Blogger im Drogen-Krieg von Mexiko "Das passiert mit allen Internetpetzen"

Kritische Blogger leben in Mexiko gefährlich - Auftragskiller der Drogenkartelle richten sie auf bestialische Weise hin. Doch die anonymen Internet-Schreiber sind eine Hoffnung in einem Land, in dem die Medien zunehmend vor der Drogengewalt einknicken.

Von Peter Burghardt

Ein Klick auf die Website Blog del Narco führt zu solchen Nachrichten: "Gehäuteter Mann in Guerrero gefunden", heißt es da, dazu ein Foto eines fürchterlich entstellten Kopfes. Der Mexikaner sei am Rande von Acapulco zerhackt worden, im Gesicht habe man ihm die Haut abgezogen. Die Täter waren narcos, Drogenhändler. Weiter unten liest man: "Mutter und Tochter in Nuevo León zerlegt", dazu Bilder von Plastiksäcken. Oder "15 Leichen in Veracruz weggeworfen". Ein Video ("Vorsicht, extremer Inhalt") zeigt, wie zwei Schmuggler des Sinaloa-Kartells mit Motorsäge und Messer enthauptet werden. Geköpfte, Gehängte und Erschossene sind normal auf dieser Horrorseite aus Mexikos Rauschgiftkrieg.

Das Forum der Seite bietet an: "Schick Informationen aus deinem Ort, und es wird anonym veröffentlicht." Material gibt es reichlich, die Schlacht um Geld, Routen, Macht und Märkte hat seit dem Amtsantritt des Präsidentin Felipe Calderón vor sechs Jahren 40.000 Menschen das Leben gekostet.

Jeden Tag produzieren die Auftragskiller der Kartelle sowie korrupte Polizisten oder Soldaten neue Massaker in Culiacán, Monterrey oder Ciudad Juárez. Wer Gefahr im Verzug wähnt, der kann auch Warnungen in Echtzeit an Foren wie "Frontera al rojo vivo" twittern. "Es sind Granaten an der Straße nach Reynosa zu hören, sagt mir bitte, was los ist", bittet "La Flaca" aus dem besonders gewalttätigen Bundesstaat Tamaulipas. Doch die Blogger und Twitterer werden nun noch vorsichtiger, denn ihre Beiträge können tödlich sein.

"Wir haben ein Auge auf euch"

In Nuevo Laredo an der US-Grenze wurden am Samstag eine geköpfte Frau entdeckt. Neben ihr lag ein Stück Pappe mit dem Hinweis, sie habe unter dem Pseudonym "La nena de Laredo" (Das Mädchen aus Laredo) vor Angriffen der Narcos gewarnt.

Kürzlich waren bereits ein toter Mann und eine tote Frau entsetzlich zugerichtet an einer Brücke derselben Stadt gehangen, dazu eine ähnliche Botschaft: "Das passiert mit allen Internetpetzen. Wir haben ein Auge auf euch. Z." Das Z steht für die Zetas, eine ehemalige Elitetruppe der Armee, die sich in eine mordende Dealerbande verwandelt hat. Ihren Opfern warfen die Zetas vor, bei Blog del Narco und Frontera al Rojo vivo geschrieben zu haben. Selbst namenlose Beiträge sind gefährlich geworden, dabei schien das World Wide Web eine der letzten halbwegs sicheren und verlässlichen Informationsquellen zu sein.

Viele traditionelle Medien recherchieren ja kaum noch jenseits der Polizeiberichte, es ist ihnen zu riskant. Fast 40 Journalisten wurden seit 2006 umgebracht, Mexiko ist für Reporter eines der gefährlichsten Länder der Welt. "Was wollt ihr von uns?", fragte die Zeitung El Diario aus Ciudad Juárez auf der Titelseite, nachdem ein Fotograf des Blattes erschossen worden war. Die Redaktion wollte von den Mördern wissen, was sie noch berichten dürfe. Soziale Netzwerke versuchen die Lücke zu schließen, auf Websites können Nutzer warnen und anklagen, ohne ihre Identität preiszugeben. Doch die Gefahren lauern überall.

Auch die Behörden lesen mit. So wurden ein Lehrer und ein Radiomoderatorin in Veracruz verhaftet, nachdem sie via Twitter und Facebook den Verdacht verbreitet hatten, dass eine Attacke auf eine Schule bevorstehe, was eine Massenpanik auslöste. Erst nach internationalen Protesten zog Mexikos Justiz die Drohung zurück, die beiden wegen Terrorismus bis zu 30 Jahre lang ins Gefängnis zu schicken.

Ein Blogger rät bei "Frontera al rojo vivo", trotz der Einschüchterungen weiter zu machen. "Habt keine Angst. Es ist schwer für sie herauszufinden, wer da geschrieben hat. Sie wollen nur die Gesellschaft verschrecken."

Kampf gegen die Killer

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