Eine Reportage von Stefan Ulrich, Rom

Wie es zugeht, wenn der kleine, hibbelige Ministerpräsident, Medienherrscher und Megamilliardär Berlusconi vom Pontifex empfangen wird.

Vielleicht täuscht der Eindruck, aber Silvio Berlusconi wirkt nervös in diesen Minuten. Der kleine Ministerpräsident, Medienherrscher und Megamilliardär gestikuliert heftig und bespaßt eifrig seine Begleiter, die Monsignori und die Gentiluomini, die päpstlichen Ehrengarden aus besten römischen Familien. Die festlich gewandete Gruppe wartet in einem Saal des Apostolischen Palastes vor der päpstlichen Privatbibliothek. Unter ihren Füßen glänzt farbiger Marmor, oben prangt eine pompöse Kassettendecke, an den Wänden stehen vergoldete Sessel. Der hibbelige Berlusconi in seinem dunklen Anzug mit dem weißen Hemd und der feierlichen Krawatte ähnelt einem Jungen bei der Erstkommunion. Auch für ihn, den Freund George W.Bushs und Wladimir Putins, ist es wohl etwas Besonderes, vom Pontifex empfangen zu werden.

Etwas schüchtern und hibbelig: Berlusconi beim Papst. (© Foto: dpa)

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Punkt elf Uhr vormittags ist es nun, der Termin, zu dem Berlusconis Antrittsbesuch als neuer italienischer Premier festgesetzt ist. Normalerweise läuft das vatikanische Protokoll mit der Präzision einer Atomuhr ab. Doch noch sind die Türen zur Bibliothek verschlossen. 11.03 wird es, 11.07. Die Journalisten schauen auf die Uhr. Ein schlechtes Omen? Ein Fingerzeig des Heiligen Vaters an den Gesalbten des Herrn, wie sich Berlusconi einmal selbst nannte?

In Erwartung einer Blüte

Doch dann kommt Benedikt XVI. heraus, weiß gekleidet und strahlend, und geleitet seinen Gast an den Schreibtisch der Bibliothek. Die beiden setzen sich nicht gegenüber, sondern ums Eck, so dass sich ihre Knie fast berühren. Dann beginnen sie so herzlich zu plaudern, als seien sie die besten Freunde. Die Botschaft wird klar, bevor sich die Türen schließen: Benedikt und Berlusconi, die beiden mächtigsten Männer Roms, setzen auf Harmonie.

Sie brauchen sich, beide. Für den Papst ist Italien nicht irgendein Land, sondern Nährboden und Schaufenster der katholischen Weltkirche. Wenn der Vatikan hier scheitert mit seinen Vorstellungen über eine gerechte Gesellschaft, starke Familien und christliche Moral, dann ist das besonders schmerzhaft. Die im April abgewählte linke Regierung Romano Prodis war der Kurie dabei eher suspekt. Im Kampf gegen die Homo-Ehe, Abtreibung oder Sterbehilfe erschien sie als unsicherer Partner.

Zudem blickte der Papst besorgt auf den Verfall der Gesellschaft, auf die Verarmung vieler Familien, die Slums in den Vorstädten und die Frustration im Land. Immer wieder mahnte er die Politiker, gegenzuhalten. Nun ist eine neue, rechte Regierung mit solider Mehrheit unter einem Berlusconi an der Macht, der im Wahlkampf clever auf katholische Themen setzte. Zudem tritt der bislang so selbstversessene, die Gesellschaft polarisierende und privat wie politisch kaum als Musterchrist agierende Berlusconi plötzlich wie ein Versöhner auf, der den Dialog mit der Opposition pflegt. Benedikt will diese Ansätze fördern und Berlusconi beim Wort nehmen. Daher begrüßte er kürzlich "mit großer Freude" das "neue, vertrauensvollere und konstruktivere Klima" im Land. Gemeinsam wolle man in Italien eine "Blüte auch zivilen und moralischen Wachstums herbeiführen".

Zur Ermunterung bekam Berlusconi am Vorabend der Papstaudienz als erster italienischer Premier ein ganzseitiges Interview in der päpstlichen Zeitung Osservatore Romano. Darin würdigte er die Kirche als "Reichtum" für den Staat und gestand ihr das Recht zu, in sämtlichen Fragen mitzureden - was keineswegs alle Italiener goutieren. Unmittelbar vor dem Besuch im Vatikan sagte der Premier dann: "Wir stehen auf der Seite der Kirche und glauben an die Werte unserer christlichen Tradition."

Wohlfeile Worte? Offenbar kommt der Cavaliere dem Vatikan auch in der Sache entgegen. Der rechte Flügel seiner Koalition hatte durchgesetzt, dass illegale Einwanderung eine Straftat werden soll. Der Vatikan protestierte scharf - und Berlusconi steckte sofort zurück. Dafür nahm er sogar einen Hauskrach der jungen Koalition in Kauf. Der Premier braucht den Papst. Ohne oder gegen die Kirche ist Italien kaum zu regieren, zumal in Zeiten, da es von der Kriminalität über den Müll bis hin zur Wirtschaftsschwäche Probleme über Probleme zu lösen gibt.

Der Mann im schwarzen Anzug und der Mann im weißen Ornat haben also Gründe, das Kreuz mit Italien gemeinsam zu schultern. Nach 40Minuten vertraulichen Gesprächs, das um die Familien, katholische Schulen und Immigranten gegangen sein soll, kommen sie einträchtig aus der Bibliothek. Als Berlusconi dem Papst zum Geschenk ein kostbares Brustkreuz überreicht, schnappt der Deckel der Schatulle kurz zu. Wer will, mag das als Zeichen deuten, dass Benedikt dem Cavaliere trotz manch gemeinsamer Ziele bisweilen auf die Finger klopfen soll.

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(SZ vom 07.06.2008/imm)