Burkini-Verbot Was geschah wirklich am Strand von Nizza?

Die Fotos sind um die Welt gegangen: Vier Polizisten umringen eine Frau mit Kopftuch, die zieht sich ihr Oberteil aus. Freiwillig? Oder weil sie gezwungen wurde? Und sind die Fotos überhaupt echt?

Von Paul Munzinger

Die Fotos, die am Dienstag auftauchten und sich rasch in der ganzen Welt verbreiteten, schienen eine eindeutige Geschichte zu erzählen. Eine Frau ist auf dem ersten Bild zu sehen, die mit Kopftuch, Leggins und langem hellblauen Oberteil am Strand von Nizza liegt. Ihr nähern sich vier bewaffnete Polizisten. Auf dem nächsten Bild hat die Frau sich aufgerichtet, die Polizisten stehen um sie herum, einer scheint etwas zu notieren. Mit der rechten Hand packt die Frau anschließend ihr Oberteil an der linken Schulter (Bild 3), dann hat sie es ausgezogen (Bild 4).

Medien auf der ganzen Welt haben diese vier Momentaufnahmen zu einer Geschichte verknüpft, die sich wie folgt liest: Vier bewaffnete Polizisten zwingen eine Frau am Strand von Nizza, sich ihr Oberteil auszuziehen. Unter dem unzweideutigen Hashtag #WTFFrance (What the Fuck, France) äußerten Twitter-Nutzer ihren Unmut über Frankreich. Mit dem Verbot religiöser Kleidung am Strand ("Burkini-Verbot") in einer Reihe von Gemeinden, so die Meinung vieler Kommentatoren, habe das Land der Freiheit und Gleichheit seine Werte verraten. Auch die Süddeutsche Zeitung berichtete unter dem Titel "Französische Polizei zwingt Frau am Strand zu mehr nackter Haut" über den Vorfall.

Der Titel des Artikels wurde mittlerweile korrigiert - denn ob die Polizei tatsächlich Zwang ausübte, ja was überhaupt sich dort abspielte, ist unklar. An der Geschichte, zu der sich die vier Bilder scheinbar zwangsläufig zusammenfügten, wurden Zweifel laut - ebenso wie an der Echtheit der Bilder selbst.

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Französische Politiker vermuten Inszenierung

Am Mittwoch veröffentlichte Christian Estrosi, zweiter Bürgermeister von Nizza und Präsident der Region Provences-Alpes-Côte d'Azur, eine Pressemitteilung, in der er andeutete, die Fotos seien inszeniert worden, um die Polizei von Nizza "anzuschwärzen". Andere Politiker schlossen sich dem Verdacht an - und Estrosi kündigte Klagen an gegen jene, die Bilder der Polizisten verbreitetet oder Drohungen gegen sie in den sozialen Medien ausgesprochen hätten.

Der Fotograf der Bilder, die am Dienstag zunächst von der britischen Daily Mail veröffentlicht wurden, arbeitet für die französische Agentur Best Image. Deren Chefredakteur Yvan Bousseau weist den Vorwurf einer Inszenierung zurück. Der Fotograf, dessen Namen die Agentur nicht nennen will, arbeite seit zwei Wochen an dem Thema, teilte Bousseau auf SZ-Anfrage mit. Am Dienstag dann habe er zum ersten Mal eine Polizeikontrolle gesehen und die Fotos gemacht. Er arbeite mit einem Tele-Objektiv und sei zum Zeitpunkt der Aufnahmen mindestens 100 Meter entfernt gewesen.

Die Frau auf den Fotos sei dem Fotografen nicht bekannt, so Bousseau. Dass sie fotografiert wurde, habe sie nicht gewusst. Sie sei alleine am Strand gewesen. Die Polizisten, so schildert Bousseau die Szene, hätten sich der Frau genähert und sie verwarnt. Dann sehe man, wie die Frau sich das Oberteil auszieht. Warum, das wisse er nicht, betont Bousseau. Anschließend hätten die Polizisten ebenso wie die Frau den Strand verlassen.

Der Stadt Nizza zufolge sei die Frau keineswegs gezwungen worden, ihr Oberteil auszuziehen. Ein Sprecher der Stadt sagte der Deutschen Welle, die Frau habe so zeigen wollen, dass sie einen Badeanzug trage. Als die Polizei ihr gesagt habe, sie könne nur ohne das Oberteil am Strand bleiben, sei die Frau gegangen - mit einem Bußgeldbescheid über 38 Euro.

Die Frau selbst hat bisher niemand zu dem Vorfall befragt. Ihre Identität ist nicht bekannt.

Was auch immer genau passiert ist am Strand von Nizza - es könnte einer der letzten Vorfälle dieser Art gewesen sein. Das höchste Verwaltungsgericht des Landes hat das Verbot in der Stadt Villeneuve-Loubet gekippt, weil es eine ernsthafte und illegale Verletzung von Grundfreiheiten darstelle. Weitere Klagen dürften folgen. Die Franzosen werden sich womöglich bald wieder an andere Fotos gewöhnen müssen: solche nämlich, die Frauen im Burkini am Strand von Nizza zeigen, ganz legal.

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