Burschenschaften Fackeln im Sturm

Burschenschafter ziehen am 2012 mit Fackeln zum Burschenschaftsdenkmal in Eisenach.

(Foto: dpa)

"Ariernachweis" für Mitglieder, Dietrich Bonhoeffer ein "Landesverräter": Weil der Dachverband Deutsche Burschenschaft politisch immer radikaler wird, darf er nicht mehr auf die Wartburg. Es ist nicht der einzige Ort, der den Burschenschaftern künftig verschlossen bleibt.

Von Jan Bielicki

Es waren Auftritte in vollem Wichs. Jedes Jahr kurz nach Pfingsten hatten die Herren Studenten und Ex-Studenten ihre Bänder in den Couleurs ihrer Verbindung übergestreift, hatten sich ihre bunten Burschenmützen aufgesetzt und waren von Eisenach hinauf auf die Wartburg marschiert. Dort gab es Fahnen und Fanfarenklang, markige Worte zu Einheit, Freiheit, Vaterland und anschließend einen Fackelzug hinüber zum Wartenberg, auf dem seit gut hundert Jahren ein pompöses Denkmal für kriegsgefallene Burschenschafter steht.

Doch in diesem Jahr dürfen die farbentragenden Akademiker der Deutschen Burschenschaft (DB) nicht mehr im Hof der Burg feiern, wo sie nach dem Untergang der DDR alljährlich den Festakt ihres Burschentages begingen. Zwar treffen sie sich bis zum Sonntag wieder zu ihrem Burschentag in Eisenach - doch die Burg bleibt ihnen verschlossen.

Die Wartburg-Stiftung, Herrin des Unesco-Weltkulturerbes, hat entschieden, den Burghof nicht mehr an den Burschenschafts-Dachverband zu vermieten. Veranstaltungen der DB seien "infolge der Entwicklung in der Burschenschaft und einiger Abspaltungen für die Wartburg nicht mehr repräsentativ und somit nicht mehr akzeptabel", hieß es in der Begründung des Stiftungsrats.

Mit dem Rausschmiss reagieren die Wartburgherren - zu denen Bund, Land, Landkreis, Stadt, evangelische Kirche und die ehemals großherzogliche Familie Sachsen-Weimar-Eisenach gehören - auf die zunehmende Radikalisierung des burschenschaftlichen Dachverbands. Bei der DB geben zusehends Bünde vom rechten Rand der Verbindungsszene den Ton an. Liberale und konservative Burschenschaften haben den Dachverband scharenweise verlassen. Allein seit 2012 traten 41 Burschenschaften aus. Derzeit verzeichnet die DB auf ihrer Webseite nur noch 74 Mitgliedsbünde aus Deutschland und Österreich - fast 40 Prozent weniger als vor sechs Jahren.

Neuer Dachverband in Gründung

Die Austrittswelle folgte mehreren Eklats auf den Burschentagen der vergangen Jahre. 2011 störten sich rechtsextreme Burschenschafter an der Aufnahme eines Bundesbruders mit chinesischen Wurzeln und versuchten, eine Art "Ariernachweis" für den Beitritt durchzusetzen. Im Jahr darauf bezeichnete der damalige Chefredakteur der Verbandspostille Burschenschaftliche Blätter den Theologen und Nazi-Gegner Dietrich Bonhoeffer als Landesverräter.

Es waren keine Einzelfälle. Der Verfassungsschutz hat die studierenden Mitglieder von mindestens zwei DB-Burschenschaften im Visier: der Danubia in München und der Germania in Hamburg. Als Mitglieder der Gießener Dresdensia-Rugia outeten sich gleich zwei sächsische Landtagsabgeordnete der Neonazi-Partei NPD. Auch andere DB-Burschenschaften fielen wiederholt durch Verbindungen zur rechtsextremen Szene auf. Versuche liberaler Bünde, die extremistischen Burschenschaften aus dem Dachverband zu werfen, scheiterten auf mehreren Burschentagen.

Die meisten der ausgetretenen Burschenschaften bereiten die Gründung eines neuen Dachverbands vor. Schon heute vertritt die DB nur noch etwa ein Drittel aller Studentenbünde, die sich selbst als Burschenschaften bezeichnen - und Burschenschaften sind neben christlichen Verbindungen, Corps, Sänger- und Turnerschaften ohnehin nur ein kleiner Teil der sonst politisch völlig unverdächtigen Szene der Studentenverbindungen.

Der DB hingegen hat Eisenachs Oberbürgermeisterin Katja Wolf (Linke) den Mietvertrag für die städtische Werner-Aßmann-Sporthalle gekündigt, er läuft 2017 aus. "Wir stehen für Toleranz und Weltoffenheit, nationalistisches Gedankengut hat hier keinen Platz", sagte Wolf. Burschenschaftsgegner haben für Samstag eine Demonstration in Eisenachs Innenstadt angemeldet.