Charles Manson Schwarzschillerndes Monster

Er schockierte Amerika, als er 1969 seine Killer ausschickte, die Sharon Tate und vier ihrer Freunde ermordeten - und wurde zu einer Art düsterem Popstar. Nun ist Charles Manson gestorben.

Von Willi Winkler

Der Teufel Charles Manson ruinierte im Sommer 1969 die Sechzigerjahre, weil er sie ganz und gar verkörperte. Glichen sich der Sektenführer Manson und der Sänger David Crosby nicht wie ein langes Haar dem anderen?

Eine Woche nach dem Massaker vom Cielo Drive in Los Angeles, bei dem Mansons Gefolgschaft die schwangere Schauspielerin Sharon Tate und vier ihrer Freunde brutal ermordete, sammelten sich im Osten, in der Nähe der Künstlerkolonie Woodstock, vierhunderttausend junge Menschen, hörten Musik, sangen, tanzten und kifften nicht anders als Mansons Hippie-Mädchen. Hinterher sangen ihnen Crosby, Stills, Nash & Young das Lied ihrer Generation vor: "We are stardust, we are golden and we got to get ourselves back to the garden", wir müssen es wieder zurück in den Garten Eden schaffen. Diesen urchristlichen, uramerikanischen Traum, es gebe den Weg zurück ins Paradies, hat kaum jemand so zu nutzen gewusst wie der psychopathische Verführer Manson.

Erst mitten im Gemetzel, mitten im Abschlachten von fünf Zufallsopfern, ging Linda Kasabian plötzlich ein Licht auf und sie erkannte, dass Charles Manson, der sie zum Morden geschickt hatte, doch nicht Jesus Christus, sondern der Teufel war. Charlie habe sie verführt, erklärte sie vor Gericht, er allein war schuld, er hatte sie zum Töten angeleitet.

Der 1,65 Meter kleine Autodieb und Zuhälter hatte bereits die Hälfte seines Lebens im Knast verbracht, als er 1967 mit 32 Jahren auf Bewährung aus dem Gefängnis freikam. In der Haft hatte sich der Analphabet fortgebildet, spielte leidlich Gitarre und am liebsten die Songs der Beatles. Vor allem aber hatte er sich die Methoden der Sekte Scientology angeeignet. Deren Gründer L. Ron Hubbard verkündete ein nicht durchweg rationales Programm der Entpersönlichung, mit dem Ziel einer übergeordneten Glückseligkeit. Ein Kampfbegriff in dieser Seligmacherei lautet: "Cease to exist!", hör auf zu sein. Man könnte auch von Auslöschung sprechen.

Der kurz geschorene Knastbruder Manson setzte sich auch ohne die vorgeschriebenen Blumen im Haar in San Francisco sofort durch. Sein Gerede über Gott und die Welt, über Gut und Böse beeindruckte die Hippies, die längst dabei waren, ihr naives Bewusstsein durch LSD-Trips noch weiter zu verengen. Sein Evangelium war die Liebe, also das gleiche, dem auch die anderen nachfolgen wollten, die von zu Hause ausgerissen waren und in Haight-Ashbury herumlungerten. Manson aber konnte mehr. "Er konnte mich öffnen", berichtete die unscheinbare Mary Brunner. Sie war die erste Frau, die ihm ein Kind gebar.

Sein Ruf als Monster wuchs immer weiter - Satanisten aus aller Welt beriefen sich auf ihn

Nicht jeder Langhaarige macht schon einen Jesus, aber Charles Manson rühmte sich später, er habe sich der "aufgegebenen Kinder Amerikas" angenommen. Ja, er hat sie aufgelesen, gefüttert, gekleidet, geliebt, aber dafür mussten sie als Tempelhuren des Manson-Kults jedem Fremden dienen, den der Hohepriester in seine Gruppe ziehen wollte. Dennis Wilson von den Beach Boys profitierte davon, auch der Musikproduzent Terry Melcher, und beide machten Manson dafür Hoffnung auf eine Karriere als Musiker. Im Sternenschein saß man zusammen, Charlie spielte für seine Mädchen kleine Weisen auf der Gitarre, und die LSD-Tabletten gingen herum.

Charles Manson vor Gericht.

