Bremer Serienmörderin Gesche Gottfried - die Unbegreifliche

Kampf gegen die Gesellschaft mit vergifteten Butterbroten: Porträt von Gesche Gottfried

(Foto: Rudolf Friedrich Suhrlandt via Wiki Commons)

Sie vergiftete ihre Kinder, Eltern und Ehemänner. Was waren die Motive der Serienmörderin Gesche Gottfried, die im 19. Jahrhundert in Bremen wütete?

Von Florian Goldmann

Nicht selten enden Serienmörder in Fernsehsendungen, in denen man ihren Taten mit Jugendfotos und nachgestellten Szenen auf die Schliche kommen will. Fotografien gibt es von Gesche Gottfried nicht, doch auf die Leinwand hat sie es geschafft: Rainer Werner Fassbinder verfilmte in "Bremer Freiheit" das Leben einer Frau, die in vierzehn Jahren fünfzehn Menschen ermordete - ihre Eltern, Kinder, Ehemänner und Bekannte. Nach der Verhaftung 1828 gelangte ihr Fall zu schauriger Berühmtheit - bis nach Amerika und Fernost.

Vor allem die Bremer selbst waren fassungslos über die Grausamkeiten in ihrer Nachbarschaft. Ein Budenbesitzer bat vergeblich um Erlaubnis, die Gefangene während des Freimarkts ausstellen zu dürfen: Stand ihr das Böse ins Gesicht geschrieben? Auf den ersten Blick vermutlich kaum, denn sie soll charismatisch gewesen sein und bildschön.

Zudem war sie vielen Bürgern als fürsorgliche Frau, als "Engel von Bremen", bekannt, die sich um die ungewöhnlichen Krankheitsfälle in ihrem Umfeld gekümmert hatte. Nur wusste zu dieser Zeit noch niemand, wie es zu diesen Erkrankungen gekommen war.

Bizarr ist, dass Gesche fast keine Gründe für ihre Vergehen angeben konnte. Im Gefängnis, wo sie Mord um Mord gestand, wurde sie drei Jahre lang nach Motiven befragt. Konkretes brachte sie kaum vor: "Einen Grund, weshalb ich dem Kind etwas gab, hatte ich nicht. Der Gedanke kam mir, und ich gab dem Kind ohne Weiteres Mäusebutter."

Sie sprach stattdessen immerzu von einem Trieb. Fassbinders Film war ein Versuch unter vielen, Gesches Persönlichkeit zu verstehen. Seit je übten sich etliche Köpfe in Ursachenforschung: in der Frage, ob sich ihr "Antrieb" nicht irgendwie erklären lässt.

Erster Mord nach drei Kindern und sieben Jahren Ehe

Erzählt man ihre Geschichte anhand ihrer drei Partnerschaften, drängt sich manche Erklärung wie von selbst auf: Geboren 1785 als Gesche Timm, wuchs sie in einem bescheidenen Elternhaus auf, bevor sie mit 21 Jahren mit dem Sattler Johann Miltenberg vermählt wurde. Ihre Verhältnisse besserten sich, doch glücklich war sie nicht: Miltenberg trank, vergnügte sich mit Prostituierten und verspielte Wohlstand und Erbe seiner Eltern.

Nach drei Kindern und sieben Jahren Ehe vergiftete Gesche ihn, angeblich aus "Überdruss und Ekel". Kurze Zeit darauf ehelichte sie den schon schwächelnden Weinhändler Michael Christoph Gottfried. Sie nahm seinen Nachnamen an und erhielt das Erbe, das er ihr hinterließ: eine stattliche Summe Geldes, doch lange konnte sie nicht davon leben.

Zweifach verwitwet, verlobte sie sich einige Jahre später wieder mit einem Liebhaber, dem Modehändler Paul Thomas Zimmermann. Monate später erkrankte auch er, wurde bettlägerig und starb. Zur Hochzeit kam es nicht, doch Gesche Gottfried erbte.

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Geld erscheint als Lockung: Brachte Gesche ihre Partner um, weil sie an Erbschaften kommen wollte? Menschen, denen sie Geld schuldete, vergiftete sie auch, wie 1826 die Familie ihres Vermieters Johann Christoph Rumpff oder, ein Jahr später, ihren Bekannten Friedrich Kleine.

Selbst die Morde an ihren Kindern und Eltern passen in dieses Muster: Gesche musste nicht nur die zwei Töchter und den Sohn, sondern auch Vater und Mutter ernähren. Dann gab es Fälle, bei denen Geldnot kaum eine Rolle gespielt haben konnte. Warum denn verteilte Gesche bald willkürlich kleine Giftportionen? An Liebschaften, Nachbarn, sogar Freunde. Insgesamt mindestens 19 Menschen.

Sie quälte ihre Opfer, versetzte Lebensmittel und ganze Mahlzeiten mit Arsenpulver, das den Körper von innen zerfraß. Nicht alle kamen um. Von Machtgelüsten und Sadismus war mitunter die Rede und davon, dass diesem Kriminalfall mit Argumenten wohl kaum beizukommen sei.

Ausgerechnet Gesches Strafverteidiger Friedrich Leopold Voget malte in seinen Büchern zum Fall ein überdrehtes Bild. Wie jedoch aus den originalen Gerichtsakten zu ersehen ist, täuschte er seine Leser mit falschen Zitaten, um Gesche Gottfried als geldgierige Frau hinzustellen, die ihre Triebhaftigkeit nur vorgeschoben habe.

Fassbinder sah die Mörderin auch als Opfer ihrer Zeit

Fassbinder ging in "Bremer Freiheit" einen anderen Weg - einen, den der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel zu Lebzeiten Gesches in einer Anekdote vorgezeichnet hatte. Sie handelt von einem Mörder, der unter den Gesängen einer Menschenmenge zum Schafott geführt wird.

Da erscheint ein "Menschenkenner" und fordert zur Mäßigung auf. Er sucht nach Ursachen im Lebensweg des Verurteilten und findet "schlechte Erziehung, schlechte Familienverhältnisse..., irgendeine ungeheure Härte bei einem leichteren Vergehen, die ihn gegen die bürgerliche Ordnung erbitterte". Kurzum: Man müsse im Mörder noch den Menschen sehen und dürfe ihn nicht allein auf seine Taten reduzieren.

Fassbinder teilte diese Sicht, sah Gesche auch als Opfer ihrer Zeit, auch Adriana Hölszky sah sie so in ihrer Oper. In Bremen herrschten eklatante soziale Unterschiede, besonders Frauen hatten einen schweren Stand. Gesche, die zahlreiche Liebschaften einging und als hochintelligent galt, konnte sich lebenslang nicht frei entfalten, sondern wurde von den Ansprüchen der Familie erdrückt. Denkbar, dass sie einen eisigen Kampf gegen die Gesellschaft führte, mit giftigen Butterbroten und falscher Herzlichkeit.

Ob sie wirklich so gerissen war - selbst dies erscheint fraglich. Mitschriften aus den Verhören offenbaren vor allem eines: Gesche war psychisch völlig haltlos. Jenseits aller Erklärungen blieb sie ein Rätsel, das mit ihrer Hinrichtung längst nicht gelöst wurde. Ihr Leben endete 1831 vor 30 000 Schaulustigen unter den Türmen des Bremer Doms, wo noch heute ein Spuckstein im Straßenpflaster prangt.

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