Ein einzigartiges Projekt versorgt Behinderte aus armen Familien in den abgelegensten Bergregionen Tibets mit Rollstühlen aus China.
Es ist ein besonderer Tag für Jaida. Er soll mit einem Ausflug in einer Schubkarre beginnen. Jaida, 42 Jahre alt, ist Tibeterin. Sie ist seit ihrer Geburt querschnittsgelähmt. Sie ist Tetraplegikerin, also durch einen Wirbelsäulendefekt an Beinen und Armen gelähmt.
Jaida, 44, ist von Geburt an querschnittsgelähmt. Ihre Schwester Zhuoni hat sich eine Schubkarre ausgeliehen, um sie zum ersten Mal durch ihr Heimatdorf zu schieben. (© Foto: Bork)
Anzeige
Um 8.30 Uhr an diesem Morgen steht Jaidas jüngere Schwester Zhuoni auf und geht in den Heuzuber hinter der Hütte. Hier schläft Jaida, neben einem großen Haufen Stroh für das Vieh. Sie liegt auf einem Haufen schmutziger Decken und Teppiche, der nach Kot und Urin stinkt. Jaida müsse hier schlafen, weil sie auch geistig behindert ist, erklärt ihre Schwester. "Sie kann uns nicht vorwarnen, wenn sie zur Toilette muss", sagt Zhuoni, "und wir sind zu arm, um genügend Bettwäsche zu kaufen."
Wie jeden Morgen wuchtet sich Zhuoni deshalb ihre behinderte Schwester mit einem kräftigen Ruck auf den Rücken und schleppt sie nach nebenan, in die von einem Eisenofen gewärmte Stube. 42Jahre lang, seit ihrer Geburt, ist dies schon Jaidas ganze Welt: der Heuhaufen nachts und tagsüber die Stube. Auch hier liegt ein Bündel Stroh auf dem Bretterboden. Jaida sitzt darauf, das gekrümmte Rückgrat gegen eine Bettkante gepresst.
1600 Kilometer von Chengdu
Erst zwei Mal hat Jaida etwas anderes gesehen. Da hat die Schwester sie auf ihrem Rücken zu dem kleinen tibetischen Kloster auf einem Hügel hinter dem Haus getragen. Einen Kilometer weit. "Früher habe ich das geschafft - jetzt ist sie mir zu schwer geworden", sagt Zhuoni. "Sie wiegt 40 Kilo." Jaida versteht, wenn man über sie spricht. "Ich wiege vier Pfund", ruft sie. Die ganze Familie lacht. Alle lieben Jaida und ihre Witze.
Jaida muss im Stroh schlafen, weil die Familie zu arm ist für eine bessere Betreuung. Jaidas Vater war Tierarzt hier in Shiqu, einer kleinen Kreisstadt im tibetischen Hochland. Shiqu ist umgeben von Grasland und hohen Bergen, liegt selbst 4200 Meter über dem Meeresspiegel. 1600 Kilometer über gefährliche Bergstraßen trennen das Kaff vom nächstgelegenen Flughafen in Chengdu. Jetzt im Frühling schneit es noch häufig. Yaks und Schafe nagen hungrig an den letzten fressbaren Grashalmen.
Fast alle Bewohner von Shiqu sind Hirten und sehr arm. Seit Jaidas Vater vor sechs Jahren starb, lebt die Familie allein von der Nothilfe der Regierung für Behinderte. Etwa 2000 Yuan (200 Euro) im Jahr sind das. Es reicht kaum zum Überleben. Zhuoni muss so oft wie möglich als Hilfsarbeiterin im Straßenbau arbeiten. 20 bis 25 Yuan (2,50 Euro) verdient sie am Tag.
Die chinesische Regierung versorgt Behinderte wie Jaida mit dem Nötigsten. Doch hier auf dem tibetischen Hochland ist ihr Los sehr hart. Für medizinische Untersuchungen oder gar Betreuung ist kein Geld da. "Mein 15-jähriger Bruder Zhaxi muss sich um Jaida kümmern während ich arbeite", sagt die Schwester. "Er kann deshalb nicht zur Schule gehen."
