China Die Diebin, die nur die Korrupten bestahl

Luxusgüter wie diese Goldarmreifen in einem Schmuckgeschäft in Macao gehören zu den Geschenken, die viele chinesische Beamte annehmen.

(Foto: Brent Lewin/Bloomberg)

Man nennt sie "Robin Hood": Eine Chinesin entwendete jahrelang Bestechungsgeschenke von hochrangigen Beamten. Jetzt wurde sie gefasst - und zeigt, wie käuflich die Elite ist.

Von Kai Strittmatter, Peking

Sie nennen sie eine Diebin. Tang Shuiyan selbst fühlte sich mehr wie eine Schatzsucherin. "Das war so lustig, dieses Gefühl, mit einem Mal einfach Geld haben zu können", sagte sie der Zeitung Südliches Wochenende.

Es war oft wie ein Spiel: Durch die Gänge schlendern, rein in die Büros, und dann in Schränken, Schubladen, Taschen wühlen. Tief graben musste sie meist nicht. Oft purzelte ihr alles entgegen: teurer Schnaps, Schweizer Uhren, Zigarettenstangen, Berge davon, Bargeld, in Stapeln. Dann die Beute aufhäufen, die Visitenkarte des Amtsleiters, des Parteisekretärs, des Bankdirektors gut sichtbar drauf platzieren, die Fotos machen (das nie vergessen: die Fotos!), ihre Tasche füllen, die große schwarze Tasche, fast größer als sie selbst. Und dann weghuschen.

Ein leichtes Spiel

Es war leicht, sagt sie. Kurze Haare, ein hageres, unscheinbares Bauerntöchterlein, gerade mal ein Meter sechzig. Manchmal eilten ihr Wachleute zu Hilfe, trugen ihre Tasche. Manchmal, sagt sie, hätten sie beim Aufhäufen all der kostbaren Dinge auch die Erinnerungen an ihr Heimatdorf, an ihre Kindheit übermannt. Wie das war: kein Geld für die Schule, kein Geld für den Arzt.

Dann, sagt sie, sei auch der Zorn gekommen. Der Zorn auf die Menschen, die in diesen Büros hausten, die all das zusammengerafft hatten. Die Beamten, die sich tagein, tagaus hofieren ließen von Antragstellern; die sich gut gefüllte rote Umschläge zustecken ließen von Menschen in Bedrängnis; die sich beschenken ließen von Untergebenen, welche sich so ihre Beförderung erschlichen; die sich kaufen ließen von Unternehmern, welche eine Lizenz brauchten, von Saufkumpanen, welche auf einen Auftrag schielten. Ja, sagt sie, da habe sie auch eine Ahnung von Gerechtigkeit in sich aufsteigen gefühlt. Bestahl sie nicht die eigentlichen Diebe?

Sie ließ einige der korruptesten Beamten des Landes auffliegen

Das ist die Geschichte des armen Mädchens Tang Shuiyan, das korrupte Beamte bestahl, das in mehreren Provinzen einen solchen Berg von Bestechungsgeschenken mitgehen ließ, dass sie davon jahrelang leben konnte. Mehrere große Zeitungen Chinas haben vergangenen Monat den Werdegang der Diebin, diese Parabel aufs moderne China, im Detail nacherzählt.

Im Netz hat man sie "Chinas Robin Hood" geheißen. Dabei hat sie ihre Beute keineswegs an Witwen und Waisen verteilt, sondern für die eigene Familie behalten. Aber weil die von ganz unten kommt, kamen nicht wenige Kommentatoren im Netz zu dem Schluss, hier habe sich das Volk quasi wiedergeholt, was ihm zuvor von der korrupten Klasse entrissen worden sei. Und das Beste: Tang Shuiyan ließ am Ende ein paar der Korruptesten hochgehen.

Tang Shuiyans Werdegang war, zumindest am Anfang, der von Millionen und Abermillionen Chinesen: Geboren in einem Bauerndorf in Hunan, machte sie sich auf in den Süden, in die Provinz Guangdong, um dort als kleinstes der kleinen Rädchen mitzuarbeiten am chinesischen Wirtschaftswunder.

Ihre Arbeit: Am Fließband einer Schuhfabrik

Sie heuerte an in einer Schuhfabrik in Dongguan. Wie auch ihr Bruder, ihre Schwester, ihre Schwägerin. Eine Wanderarbeiterin, deren Leben zwar völlig anders verlief als das der Eltern, das aber dennoch schon vorgeplant schien: ein paar Jahre Schuhfabrik, dann einen Verlobten suchen, am besten einen aus der Heimat, zurück ins Dorf gehen und heiraten.

Sie saß am Fließband, musste jeden Tag Tausende Schuhsohlen mit einem Kleber bestreichen. Vom Lösungsmittel wurde ihr regelmäßig schwindlig. Sie wusste, dass im Laden ein Paar der Puma-Schuhe, die an ihr vorüberzogen, Hunderte Yuan kosteten, zehnmal so viel wie das ausgelatschte Paar, das sie an den Füßen trug. Als sie in Dongguan ankam, war ihr kostbarster Besitz ein Kleid aus weißer Chemiefaser, an dem eine kleine rote Blume befestigt war. "Ich vergesse nie, wie die rote Blume im Wind wehte", erzählte sie der Chinesischen Jugendzeitung.