Frank Sinatra, München-Wien 1988

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"Sprich Frank Sinatra nicht an, es sei denn, er fragt dich etwas", hatte mir Gary Labriola, Sinatras amerikanischer Tourmanager noch am Militärflughafen Fürstenfeldbruck eingeschärft, wo Sinatra wegen Nachtflugverbots am Münchner Flughafen landen sollte. Sinatra kommt natürlich leicht angesäuselt an, lässt sich auf den Rücksitz des Mercedes fallen, gleich neben die Flasche Jack Daniels, die ich dort für ihn bereit gestellt hatte.

Sofort verbreitet sich in dem Mercedes der Geruch eines schlecht gelüfteten Stehausschanks. Auf der Fahrt zur Olympiahalle in München sagt zunächst keiner ein Wort. Dann in die Stille hinein meint Sinatra plötzlich: "Ich habe gerade ein sehr böses Wort gelesen." Wieder herrscht Stille, keiner traut sich nachzufragen.

Schließlich sage ich: "Welches Wort?" Sofort antwortet Sinatra, einen deutschen Akzent imitierend: "Dachau, mein Herr." Er hatte ein Straßenschild gesehen. Ich erzählte ihm, dass mein Vater drei Jahre in Dachau war und Frank wollte die Geschichte im Detail hören - das Eis war gebrochen. Später auf der Autobahn befiehlt er: "Drück mal ordentlich auf die Tube. Ich will sehen, wie schnell diese deutsche Gurke läuft!"

Am nächsten Tag sollte Sinatra zusammen mit Sammy Davis Jr und Liza Minnelli in Wien auftreten. Eigentlich war auch noch Dean Martin angekündigt, doch der musste wegen Alkoholproblemen in den USA bleiben. Für Wien fragen wir wie sonst auch eine Polizeieskorte an für den Weg vom Hotel zur Stadthalle. Die Wiener Polizei lehnt ab mit den Worten: "So was gibt's bei uns nicht mal für den Kaiser von China."

Wie in solchen Fällen üblich, bestechen wir die Polizisten mit einigen Freikarten und schließlich wird uns zumindest eine "kleine Eskorte" zugesagt. Die soll uns in der Tiefgarage des "Marriott" abholen, doch als wir mit abfahrbereitem Konvoi in der Garage stehen, ist von einer Eskorte nichts zu sehen. Zum Glück ist auch Sinatra noch nicht da. Plötzlich öffnet sich das Garagentor und ein rostiger roter VW Jetta fährt die Rampe runter in die Garage.

Die amerikanischen Bodyguards stürzen sich sofort auf den Wagen, aus dem dann aber zwei dicke Männer aussteigen und sich als unsere Polizeieskorte ausweisen. Wir befürchten, dass Sinatra sofort umdreht, wenn er den VW sieht. Dann kommt Frank, doch bevor er unsere Polizeieskorte überhaupt sieht, stürzt mit einem lauten Knall ein Fan aus dem Lüftungsschacht, zitternd und verdreckt.

Die Bodyguards nageln ihn am Boden fest, doch Frank bleibt gelassen, schreibt dem Fan sogar ein Autogramm. Dann sieht Frank den rostigen Jetta. Ich sage: "Äh, das ist die Polizeieskorte." Während sein Manager in lautes Fluchen ausbricht, lacht Frank sich kaputt.

Endlich fahren wir los, der rostige Jetta voran - und zielsicher lotst er uns in eine Großdemonstration, wir stecken fest und sind von Menschenmassen umzingelt. Sinatras Manager brüllt mich an, ich ziehe den Mercedes in eine Seitenstraße und lasse unsere Polizeieskorte stehen. Jetzt suche ich mir selbstständig den Weg, und weil die Zeit drängt, jage ich den 600er Mercedes gegen Einbahnstraßen und über enge Bürgersteige.

Die Außenspiegel knallen gegen Verkehrsschilder, doch Frank ist begeistert und fragt, ob ich nicht über die Gleise der Hochbahn fahren könnte. Irgendwann erreichen wir die Halle und ich lenke den Mercedes über eine Rampe in die Halle rein bis direkt vor Sinatras Garderobe. Geschafft. Doch zehn Minuten danach öffnete sich noch einmal das Rolltor zur Halle.

Hereingekrochen kam der rostige rote Jetta! Ob sie uns nach dem Konzert auch wieder zum Flughafen eskortieren sollen, fragen die Beamten. Entsetzt lehne ich ab. Aber als nach Ende der Show Frank bei mir in den Fond springt und ich mit vier anderen Limousinen im Schlepptau losfahren will, drängt sich der rote Jetta vor mich! An der ersten Kreuzung nach der Stadthalle fährt der Jetta geradeaus, ich biege sofort rechts ab.

Doch jetzt wird die Zeit knapp, weil auch am Wiener Flughafen ein Nachtflugverbot herrschte. Ein Unwetter geht nieder, die Scheibenwischer sind überlastet, wir fahren viel zu schnell, doch im Fond lässt Frank den Bourbon kreisen. Am Flughafen sollten wir durch ein Seitentor einfahren, dort hatten wir dem Pförtner die Autonummern unserer Limousinen durchgegeben, damit er uns reinlässt.

Kurz bevor wir den Flughafen erreichen, taucht aus der Gischt auf der Autobahn natürlich der rote Jetta auf. Er quetscht sich vor mich. Der Albtraum hat uns wieder. Als wir am Flughafentor ankommen, öffnen die Pförtner uns nicht, weil sie das Kennzeichen des Jetta nicht kennen.

Nur noch ein paar Minuten bis zum Startverbot. Ich lenke den Mercedes rechts auf eine Böschung, versuche am Jetta vorbeizukommen. Frank amüsiert sich prächtig. "Da sind sie wieder, die schmucks!", ruft er vergnügt. So nannte er die Polizisten schon die ganze Zeit, das ist Jiddisch und heißt so viel wie Idioten. Endlich am Flugzeug, schüttelt Frank mir die Hand und sagt: "Kid, you're the best."

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(SZ Magazin vom 3.9.2004)