(Foto: AP)

Es war eine glückliche und gar nicht mal so kleine Familie. Den täglichen Bedarf an Lebensmitteln - und die Manson-Familie lebte natürlich vegetarisch - sammelte man in Streifzügen über die Hinterhöfe der Supermärkte und wühlte im Abfall der Wohlstandsgesellschaft. In einem ehemaligen Schulbus, der erst psychedelisch, dann grabschwarz bemalt wurde, fuhr Manson mit seinem Harem kreuz und quer durch Kalifornien. Hinten waren die Sitze ausgebaut, und auf dem Matratzenlager war das Paradiesgärtlein eingerichtet. Neulinge weihte der Groß-Kophta höchstpersönlich in die Mysterien ein, indem er sich mit dem Satz empfahl: "I am the God of Fuck."

Der Mann war ohne Zweifel ein Charismatiker. Sein Ruhm als Prediger der freien Liebe verbreitete sich rasch, doch war ihm das längst nicht genug. Die Beach Boys hatten ihm einen Plattenvertrag versprochen, aus dem nichts wurde. Da zog sich der so oft schon gekränkte und enttäuschte Mann mit seinen Jüngern in die Wüste zurück. Die Zivilisation sollte sehen, was sie davon hatte, dass sie ihn zurückstieß. Hollywood, Amerika, die Welt hatte ihn hintergangen, und die Welt sollte es büßen. Manson kannte die Apokalypse des Johannes, er deutete den Propheten aber, ganz auf der Höhe der Zeit, mit Hilfe der Beatles. Das "Weiße Album" der Beatles kam heraus mit den Songs "Helter Skelter" und "Piggies". Das eine war doch offensichtlich eine Aufforderung zum Umsturz, während das andere strengste Kritik an den vollgefressenen Wohlstandsmenschen übte. Von nun an wollte Manson, der gedemütigte und beleidigte Manson, der Rächer und Henker in der verkommenen Welt sein.

Zwar nicht Feuer und Schwefel, aber doch Blut ließ er regnen auf die Hollywood-Gesellschaft, als er am 9. August 1969 seine Killer ausschickte. Sie drangen in das Haus des abwesenden Regisseurs Roman Polanski ein, ermordeten seine Frau Sharon Tate und vier weitere Menschen. Den Leichen banden sie noch einen Strick um den Hals. Susan Atkins, eine seiner "Todesmädchen", tauchte ein Handtuch ins Blut und krakelte damit "PIG" an die Haustür, damit der Verdacht auf die Schwarzen fiele, mit deren Aufstand in diesem erhitzten Sommer jederzeit gerechnet werden musste. Für die "Black Panthers" waren die Polizisten, die ihnen zusetzten, pigs, Schweine. Der Rassist Manson war selber zum Propheten des Unheils geworden.

Roman Polanski mit seiner Frau Sharon Tate, die von der „Manson-Family“ ermordet wurde.

(Foto: AFP)

Als nach seinen Anhängerinnen endlich auch er verhaftet war, ging im Gefängnis eine weitere Verwandlung mit ihm vor: Manson ritzte sich ein Hakenkreuz in die Nasenwurzel. 1971 wurde er, der Anstifter, der selber keinen der neun Morde seiner "family" begangen hatte (unter anderem hatten Mansons Leute am Tag nach dem Tate-Massaker den Supermarktbesitzer Leno LaBianca und dessen Frau Rosemary ermordet) zum Tod verurteilt. Wegen der vorübergehenden Aussetzung der Todesstrafe wurde das Urteil in lebenslange Haft umgewandelt, die Manson ohne Aussicht auf Begnadigung in verschiedenen kalifornischen Gefängnissen verbrachte. Sein Ruf als schwarzschillerndes Monster wuchs immer weiter und leider Gottes wurde er zu einer Art Popstar. Satanisten in der ganzen Welt haben sich auf ihn berufen. Die Zombie-Band Guns N' Roses hat einen seiner Songs aufgenommen. Der Musiker Marilyn Manson hat sich nach ihm und einer weiteren amerikanischen Ikone benannt: Gut und Böse, in der Musik vereint, eine "unio mystica" des Schreckens, der sich vor der Schönheit zelebriert.

Am Sonntag ist Manson, 83 Jahre alt, in einem kalifornischen Gefängniskrankenhaus eines natürlichen Todes gestorben.