Bürgerentscheid Keine Seilbahn für Hamburg

Die geplante Seilbahn über die Elbe im Hamburger Hafen in einer Computeranimation.

(Foto: Stage Entertainment/dpa)

Der Blick über die Stadt bleibt den Möwen vorbehalten: Die Bürger haben sich gegen eine Seilbahn in der Metropole entschieden. Der Widerstand ist Folge des lange angestauten Ärgers der Bewohner.

Von Marc Widmann

Ja, dieser Blick wäre spektakulär gewesen, er hätte den von der Schwerkraft gefesselten Menschen eine Sicht auf Hamburg aus Perspektive der unzähligen Möwen ermöglicht, die so ausdauernd über ihre Stadt fliegen. Die Menschen wären am U-Bahnhof St. Pauli eingestiegen in die Seilbahn, hätten sich 80 Meter erhoben über den Hafen und wären in sieben Minuten 1,5 Kilometer lang durch die Luft geschwebt.

Wenn, ja wenn die Einwohner des Bezirks Hamburg-Mitte in ihrem Bürgerentscheid dafür gestimmt hätten, für die Pläne der privaten Investoren, des Seilbahnbauers Doppelmayr und des Musical-Veranstalters Stage Entertainment.

Das haben sie aber nicht. Von den 50 400 Hamburgern, die abstimmten, votierten 63,4 Prozent gegen die Seilbahn. Sie wird damit nicht gebaut werden, auch weil die regierende Hamburger SPD das Projekt schon lange entschieden ablehnt, und zwar mit dem Argument: "St. Pauli und die Neustadt sind kein Freizeitpark." Grüne und Linke waren ebenso dagegen, nur CDU und AfD warben dafür. Aber die haben auf St. Pauli nichts zu bestimmen.

Eine Seilbahn ist einerseits ein recht umweltfreundliches Verkehrsmittel, das gefällt auch dem eher linken Publikum in St. Pauli. Sie wäre mit Ökostrom gefahren, hätte nur wenig Fläche verbraucht, gut, ein paar Bäume hätten fallen müssen, aber ansonsten hätte man sie nach zehn Jahren fast spurlos wieder abbauen können.

Wehren sich die Hamburger also aus Prinzip gegen jede Veränderung, sind sie allergisch gegen Baustellenstaub, wie man es schon den Stuttgartern nachsagt? Eher nicht. Am Sonntag, dem Tag des Bürgerentscheids, war mal wieder die halbe Innenstadt gesperrt, diesmal für ein Radrennen. Ansonsten gibt es da den Triathlon, den Halbmarathon, den Marathon, es gibt den Schlager Move, die Harley Days, den Motorradgottesdienst, die Cruise Days oder den dreitägigen Hafengeburtstag.

Die gediegenen Hamburger Viertel werden von diesen Events weitgehend verschont, sie führen meistens durch die Neustadt und eben St. Pauli, wo sich sowieso schon die Touristen um ihre Stadtführer drängen. Dazu noch eine Seilbahn, die Touristen zum Musical-Theater über die Elbe bringen sollte, war vielen Einwohnern einfach: zu viel.

Interessanterweise gab es vor allem eine prominente Fürsprecherin für das Projekt: Olivia Jones, jene Drag-Queen, die unlängst ihren vierten Laden auf dem Kiez eröffnet hat, einen Biergarten an der Reeperbahn. Die St. Pauli zu einem deutschen Las Vegas machen will - nur wollen das eben die St. Paulianer nicht. Dass der Protest nun ausgerechnet die Seilbahn trifft, mag daran liegen, dass sie als Ventil diente für lange angestauten Ärger.

Damit die Schiffe noch unten durch gepasst hätten, wären die Pfeiler wie Türme in den Hafen geragt, bis zu 130 Metern hoch. Auch konservative Hamburger schluckten bei dem Gedanken, die Seilbahngegner veröffentlichten Bilder, wie die Bahn das Antlitz Hamburgs verändert hätte.

So bleibt der Blick über die Stadt also den Möwen vorbehalten, die ihn womöglich ziemlich genießen, auch wenn sie dabei ständig kreischen. Und jenen Touristen, die hinaufsteigen auf den Turm des Michels.