Von Christiane Langrock-Kögel

Marco Weiss' umstrittene Kritik an türkischer Justiz wird Bestseller - seine ehemaligen Anwälte sprechen von einem "unverantwortlichen Veröffentlichungszeitpunkt".

Sie haben nachgedruckt, bis das Papier zu Ende war. 20.000 Exemplare von "Marco W. - Meine 247 Tage im türkischen Knast" sind eine knappe Woche nach Erscheinen des Buchs verkauft. Der Hamburger Kinderbuch-Verlag, ein Kleinstverlag, liefert nun 24.000 Stück nach. Der Haft-Bericht des Uelzeners Marco Weiss, 18, der seit April 2007 in der Türkei wegen Vergewaltigung angeklagt ist und neun Monate in Untersuchungshaft in Antalya saß, dürfte nächste Woche auf der Bestsellerliste stehen.

Marco Weiss

Das Buch "Marco W. - Meine 247 Tage im türkischen Knast": eine knappe Woche nach Erscheinen des Buchs ausverkauft. (© Foto: dpa)

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Noch vor der Auslieferung bekam Weiss jedoch die schwerwiegenden Folgen des Buchs zu spüren: Seine beiden deutschen Anwälte, die nicht über sein Projekt informiert waren, legten wegen des "unverantwortlichen Veröffentlichungszeitpunkts" ihr Mandat nieder - im noch laufenden Verfahren soll erst im April 2009 das Urteil fallen.

Allein die atmosphärische Belastung des Prozesses durch das Buch sei ein völlig überflüssiges Risiko, ganz zu schweigen von den detaillierten Schilderungen der Tatnacht, der Gerichtsverhandlung und der Haftbedingungen in der 30-Mann-Zelle, wie Weiss sie in seinem Buch beschreibt: Das Klo - ein Loch im Boden. Wäsche wird nicht gewaschen. Die Wände schimmeln. Mitgefangene spritzen sich Heroin.

Männer, die zwischen die im Knast regierenden Banden geraten, werden vor aller Augen krankenhausreif geprügelt. Nachts pfeifen die Wärter alle zehn Minuten auf der Trillerpfeife - der Schlafentzug sei "Folter" für ihn gewesen, schreibt Marco. "Folter, Schlafentzug und harte Drogen" - so bewirbt der Verlag auch seine Neuerscheinung. Begriffe, die nie hätten auftauchen dürfen, fanden die Anwälte. Keinem Staat gefiele es, wenn Zustände in seinen Haftanstalten breit getreten würden.

"Ich war ein verlorener Junge, getrennt von Vater, Mutter und Bruder, weit weg von zuhause, allein zwischen Dutzenden von Männern, echten Kriminellen", schreibt Marco - beziehungsweise sein Ko-Autor Willi Schmitt, einst Chefredakteur des Springer-Blattes SportBild. Die Verquickung mit der im selben Verlag erscheinenden Bild-Zeitung, welche Auszüge exklusiv vorab druckte, nennt sein Verleger Carlos Schumacher eine "Kooperation, die das Buch erst möglich gemacht hat". Andere Redaktionen hätten abgelehnt. Abgesehen vom Vorabdruck gebe es keine Bindung an Bild. Weiss' Ex-Anwälte beklagen dagegen eine "unverantwortliche Beratung durch Dritte".

Verleger Schumacher, ein Arzt, hat bislang nur sechs Bücher herausgebracht, meist über Erfahrungen von Kindern mit Krankheit. Marcos Geschichte spricht er "therapeutische Wirkung" zu. Warum der sein Trauma nicht mit einem Therapeuten aufarbeitet anstatt in einem Buch? "Er wollte zu den vielen Menschen sprechen, die an seinem Schicksal teilgenommen haben. Das ist entlastender als der Dialog im stillen Kämmerlein", so Schumacher. Er selbst ließ das Manuskript nicht juristisch prüfen - in der Annahme, Marcos Eltern hätten das getan. Der Vater ist Jurist.

Ob die Veröffentlichung das Urteil beeinflussen wird, ist Spekulation. Nicht nur die Schilderung der Tatnacht könnte aber dem Anwalt der klagenden Britin neue Munition liefern. Im April werden Richter über Marco entscheiden, über die er schreibt: "Hier wird nicht mehr prozessiert. Hier versuchen Richter nur noch, von ihren eigenen Fehlern abzulenken."

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(SZ vom 04.12.2008/jüsc)