"Bild": Leser als Videoreporter 90 Gramm Pressefreiheit

Volksjournalismus à la Bild: Die Boulevardzeitung und Lidl preisen Leserreporter-Videokameras an. So kommt Springer doch zu seinem Fernsehen.

Für das große Fernsehen in Deutschland hat es bislang bei Mathias Döpfner noch nicht gereicht. Das Kartellamt, die Medienbehörden und auch die Gerichte wollen nicht, dass der von ihm geführte Großverlag Axel Springer den Privat-TV-Riesen ProSiebenSat.1 Media AG kauft.

Aber es gibt ja noch das Internet, billige Videokameras und viele Leser der Springer-Boulevardzeitung Bild. Und die könnten jetzt auf ihre eigene Weise den Traum vom Döpfner-TV wahrmachen.

Das Blatt lobt für seine Aktion "Leser-Reporter 1414", bei der das Bild-Publikum einfach selbst Journalistisches erzeugen und schicken soll, handliche Videokameras aus - "ab heute für 69,99 Euro exklusiv beim Discounter Lidl". So steht es auf der letzten Seite der heutigen Ausgabe.

Auf 621 Quadratzentimetern lobt Bild im Handelsvertreter-Stil diese Geräte vom Typ "Creative Vado" und stellt dabei eine Gewinnfrage, auf die wahrscheinlich nicht einmal der einschlägig bekannte Quizsender Neun Live gekommen wäre: "Wie viel wiegt die Bild-Videokamera? a) 90 Gramm; b) 90 Kilogramm."

Die journalistisch begleitete Verkaufsaktion - mit gefühlten 90 Kilogramm Schwachsinn - soll Axel Springer bewegte Bilder aus aller Welt liefern. Wenn die Zeitung ein Foto aus dem Video in der gedruckten Ausgabe veröffentlicht, erhält der Leser 500 Euro. Wird das Filmchen bei bild.de zum "Video der Woche" gewählt, gibt es sogar 1000 Euro. Ein schöner Nebenverdienst für investigative Hobby-Journalisten, die den Prominenten, Bränden und Unfällen nur so nachjagen dürften.

Für Bild und den Kooperationspartner Lidl ist die Sache schon vor dem Verkaufsstart ein Erfolg. In der Vergangenheit ist schon die Aktion mit Leserfotos und einer "Highspeedkamera" groß angelaufen. Die Marketingmaschine Bild, die mit stetig fallenden Auflagen kämpfen muss, kündigt auf bild.de solche Attraktionen ganz oben auf der Homepage an, noch über der Titelgeschichte.

Bild-Chefredakteur Kai Diekmann hat es sich nicht nehmen lassen, anlässlich der Bambi-Verleihung des Burda-Verlags vergangene Woche selbst mit einer Videokamera durch den Saal zu streichen und Interviews zu führen. Das Chefredakteurs-Fernsehen wurde anschließend professionell in internet-taugliche Schnipsel geschnitten.

Irgendwann sagt Diekmann während seiner Wilderei im Bambi-Gehege so etwas wie: "Jetzt wird zurückgefilmt!" Und er fragt: "Sag mal, lieber Hans". Die Idee sei, philosophiert der Mann von Bild über das Genre, "nicht vorteilhaft auszusehen, sondern auszusehen." Mit seinem Werk hat er gewissermaßen den Amateur-Journalisten vorgemacht, wie es bei Springer laufen soll.

Wir alle sind Reporter

Andere Highlights aus Döpfner-TV: Der Pavian knabbert an der Auto-Scheibenwischanlage. Oder: Knut trauert nicht mehr. Und: Miss Venus kauft am letzten Tag der Erotik-Messe einen Vibrator - und lacht, während sie gefilmt wird. Andere werden es womöglich nicht so spaßig finden, wenn die gedungene Laien-Reporter-Armada auf "Vado"-Recherche geht.

Kein Mensch kann sich mehr sicher sein, dass hinter der nächsten Hauswand nicht ein Leserreporter mit Kamera wartet und das Ganze schneller filmt als sein Schatten. Dabei gilt auch bei dieser Form des Journalismus der Schutz der Privatsphäre. Womöglich werden ganz neue Prozesse die Folge der crossmedialen Aktion 1414 sein.

Wer es noch nicht wusste, der weiß es jetzt: Wir alle sind Reporter. Wir alle sind Journalisten. Moment, mag nun der medienkritische Mensch anmerken: Eigene Fotos und Filme ins Netz stellen, das ist noch kein Journalismus - obwohl sich nach Artikel 5 des Grundgesetzes jeder Mensch als Journalist bezeichnen darf. Man braucht keine Ausbildung oder Anstellung in einem Verlag.

Aber es braucht eben ein Medium mit Reichweite, um sich wahrlich als Journalist fühlen zu dürfen. Diese Plattform bieten eben Bild und Stern seit mehr als zwei Jahren. Seitdem rufen sie ihre Leser gezielt auf, Fotos einzuschicken. Bild honoriert einen Abdruck mit 100 bis 500 Euro, der Stern bezahlt einen an den Tarif orientierten Betrag, der bei etwa 140 Euro pro Bild liegt. Auch ausländische Medien wie BBC lassen sich von Lesern beliefern - sie lehnen eine Bezahlung jedoch ab.

Es sind schon einige brisante Fotos erschienen, meist von Orten, an denen sich gerade kein ausgebildeter Fotograf befindet. Das Foto vom planschenden Franjo Pooth etwa, der sich nach der Insolvenz seiner Firma im Pool mit seiner Frau Verona vergnügte, wurde von einem Bild-Leser gemacht. Auch das Foto vom Transrapid-Unglück schoss ein Leser - es war nur ein Feuerwehrmann, der am Unfallort war, um bei den Bergungsarbeiten zu helfen.

Die Menschen beschweren sich derzeit, dass durch das BKA-Gesetz der nächste Schritt zum Überwachungsstaat getan wird und sich keiner mehr seiner Privatsphäre sicher sein kann. Über den Volksjournalismus à la Bild echauffiert sich kaum jemand. Und doch: Es ist der erste Schritt zur Überwachungszeitung.