Berlusconi zu Erdbeben-Opfern "Wie beim Camping"

Es klingt wie blanker Hohn: In einem Interview rät Italiens Premier Berlusconi den Erdbebenopfern, die Zeit in den Zeltstädten als Urlaub zu sehen. Unterdessen ist die Zahl der Toten auf 250 gestiegen.

Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi hat die Lage der obdachlos gewordenen Erdbebenopfer in den Abruzzen mit einem Campingurlaub verglichen. Den in Zeltlagern untergebrachten Menschen fehle es an nichts, sagte er dem Fernsehsender NTV bei einem Besuch vor Ort. Sie hätten warmes Essen und medizinische Versorgung.

"Natürlich" sei ihre Unterbringung "absolut provisorisch, aber man muss es eben nehmen wie ein Campingwochenende". Für die Betroffenen und die Rettungskräfte müssen die Worte des Premiers wie blanker Hohn klingen. Inzwischen hat der Zivilschutz die Zahl der Toten erneut nach oben korrigiert - auf 250.

Die Opfer wurden örtlichen Medien zufolge in einer provisorischen Leichenhalle außerhalb von L'Aquila aufgebahrt. Am Mittwoch sollte das erste Opfer in dem Ort Loreto Aprutino beerdigt werden. Rund 1000 Menschen wurden bei dem Beben verletzt, knapp 50 werden noch vermisst.

17.000 Menschen haben durch das Erdbeben ihr Zuhause verloren. Die meisten wurden in Zeltlagern in der Nähe der schwer zerstörten Regionalhauptstadt L'Aquila untergebracht.

Die Retter arbeiten erneut gegen die Zeit: Zwei Tage nach dem verheerenden Erdbeben in Mittelitalien setzten sie die Suche nach Verschütteten weiter fort. Mehr als 5000 Helfer suchen am heutigen Mittwoch in der verwüsteten Abruzzen-Hauptstadt L'Aquila und der Umgebung nach Überlebenden der Naturkatastrophe.

Die Zahl der Todesopfer musste erneut nach oben korrigiert werden - auf 250. Elf der bislang geborgenen Toten konnten nach Angaben des Zivilschutzes noch nicht identifiziert werden.

Die Retter befürchten, dass die Zahl der Opfer noch weiter steigt - weil noch etliche Menschen verschüttet sind und die Erde immer wieder von neuem bebt. Erst am Dienstagabend ließ ein kräftiges Nachbeben der Stärke 5,3 in L'Aquila und mehreren Orten der Umgebung weitere Häuser einstürzen. Es war auch in Rom und im südlichen Kampanien zu spüren.

Einen Hoffnungsschimmer gab es am Dienstagabend für die Helfer. Sie brachen in Applaus aus, als sie eine 20-Jährige 42 Stunden nach der Katastrophe lebend aus den Trümmern eines Vier-Etagen-Hauses zogen. "Eine solche Rettung ist sechs Monate Arbeit wert", sagte ein Feuerwehrmann aus Venedig.

Sie hatte in einem Hohlraum eines eingestürzten Hauses überlebt. Ihr Gesundheitszustand wurde von der italienischen Nachrichtenagentur Ansa als gut bezeichnet. Sie wurde mit einem Hubschrauber in ein Krankenhaus geflogen.

Die Helfer gruben unterdessen weiter nach vier Studenten, die in einem eingestürzten Gebäude verschüttet sind. Universitätsrektor Ferdinando Di Orio sagte, die vier Studenten seien wahrscheinlich tot, wenn nicht noch ein Wunder geschehe. Unter den Opfern sind auch drei Ausländer, ein Student aus Griechenland und zwei tschechische Studenten.

Die italienische Regierung warnte die Bewohner evakuierter Stadtteile vor einer Rückkehr in ihre Häuser. Die Gefahr durch die Erschütterungen sei zu groß. Seit dem Erdstoß am Montag, dem folgenschwersten in Italien seit 1980, wurden insgesamt mehr als 280 Nachbeben gezählt. Immer wieder lösten diese Beben Panik in der Bevölkerung aus, richteten neue Schäden an.

Berlusconi war erneut nach L'Aquila gereist, um einen raschen Wiederaufbau zuzusagen. 20 Zeltstädte für 14.500 Menschen stünden am Abend bereit, sagte er. Zuvor hatte er bereits für Wirbel gesorgt, weil er Hilfsangebote anderer Staaten mit der Begründung ablehnte, Italien könne das Notwendige allein leisten. Die Opposition nannte das "unverständlich".

Der Leiter des Italienischen Roten Kreuzes, Francesco Rocca, fürchtet, es werde Monate oder sogar Jahre dauern, bis die Obdachlosen in ihre Häuser zurückkehren könnten. Am Mittwoch sollten Spezialisten die einzelnen Gebäude prüfen.

Unzureichende Bauqualität bemängelt

In die Diskussion über eine offensichtlich nicht erdbebensichere Bauweise in Mittelitalien hat sich inzwischen die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Genf eingeschaltet.

Das Beben vom Montag habe das Hospital San Salvatore in L'Aquila zu 90 Prozent zerstört, sagte eine WHO-Sprecherin und unterstrich damit die Notwendigkeit katastrophensicherer Krankenhäuser. Auch in Italien kritisierten Fachleute von neuem die unzureichende Bauqualität, zumal auch zahlreiche jüngere Gebäude eingestürzt seien.

Im mittelalterlichen Stadtkern von L'Aquila gab es praktisch keine Straße ohne schwere Schäden. Zahlreiche Gebäude aus Barock und Renaissance stürzten ein, Kirchen und ein Schloss aus dem 15. Jahrhundert wurden beschädigt. Aus Sicherheitsgründen sagte die katholische Kirche die Osterfeierlichkeiten in der Stadt ab.

Große Teile der Stadt waren weiter ohne Wasser und Strom. In Onna sagte der Feuerwehrmann Andrea Di Lena, die Bewohner hätten so gut wie nichts retten können. "Hundert Prozent der Häuser sind als unbewohnbar eingestuft." Die Regierung gab 130 Millionen Euro Nothilfe für den Rettungseinsatz frei.

Nach einer ersten Schätzung von Infrastrukturminister Altero Matteoli wird es etwa 1,3 Milliarden Euro kosten, die beschädigten Gebäude wiederaufzubauen. Nach Berichten über Plünderungen kommandierte die Regierung rund 200 Polizisten zum Schutz von Häusern und Geschäften ab.

Zertrümmerte Existenzen

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