"Viele Menschen denken nur an Menschenrechte, wenn sie Tibet hören"
Heute hat sich Zhuoni bei den Nachbarn eine Schubkarre ausgeliehen. Sie ist schmutzig, mit Mörtel vom Hausbau bespritzt. Trotzdem lacht Jaida, als sie drinsitzt. Zhuoni schiebt ihre behinderte Schwester über die Hauptstraße von Shiqu. Es ist das erste Mal, dass Jaida den Ort sieht. "Man hat uns erzählt, dass irgendwelche Ausländer Rollstühle verschenken", sagt Zhuoni.
Vor der Kreisverwaltung von Shiqu laden die Ausländer in Pappkartons verpackte Rollstühle von einem Lastwagen. Die Hilfsorganisation Khamaid, gegründet von der Kalifornierin Pam Logan, hat dafür in Amerika und Europa Spenden gesammelt.
Einige Ärztinnen und Physiotherapeuten aus den USA haben ihren Urlaub geopfert, um freiwillig beim Anpassen und Zusammenschrauben der Stühle zu helfen. "Viele Menschen denken nur an Menschenrechte, wenn sie das Wort Tibet hören", sagt Pam Logan. "Was ich hier sehe, ist etwas ganz Anderes: sehr viele Menschen, die einfach um ihr Überleben und mit ihrer Armut kämpfen."
Eine große Menschenmenge hat sich versammelt, um auf die Rollstühle zu warten. Manche haben dafür ihre behinderten Familienangehörigen mehrere hundert Kilometer durch Bergschluchten und über Weideland ohne Wege oder Straßen getragen. Der 76-jährige Opa Onzha, der nicht mehr richtig laufen kann, ist als Erster dran. Dann die zehnjährige Cuoma, deren Beine durch einen Geburtsfehler verkrüppelt sind.
Viele gehen leer aus
Und dann endlich Jaida. Es ist nicht leicht, die Schaumstoffpolster für den Rollstuhl so zurechtzuschneiden, dass sie bequem darin sitzen kann. Aber irgendwann passen sie. Jaida strahlt.
"In jedem Dorf, in das wir kommen, sind wir sofort von Behinderten umringt", sagt Eunice Shen, eine Freiwillige aus den USA, die das Rollstuhlprogramm von Khamaid leitet. "Es ist hart, so viele Menschen ohne Hilfe fortschicken zu müssen." Etwa 180 Euro kostet ein in China produzierter, einfacher Rollstuhl. Knapp tausend davon hat Khamaid in den vergangenen sieben Jahren in dieser abgelegenen Bergregion verteilt. "Aber wir haben nie genug", sagt Eunice Shen. "Jedes Jahr werden behinderte Kinder geboren, Männer haben Unfälle, alte Menschen werden zu gebrechlich zum Laufen." An diesem Tag gehen Dutzende von Behinderten leer aus.
Gegen 14 Uhr fährt die Schubkarre leer zurück, geschoben von Jaidas Mutter. Jaida fährt in ihrem neuen Rollstuhl, geschoben von ihrer überglücklichen Schwester Zhuoni. "Das ist keine Nähmaschine, das ist ein Fahrrad", sagt Jaida. Alle lachen.
"Leben, das ist Bewegung": Felix Grützner tanzt auf Beerdingungen, um an die Verstorbenen zu erinnern und Raum für Gefühle zu schaffen. Jetzt lesen ...
(SZ vom 4.6.2007)
Studie zur Beliebtheit der Deutschen
Auf der Homepage von Kham Aid werden verschieden Möglichkeiten zum Spenden genannt: US-Scheck, VIS, Mastercard oder Paypal.
http://www.khamaid.org/about_us/donate.htm
Ein schöner Artikel.
Vielen Dank, dass die SZ mal was Gutes schreibt und nicht nur spaltet.
Leider macht das zu oft den Anschein.
Ein Link zum Spendenkonto von der Pam Logans Organisation fände ich prima. Vielleicht können Sie den ja noch hinzufügen?