Chérif und Saïd Kouachi Wie aus Kleinkriminellen fanatisierte Mörder wurden

Wuchsen in einem Heim auf: Die Brüder Chérif und Saïd Kouachi.

(Foto: Getty Images)
  • Die mutmaßlichen Attentäter von Paris handelten nicht nur brutal, sie waren auch gründlich geschult.
  • Laut New York Times soll Saïd Kouachi 2011 mehrere Monate in Jemen in einem Ausbildungslager von Al-Qaida-Verbündeten verbracht haben.
  • Das Leben der Brüder Kouachi liest sich wie die beispielhafte Geschichte einer Radikalisierung.
Von Nadia Pantel

Am Tag drei nach den Attentaten von Paris hat das Profil der mutmaßlichen Täter Chérif und Saïd Kouachi scharfe Konturen: Sie handelten nicht nur brutal, sie waren auch gründlich geschult. Innerhalb von zehn Jahren waren aus den Kleinkriminellen Chérif und Saïd religiös fanatisierte Mörder geworden, die zahlreiche Verbindungen zu international gesuchten Terroristen pflegten.

Ein hochrangiger Vertreter der US-Regierung sagte laut New York Times am Donnerstag, dass Saïd Kouachi 2011 mehrere Monate in Jemen in einem Ausbildungslager von Al-Qaida-Verbündeten verbracht habe. Dort habe er Nahkampftechniken und den Umgang mit Schusswaffen gelernt.

Über den älteren Kouachi-Bruder, den 34-jährigen Saïd, war zunächst weniger bekannt gewesen als über den 32-jährigen Chérif, der wegen Zugehörigkeit zu der Dschihadisten-Gruppe "Buttes-Chaumont" eine Haftstrafe von 18 Monaten absaß. Inzwischen bezeichnete der französische Innenminister Bernard Cazeneuve Saïd Kouachi jedoch als den "Aggressor" der Tat. Die Wohnung des Tatverdächtigen im östlich von Paris gelegenen Reims wurde von der Polizei gestürmt.

Ob es ein Auftragsattentat war, ist noch unklar

Anschlag auf "Charlie Hebdo" - Fluchtweg der Täter

Noch ist unklar, ob die Brüder lediglich Kontakt zur Al-Qaida-Terrorgruppe auf der Arabischen Halbinsel (Aqap) hatten, oder ob das Attentat von dort in Auftrag gegeben worden war. Aqap, der von Jemen aus operierende Zweig des Terrornetzwerks, hatte zuletzt 2013 öffentlich zum Mord an Stéphane Charbonnier, dem Herausgeber von Charlie Hebdo, aufgerufen.

Das Leben der Brüder Kouachi liest sich wie die beispielhafte Geschichte einer Radikalisierung. Früh verwaist, wuchsen sie zunächst im Heim auf. 2001 zogen sie von Rennes nach Paris, begannen zu dealen und schlugen sich mit Gelegenheitsjobs durch. Der erste Einschnitt war für beide das Zusammentreffen mit Farid Benyettou, der von der Adda'wa Moschee in der Nähe der Metro-Station Stalingrad aus junge Männer um sich versammelte, die bereit waren, als Dschihadisten in den Irak-Krieg zu ziehen. Im Januar 2005 sollte auch Chérif ausreisen, doch die Behörden hielten ihn auf. Kouachi wurde verhaftet. Das Gefängnis wurde zur nächsten Station seines Wegs in den Terror.

Dort lernte er Djamel Beghal kennen, der eine zehnjährige Haftstrafe absaß, weil er 2001 einen Anschlag auf die US-Botschaft in Paris geplant hatte. Beghal wurde Kouachis Mentor. Als Beghal 2010 aus dem Gefängnis kam, trafen sich die beiden Männer weiterhin regelmäßig. Offiziell zum Sport. Eine Tarnung, die auch schon zu Zeiten von "Buttes-Chaumont" gut funktionierte. Es soll während solcher Jogging-Runden gewesen sein, dass Chérif Kouachi noch vor seiner geplanten Ausreise in den Irak über Anschläge zu fabulieren begann. Ein jüdischer Ladenbesitzer habe ihn rausgeworfen, es sei Zeit, dessen Geschäft zu zerlegen.

Pornosammlungen und anti-demokratische Texte

In den Polizei-Akten über Djamel Beghal taucht nach 2010 immer wieder der Name Kouachi auf. Im Rahmen von Ermittlungen gegen Beghal wird auch Chérif Kouachis Wohnung durchsucht. Neben einer Porno-Sammlung finden sich auf seinem Computer zahlreiche Texte, die argumentieren, dass Demokratie ein dekadentes Konzept sei, das mit dem Islam nicht vereinbar sei. Man habe gewusst, dass Kouachi "radikal verankert" sei, zitiert die französische Le Monde einen Polizisten.

In dem alltäglichen Umfeld von Chérif und Saïd Kouachi scheint von dem fundamentalen Hass, der in den Männern heranwuchs, wenig bemerkt worden zu sein. Die ehemalige Chefin des Supermarkts, in dem Chérif an der Fischtheke arbeitete, sagte der New York Times: "Er war ausgeglichen und gewissenhaft." Er sei ein angenehmer Kollege gewesen, da er nicht getratscht habe, sondern sich ausschließlich an Frischfisch-Preisen interessiert gezeigt habe.

Während Saïd Kouachi den aktuellen Informationen zufolge arbeitslos war, hatte sein jüngerer Bruder nicht nur einen Job, sondern auch Familie. Im März 2008 heiratete Chérif eine Kindergärtnerin. Le Monde beschreibt die mutmaßlichen Mörder Kouachi als eine "Familien-Zelle". Als eine kleinstmögliche, radikale Einheit. Eine Einheit jedoch, die bestens vernetzt war. Und die mindestens von einem dritten Mann unterstützt wurde: von Amedy Coulibaly.

Den 32-jährigen Coulibaly machen die Behörden für die Ermordung einer Polizistin und die Geiselnahme in dem koscheren Supermarkt verantwortlich. Coulibaly und Kouachi sollen sich im Gefängnis kennengelernt und angefreundet haben. Später planten die beiden offensichtlich, den inhaftierten Islamisten Smaïn Aït Ali Belkacem aus dem Gefängnis zu befreien. Die Sache flog auf. Coulibaly wurde Ende 2013 zu einer Haftstrafe verurteilt, die Ermittlungen gegen Kouachi wurden eingestellt. Coulibaly wuchs in der Nähe des Pariser Flughafens Charles-de-Gaulle auf. Der Parisien berichtete 2009 darüber, wie der Aushilfsarbeiter Coulibaly den damaligen Präsidenten Nicolas Sarkozy besuchte, als interessierter Bürger. Am Freitagabend endete der Feldzug von Chérif Kouachi, Saïd Kouachi und Amedy Coulibaly mit deren Tod.