in Zentralchina ist in der Nacht zum Dienstag erneut ein Verschütteter lebend geborgen worden. Der 31-jährige wurde 179 Stunden nach dem Beben aus den Trümmern eines Wasserkraftwerks in der Stadt Yingxiu gezogen, wie die Nachrichtenagentur Xinhua berichtete. Rettungskräfte kämpften mehr als 30 Stunden um das Leben von Ma Yuanjiang, einem leitenden Angestellten des Kraftwerks im Bezirk Wenchuan.
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Die Menschen in China flüchteten aus den Häusern und übernachteten unter freiem Himmel. (© Foto: AFP)
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Damit wächst die Hoffnung, weiterhin Menschen zu finden, die unter eingestürzten Gebäuden überlebt haben. Die Helfer sind nun auch in die entlegenen Gebiete vorgedrungen, um nach Überlebenden zu suchen.
Gleichzeitig jedoch haben die Menschen in China Angst vor dem großen Nachbeben. Seismologen warnen vor einem Beben, das eine Stärke von bis zu 7,0 auf der Richterskala erreichen könnte. Die Bergungsmannschaften und Bewohner in der Region sollten sich auf die Gefahr einstellen. Es gebe die Gefahr, dass neue Erdrutsche ausgelöst werden oder beschädigte Häuser einstürzen.
In der Nacht zum Dienstag erreichten Erdstöße eine Stärke um 5,0 und sorgten dafür, dass viele Menschen aus ihren Häusern flüchteten und unter freiem Himmel übernachteten. Auch brachten einige Krankenhäuser ihre Patienten vorsichtshalber auf die Straße.
"Die, die Zelte haben, schliefen darin, und die, die Autos haben, schliefen dort", sagte ein Bewohner von Chengdu. Die Nacht über trugen viele Einwohner Möbel und andere Habseligkeiten auf die Straßen. Auf den Straßen kam es zu Staus, weil viele Bewohner aus Angst vor dem Nachbeben die Stadt verlassen wollten. Seit dem schweren Beben vor acht Tagen wurde das Katastrophengebiet von mehr als 150 Nachbeben erschüttert. Am Sonntag wurden nach Angaben eines örtlichen Behördenvertreters bei einem Nachbeben mindestens drei Menschen getötet und 50 weitere verletzt.
Die Regierung bemüht sich deshalb, Panik unter der Bevölkerung zu verhindern. Mehrere staatliche Erdbebenforscher erklärten am Dienstag im chinesischen Fernsehen, allein das Auftreten von Nachbeben bedeute noch keine Gefahr für Leib und Leben. Allerdings sollten sich die Menschen nicht leichtsinnig Gefahren aussetzen, betonte der Wissenschaftler Han Weiding.
In Medienberichten wurde zudem die Frage aufgeworfen, ob eine teils unprofessionelle Berichterstattung die Rettungsarbeiten im Erdbebengebiet behindere. Ein Bericht im chinesischen Fernsehen nämlich warnte vor einem Nachbeben der Stärke 8 - das wäre stärker als das erste Beben.
Unter den Trümmern im Erdbebengebiet der Provinz Sichuan werden noch Tausende Verschüttete vermutet. Bislang sind rund 34.000 Tote offiziell bestätigt, doch rechnet der Krisenstab mit mehr als 50.000 Toten. Über 40.000 Verletzte werden in Krankenhäusern oder Feldlazaretten behandelt. Die wirtschaftlichen Schäden durch das Beben für die Unternehmen in der Region bezifferte die Regierung auf 67 Milliarden Yuan (6,2 Milliarden Euro).
Mit drei Schweigeminuten gedachten Millionen Chinesen am Montag der Opfer des verheerenden Erdbebens. Um 14.28 Uhr Ortszeit (08.28 Uhr MESZ) - dem Zeitpunkt des gewaltigen Erdstoßes der Stärke 7,9 vor einer Woche - wurde in ganz China die Arbeit ausgesetzt und der Verkehr stoppte. Im ganzen Land ertönten Sirenen und Autohupen. Bereits um Mitternacht begann eine dreitätige Staatstrauer. Der Fackellauf für die Olympischen Spiele wurde für diesen Zeitraum unterbrochen.
Unzensierte Internet-Blogs in China
Die Menschen in China schwanken während dieser Zeit zwischen der Hoffnung, dass noch Menschen gerettet werden können - und der großen Angst, dass alles noch schlimmer kommen könnte.
Das zeigt sich an den Einträgen der Menschen in Internet-Blogs - die in diesen Tagen kaum zensiert werden. Es gibt Augenzeugenberichte aus dem Erdbebengebiet, Hilfeaufrufe und auch leidenschaftliche Kritik an den Rettungsmaßnahmen und der Hilfe der Regierung.
"Ich möchte nicht das Wort transparent benutzen, aber ist weniger zensiert, es gibt einen fast freien Informationsfluss", sagt Xiao Qiang, ein Journalismusprofessor an der Universität von Kalifornien in Berkeley und Direktor des "China Internet Project", das chinesische Websites beobachtet und übersetzt.
Die Offenheit führt jedoch dazu, dass sich Gerüchte rasend schnell verbreiten. Eines besagte, dass das Wasser im Katastrophengebiet mit Ammoniak verseucht sei, wie der britische Student Daniel Ebbutt berichtete. Dies führte dazu, dass es zu Hamsterkäufen bei abgefülltem Wasser kam.
Die Regierung musste das Wasser abstellen. Ein anderer Blog warnte vor einem Erdbeben der Stärke 8, was zu einer Panik in der Stadt Chengdu führte, bei der Menschen versuchten, ins Flachland zu flüchten.
Die Regierung versucht indes, das Internet zu nutzen, um die Bürger zu beruhigen. Die Behörden waren sogar zu einem Echtzeit-Chat mit den Bürgern zum Erdbeben bereit. Mit der offenen Berichterstattung wird versucht, eine Panik zu verhindern. "Die Gerüchte sind schädlich", schrieb der amerikanische Lehrer Kevin Morris, der in der Nähe des betroffenen Gebiets wohnt. Deshalb würde der offene Umgang mit der Berichterstattung den Menschen helfen.
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(sueddeutsche.de/dpa/AP/rtr/gdo)
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Wenn die chinesischen Medien glaubwürdig wären, dann kämen die Menschen gar nicht auf die Idee, sich von irgendwelchen obskuren Internetseiten Informationen zu beschaffen.
Es rächt sich jetzt die jahrzehntelange, rigide Kontrolle aller Medien durch das chinesische Regime. Die angeblich 36.000 chinesischen Beamten, deren alleinige Aufgabe darin besteht, unliebsame Websites zu blockieren, könnte man als Helfer in den Katastrophengebieten sicher sehr gut gebrauchen.
Das mit den Gerüchten stimmt allerdings. Aber was sollen die Menschen auch tun? Sie besitzen kaum Medienkompetenz um Gerücht und Wahrheit zu unterscheiden in einem System, welches die freie Information gerade erst vorsichtig antestet. Das sollte man nicht all zu negativ bewerten.
Ich finde das Bild übrigens sehr gespenstisch. Es sieht so friedlich aus wie die Leute auf dem sauberen Boden schlafen auf Matratzen, eher wie im Ferienlager oder auf einem Open Air Konzert. Ziemlich surreal.