Erdrutsch in Shenzhen Chinesische Behörden hatten Hinweise auf bevorstehende Katastrophe

Mit Dutzenden Baggern lassen die chinesischen Behörden in den Erdmassen des einstigen Schuttbergs nun nach Überlebenden und Opfern suchen.

(Foto: Andy Wong/AP)
  • Nachdem am Sonntag eine Schuttlawine zwei Arbeiterheime in der chinesischen Stadt Shenzhen unter sich begraben hat, fahndet die Polizei nach den Verantwortlichen.
  • Offenbar wussten die Behörden bereits, dass der Schuttberg instabil geworden war. Der Betreiberfirma fehlte die Lizenz, um den Abladeplatz zu verwalten.
  • Viele Chinesen haben das Vertrauen in ihre Regierung verloren.
Von Christoph Neidhart

Die Polizei in der chinesischen Stadt Shenzhen hat am Dienstag die Büros der Firma durchsucht, die den abgerutschten Schuttberg verwaltete, der am Sonntag 33 Gebäude unter sich begraben hat. Suchteams fanden inzwischen eine erste Leiche; 76 Menschen werden noch vermisst. Am Ort der Katastrophe im Hengtaiyu-Industriepark in Shenzhen suchen mehrere Tausend Retter mit Sensoren, Drohnen und Baggern rund um die Uhr das verwüstete, etwa 38 Hektar große Gebiet nach Überlebenden ab. Allerdings schwindet die Hoffnung, nach mehr als 48 Stunden in den Trümmern Verschüttete noch lebend zu bergen.

Die Schuttlawine hatte sich am Sonntag aus einem illegal aufgefüllten, bis zu hundert Meter hohen Steinbruch gelöst und unter anderem zwei Arbeiterwohnheime weggeschwemmt. Etwa 900 Menschen hatten sich rechtzeitig in Sicherheit bringen können. Nach Medienberichten fand die Polizei zwei Büros der Firma Shenzhen Yixianglong verwaist, auch per Telefon war niemand zu erreichen. Die Räume befinden sich in Privatwohnungen. Eigentlich fehlt der Firma die vorgeschriebene Lizenz, Schuttberge überhaupt verwalten zu dürfen. Ursprünglich hatte eine andere Firma vor zwei Jahren den Auftrag erhalten, den alten Steinbruch zu managen. Doch diese hatte den Auftrag sofort weiterverkauft.

Erst im August kamen 160 Menschen bei einer Explosio in Tianjin um

Die Behörden von Shenzhen wussten offenbar, dass der eigentlich nur provisorisch aufgehäufte Schuttberg im Stadtteil Guangming instabil geworden war. Bereits im September hatten sie weitere Ablagerungen verboten und Wachen aufstellen lassen. Anwohner berichten jetzt allerdings, es hätten zuletzt täglich Hunderte Lastwagen hier viele Tonnen neuen Bauschutt abgeladen.

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Die Zehn-Millionen-Stadt Shenzhen, die an Hongkong grenzt, ist in den letzten 30 Jahren von einem Fischerdorf zur wirtschaftlichen Sonderzone aufgestiegen und rasant gewachsen. Hier hat Chinas Aufstieg zur Industriemacht begonnen. Die Großstadt gilt als vergleichsweise sauber und sicher - umso schwerer wiegt in China nun der Schock, dass nach der schweren Explosion in Tianjin im August, bei der mehr als 160 Menschen umkamen und fast 800 verletzt wurden, die zweite mutmaßlich von Nachlässigkeit, Schlamperei und Korruption verursachte Industriekatastrophe binnen weniger Monate sich ausgerechnet hier ereignet hat.

Reportern wird der Zugang zum Ort der Katastrophe verwehrt

Das Vertrauen von Chinas neuem Mittelstand in die Regierung ist in den letzten Jahren buchstäblich eingebrochen. Für viele junge Leute sind die in den sozialen Medien verbreitete Geschichten von vergifteten Lebensmitteln, die verpestete Luft sowie derartige Unfälle Grund genug, über Auswanderung nachzudenken. Das fehlende Vertrauen in die offiziellen Medien verstärkt den Ärger noch. Das hat auch die Regierung von Präsident Xi Jinping erkannt. Premier Li Keqiang ordnete bereits am Montag eine Untersuchung der Katastrophe an, Präsident Xi ließ bekannt geben, Sicherheit habe die oberste Priorität.

Andererseits hat die Polizei in Shenzhen Reportern nun den Zugang zum Ort der Katastrophe verwehrt, sie behindert auch deren Recherchen. Damit bestätigt sie die Befürchtungen vieler junger Chinesen, die Behörden würden ihnen die Wahrheit vorenthalten.