Ein neuer Chemieunfall in China bedroht die Wasserversorgung, und die Folgen des Unglücks vom November erreichen nun Russland.
Erneut ist ein chinesischer Fluss durch einen schweren Chemieunfall vergiftet worden. Örtliche Medien berichteten am Mittwoch, kadmiumhaltige Giftstoffe seien aus einer staatlichen Zinkschmelzerei in den Fluss Beiguang in der Südprovinz Guangdong gelangt.
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Der verschmutzte Songhua-Fluss. (© Foto: dpa)
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Daraufhin sei in der Stadt Shaoguan, in der eine halbe Million Menschen leben, am Dienstag für etwa acht Stunden das Wasser abgestellt worden. Chinas Behörden wollten den Vorfall am Mittwoch jedoch noch nicht bestätigen. Es ist die zweite schwere Vergiftung eines chinesischen Flusses innerhalb weniger Wochen.
"Es ist eine Tatsache, dass das Hüttenwerk in Shaoguan während einer Wartung seiner Anlagen illegalerweise kadmiumhaltige Abfälle in den Fluss geleitet hat", berichtete die Tageszeitung Guangzhou Ribao. Wasserproben aus dem Fluss, der durch die dicht besiedelte Provinz Guangdong fließt, hätten bis zum Zehnfachen der zulässigen Grenzwerte für Kadmium enthalten.
Flussabwärts gelegene Städte sollen versucht haben, ihre Wasserversorgung aus alternativen Quellen wie Stauseen zu sichern, während das Gift den Fluss hinuntergespült werde. Das hochgiftige Schwermetall, das unter anderem in aufladbaren Batterien enthalten ist, kann Krebs sowie schwere Leber-, Nieren- und Knochenschäden verursachen.
Wann die Verseuchung begann, ist bisher nicht bekannt. Beamte hätten das Hüttenwerk vorübergehend geschlossen, heißt es in den Medienberichten. Das Unternehmen erklärte, es sei schwer zu ermitteln, wer den Schaden zu verantworten habe.
Erst am 13. November war nach einer Explosion in einer Chemiefabrik in Jilin der nordostchinesische Fluss Songhua mit 100 Tonnen Benzol verseucht worden. In der Großstadt Harbin mussten daraufhin Hunderttausende Bewohner fast eine Woche lang notdürftig mit Wasser versorgt werden.
Gift erreicht Russland
Bei diesem Unfall dauerte es zehn Tage, bis die chinesischen Behörden die Öffentlichkeit über das volle Ausmaß der Umweltkatastrophe informierten. Chinas Umweltminister musste deshalb zurücktreten.
Der Giftteppich, der sich nach dem Benzolunfall im Songhua-Fluss bildete, erstreckt sich zurzeit über eine Länge von 160 Kilometern. Umweltbeamte und Arbeiter versuchen weiterhin, die Katastrophe einzudämmen. Das hochgradig krebserregende Gift, das den Fluss hinuntertreibt, werde in Kürze die Grenze zu Russland erreichen, berichteten staatliche Medien.
Chinesische Arbeiter trotzten eisiger Kälte, um einen weiteren Damm zu errichten, bevor das Benzol den russischen Fluss Amur erreicht, sagte der chinesische Regierungssprecher Qin Gang.
In Russland wächst derweil die Sorge vor dauerhaften Problemen mit der Wasserversorgung im Grenzgebiet zu China. Es bestehe die Gefahr weiterer Unfälle in chinesischen Industriebetrieben entlang des Flusses Songhua, warnte der russische Katastrophenschutzminister Sergej Schoigu am Mittwoch während einer Parlamentssitzung in Moskau.
"Deshalb kann man davon ausgehen, dass die Verschmutzung des Amur weiter zunimmt", erklärte der Minister. Es seien eine Reihe dringender Schutzmaßnahmen notwendig, unter anderem der Bau einer neuen Wasserentnahmestation, ständige Kontrollen und das Anlegen größerer Aktivkohlereserven in der Region Chabarowsk.
Russlands oberster Verbraucherschützer, Gennadij Onischtschenko, kritisierte die chinesische Informationspolitik. "Die internationalen Vereinbarungen müssten so verbessert werden, dass wir präzisere Informationen über solche Unfälle in China erhalten", sagte er im Parlament.
Die knapp 600.000 Einwohner der Stadt Chabarowsk bereiteten sich am Mittwoch auf das für den Abend erwartete Eintreffen des Giftteppichs aus China vor. Sie deckten sich mit Wasservorräten ein. Die Folgen für die Versorgung der Stadt waren zunächst unklar.
Die Behörden versicherten, sie hätten die Lage unter Kontrolle. Es seien Vorkehrungen getroffen worden, um Kindergärten, Schulen und medizinische Einrichtungen im Notfall mit Wasser beliefern zu können. Das zentrale Heizsystem müsse eventuell abgeschaltet werden, damit kein Gift in die Leitungen gelange.
Tagsüber liegen die Temperaturen in der Stadt derzeit bei minus 20 Grad. Die Verwaltung der Region Chabarowsk bat die russische Regierung um Finanzhilfen in Höhe von 150 Millionen Rubel (4,4 Millionen Euro), um die Folgen der Giftkatastrophe zu bewältigen. Auf russischer Seite sind insgesamt zwei Millionen Menschen durch das Benzol gefährdet.
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(SZ vom 22.12.2005)
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