Berliner Weltkriegsbombe Power-Wasserstrahl gegen den Blindgänger

  • Eine in der Berliner Innenstadt nahe dem Hauptbahnhof entdeckte Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg ist entschärft worden.
  • Den Sprengmeistern gelang es innerhalb kurzer Zeit, den Zünder des Blindgängers vom Sprengkörper zu entfernen und unschädlich zu machen.
  • Aus Sicherheitsgründen mussten am Morgen etwa 10 000 Menschen ihre Wohnungen verlassen, der Berliner Hauptbahnhof wurde gesperrt.
Von Christian Gschwendtner, Berlin

Der Polizist schüttelt verwundert den Kopf. Seit einer halben Stunde sollte die Gegend nördlich des Berliner Hauptbahnhof nun schon geräumt sein, aber es schlendern noch immer Passanten in recht gemütlichem Tempo aus der Sperrzone. "Ich weiß nicht, wo die alle herkommen", sagt der Polizist.

An diesem Freitagvormittag soll eine 500-Kilogramm-Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg entschärft werden. Teile der Berliner Innenstadt wurden dafür lahmgelegt. Rund um den Hauptbahnhof fahren keine Busse, Straßenbahnen und Fernzüge mehr; das Wirtschaftsministerium, ein Bundeswehrkrankenhaus, ein Sozialgericht wurden ebenso geräumt. Selbst die Hauptzentrale des Bundesnachrichtendienstes (BND) ist betroffen. Auch sie befindet sich in der Sperrzone in 800 Meter um den Fundort herum, in der sich während der Entschärfung keine Menschen aufhalten dürfen. Wie viele Geheimdienstmitarbeiter am Freitagvormittag ihr Büro verlassen müssen, will ein BND-Sprecher trotzdem nicht verraten: "Aus Sicherheitsgründen."

Es ist in jedem Fall ein kleiner Ausnahmezustand, der sich da in Berlin abspielt - auch wenn das offenbar noch nicht alle mitbekommen haben. Aus den Polizeiwagen rund um den Hauptbahnhof ertönt die immer gleiche Durchsage: "Verhalten Sie sich bitte kooperativ und folgen Sie den Anweisungen der Einsatzkräfte." Dazu gibt es noch eine kleine Drohung für alle diejenigen, die es am nötigen Ernst fehlen lassen. Es kämen gleich noch Kollegen und würden alle Wohnungen aufsuchen, teilt ein Polizist per Lautsprecher mit. Wer dann noch zuhause ist, wird rausgezogen.

Ausnahmezustand in Berlin

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Bereits am Donnerstag hat die Berliner Polizei vorsorglich Hinweise an die Haustüren der betroffenen Bewohner geklebt. Sie wurden aufgefordert ihre Wohnungen pünktlich um neun Uhr zu verlassen. Zusätzlich gab es noch eine ganze Reihe praktischer Empfehlungen. Zum Beispiel: "Lassen Sie ihre Haustiere in der Wohnung." Das wiederum hat nicht allen 10 000 betroffenen Anwohnern gefallen.

Die 75-jährige Rentnerin Marianne gehört zu denjenigen, die ihre Wohnung gerne etwas später verlassen hätten. Sie findet, dass zehn Uhr auch noch gereicht hätte. Mit den Arbeiten an der Bombe soll ja erst ab zwölf Uhr begonnen werden. Als sie mit ihrem Rollator an der Polizeiabsperrung vorbeiläuft, ist es dann auch schon halb elf. Mariannes größte Angst ist sowieso nicht die Bombe, sondern dass Einbrecher in der Zwischenzeit die Wohnungen leerräumen. Außer ihrem Ausweis hat sie trotzdem keine Wertgegenstände mitgenommen. "Viel zum Klauen habe ich ja nicht", sagt die Rentnerin. Und außerdem ist da noch ein Nachbar, der in seiner Wohnung geblieben sei.

Warum die Bombe ausgerechnet an einem Freitag entschärft werden muss, wollte einigen Leidtragenden nicht so recht einleuchten. Das Wochenende hätte doch viel besser gepasst: weniger Verkehr, weniger Menschen auf dem Weg zur Arbeit. Ein Polizeisprecher argumentiert dagegen: Da wären zu viele Menschen in den umliegenden Parks gewesen. Und spät abends? "Man muss eben auch mit allem Respekt vor den Feuerwerkern sagen: Die brauchen natürlich Ruhe und fokussierte Arbeitsmöglichkeiten bei Tageslicht", erklärt der Polizeisprecher im Radio.

Um 11.28 Uhr ist der Berliner Hauptbahnhof endgültig gesperrt, das teilt zumindest die Bundespolizei über Twitter mit. Der Weg für die Bombenentschärfung ist frei. Die Einsatzkräfte greifen dabei nicht auf die Hilfe von Robotern zurück, sondern setzen auf einen "Power-Wasserstrahl". Dieser ist so gezielt und stark, dass er den Zünder problemlos von der Bombe trennen kann.

Um 13.19 Uhr ist die Aufgabe vollbracht. Aus der Ferne hört man eine kurze Detonation, das Zeichen, dass der Zünder des Blindgängers soeben zerstört wurde. Wie genau, das erklärt der Polizeifeuerwerker Engin Laumer eine Stunde später. Er steht am Fundort, neben ihm ein Bagger, an dessen Schaufel die amerikanische Bombe an einer Schnur befestigt ist. "Es war relativ unkompliziert", sagt Laumer, "wie wenn man mit einem Messer durch ein Stück Butter schneidet." Angst habe er keine gehabt, seit 18 Jahren macht er solche Entschärfungen. "Ich lebe jeden Tag, als wäre es der letzte, das ist unser Job", sagt Laumer.

Im Nahverkehr soll nun der normale Betrieb rasch wieder anlaufen. Beim Fernverkehr dauert das nach Angaben der Deutschen Bahn etwas länger. Und auch Anwohner wie die Rentnerin Marianne dürfen zurück in ihre Wohnungen. Die Bombe kommt nun auf einen Sprengplatz in Berlin Grunewald. Erst in einem halben Jahr wird sie kontrolliert weggesprengt. Dann ist Herbst und Saisonbeginn für die Großsprengserien.