Von Interview: W. Luef

Ein Konservativer möchte das ehemalige Sprachrohr der Linken ehren. Steffen Hartmann von der CDU erklärt, warum er Rio Reiser ein Denkmal bauen will.

Rocksänger Rio Reiser hat als Jugendlicher einige Jahre in Nieder-Roden, Ortsteil der Stadt Rodgau in Hessen, gelebt. Hier lernte er R.P.S. Lanrue kennen, mit dem er 1970 in Berlin Ton Steine Scherben gründete. Die Rockband wurde mit Zeilen wie "Keine Macht für Niemand" zum Sprachrohr der Linken. Steffen Hartmann, CDU-Ortsvorsteher von Nieder-Roden, will ihr nun ein Denkmal setzen.

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Rio Reiser, dem Sprachrohr der Linken, soll ein Denkmal gesetzt werden - von einem CDU-Mann. (© Foto: dpa)

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SZ: Herr Hartmann, wieso will die CDU ausgerechnet an den verstorbenen Rio Reiser und seine Band erinnern?

Hartmann: Das finden Sie außergewöhnlich, was? Aber schon Rosa Luxemburg hat gesagt: "Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden." Wir müssen anerkennen, dass Ton Steine Scherben sich in unserem Ort zu dem entwickelt haben, was sie später wurden: eine Band, die immer gesagt hat, was sie dachte und damit erfolgreich war. Das ist ja durchaus ein Verdienst.

SZ: Wie gut kennen Sie denn die Musik der Scherben?

Hartmann: Ein Fan war ich nie, ich bin eher im Jazz und in der klassischen Musik zu Hause. Aber ich habe mich durchaus mit der Musik befasst. Die Texte sind - sagen wir mal - nicht ganz einfach, schon irgendwie revolutionär, manche sagen auch linksradikal. Aber die Band gehört einfach zu unserer Geschichte. Ein Ort braucht Identifikationsmerkmale, egal aus welcher Epoche.

SZ: Wie sehen das Ihre Parteikollegen in der Stadtversammlung von Rodgau?

Hartmann: Im ersten Moment waren die nicht begeistert. Aber alle haben eingesehen, dass die Grünanlage, wo das Denkmal hin soll, aufgewertet werden muss. Drumherum gibt es Wohnungen, gleich gegenüber ist eine Seniorenresidenz. Im Moment stehen da Altkleiderboxen und Flaschencontainer herum. Später soll dort ein kleines Plätzchen entstehen, mit einem Baum, vielleicht einem Bänkchen, und eben der Skulptur.

SZ: Wie soll die aussehen?

Hartmann: Wir wollen einen Ideenwettbewerb abhalten, am liebsten unter den bildenden Künstlern in der Stadt. Ich will nicht vorgreifen, aber der Bandname lässt sich vielleicht gut bildhauerisch darstellen: Ton, Steine, Scherben. Irgendwas mit diesen drei Symbolen fände ich ganz gut.

SZ: Was hätte wohl Rio Reiser zu der Idee gesagt?

Hartmann: Das weiß ich nicht, aber wir haben mit den übrigen Bandmitgliedern gesprochen: Die finden das gut.

SZ: Und wie haben die Einwohner von Nieder-Roden reagiert?

Hartmann: Nur einmal hörte ich: Wie könnt ihr euch nur zum Sprachrohr von Linksradikalen machen? Manchen gefällt die Idee eben nicht. Anderen gefällt vielleicht eine Weltkriegs-Gedenktafel nicht. Es soll ja für jeden was dabei sein.

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(SZ vom 09.04.2009)