Kein Schritt bleibt verborgen: Ein Anruf bei Bürgermeister George Pons, der in seinem verschlafenen 156-Einwohner-Dorf zwölf Überwachungskameras installiert hat.
Auf einem Hügel in der Provence, am Eingang der Schlucht Gorge du Verdon, liegt das malerische Dörfchen Baudinard-sur-Verdon. Genau 156 Einwohner sind in dem verschlafenen Nest gemeldet - und offenbar in Gefahr. Denn für 60.000 Euro installierte das Dorf zwölf Überwachungskameras auf Straßen, Parkplätzen und der Sportanlage. Sie sollen das Leben in Baudinard sicherer machen. Bürgermeister George Pons, 65, weiß um die zweifelhafte Berühmtheit seines Big-Brother-Dorfes.
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Alles im Blick: Ein Einwohner des kleinen Dorfs Baudinard-sur-Verdon betritt die Hauptstraße - über ihm ist eine Kamera. (© Foto: dpa)
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SZ: Guten Tag, wir rufen aus Deutschland an wegen der ...
Vorzimmerdame: ... Kameras. Ich sehe mal, ob Monsieur Pons Zeit für Sie hat.
Pons: Oh, eine deutsche Zeitung! Was wollen Sie über unsere Kameras wissen?
SZ: Zum Beispiel ob Ihr Dorf wirklich so kriminell ist, wie es den Anschein hat? Oder sind Sie einfach neugierig?
Pons: Ich neugierig? Quatsch. Unser Problem ist: Im Sommer haben wir etwa 500 Einwohner, im Winter 156. Dann stehen viele der 300 Häuser im Dorf leer. Das wissen natürlich auch die Einbrecher. Bevor wir vor zwei Jahren die ersten Kameras installiert haben, kamen sie vor allem im Winter und haben in aller Seelenruhe die Ferienhäuser leergeräumt. Auch an unseren Autos haben sie Gefallen gefunden. Ich kenne Leute, denen wurde hier schon drei Mal das Auto geklaut!
SZ: Es heißt, es werden sogar Straßen überwacht, in denen nur ein Mensch wohnt ...
Pons: Das ist es ja gerade! Im Winter ist in manchen Straßen nur ein Haus bewohnt. Die anderen Hausbesitzer sind nur im Sommer da.
SZ: Hat Ihr Dorf denn keine Polizei?
Pons: Die nächste Wache ist 15 Kilometer entfernt. Bis die hier sind, dauert das mindestens eine Viertelstunde - das war geradezu ein Paradies für Verbrecher! Deshalb die Kameras. Wir können 24 Tage aufzeichnen.
SZ: Und wer schaut sich die ganzen Aufzeichnungen an? Sie?
Pons: Niemand. Dafür haben wir hier weder Zeit noch Geld. Nur wenn etwas passiert, dann schauen ich oder die Polizei auf den Videobändern nach.
SZ: Wie viele Verbrecher haben Sie mit den Kameras denn schon überführt?
Pons: Drei. Das war ganz am Anfang, als die Kameras noch nicht überall bekannt waren. An den ersten Täter kann ich mich noch sehr gut erinnern. Er hat die Tür zu unserem Tennisplatz zerstört, einfach so. Wir wussten die ungefähre Tatzeit, also habe ich mir das Band der entsprechenden Kamera noch mal angeschaut. Die Sequenz, die den Täter zeigt, habe ich mir dann ausgedruckt und bin zu ihm hin. Ich kannte ihn nämlich schon. "Schau mal, was für ein schönes Foto ich hier von dir habe", habe ich ihm gesagt. Erst hat er dumm geschaut, dann hat er den Schaden bezahlt.
SZ: Einigen Dorfbewohnern gefällt das aber gar nicht, dass jetzt jeder Schritt verfolgt wird ...
Pons: Das sind wahrscheinlich die Hundebesitzer, die jetzt den Dreck ihrer Hunde wegräumen müssen. Immerhin 80 Prozent der Einwohner finden die Kameras gut. Und die Restaurantbesitzer sind auch glücklich, weil jetzt keiner mehr die Zeche prellt. Bald wird übrigens noch eine dreizehnte Kamera dazukommen. Wir planen nämlich einen Recyclinghof. Der soll natürlich auch bewacht werden.
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(SZ vom 26.03.2009)
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