Von Philip Grassmann

Ein Spaziergang durch die riesigen, geschichtsträchtigen Bauten des Berliner Flughafens Tempelhof, deren Zukunft ungeklärt ist.

Man kann die gigantischen Dimensionen im Halbdunkel dieser Halle kaum erfassen. Sie ist 15 Meter hoch und 90 Meter lang und das Ende verliert sich irgendwo im trüben Tageslicht. Die Decke mit den Gipsrosetten ist verrußt, in den letzten Kriegstagen hat hier ein Brand gewütet. Fluggäste bekommen diesen düsteren Raum im Flughafen Tempelhof nie zu Gesicht.

Der Berliner Flughafen Tempelhof

Der Berliner Flughafen Tempelhof (© Foto: AP)

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In der einstigen Empfangshalle wurde in den sechziger Jahren einfach eine Betondecke eingezogen. Unten war Flughafenbetrieb, oben blieb die Zeit stehen. Herr Eisermann steht mitten in dem Saal und sagt: ,,Man kann mit diesem Gebäude alles machen. Man muss nur wollen.'' Herr Eisermann ist seit 42 Jahren im Flughafen beschäftigt. Er kennt sich aus.

Wie eine Festung thront der Flughafen mitten in der Stadt. 1939 begann der Nazi-Architekt Ernst Sagebiel mit dem Bau des gigantischen Komplexes. Das Flughafengebäude ist 1230 Meter lang, es gibt 9000 Räume und es gehört mit dem Pentagon zu den größten Bauwerken der Welt. Es ist nun aber so, dass dieses enorme Haus, das ohnehin nur zur Hälfte vermietet ist, bald keine Funktion mehr haben wird.

Im Herbst 2008 endet der Flugbetrieb. So haben es die Betreiber der Hauptstadtflughäfen beschlossen, und so hat es das Berliner Oberverwaltungsgericht erst bestätigt. Was macht man mit einem solchen Koloss? In einer Stadt, in der Hunderttausende Quadratmeter Bürofläche leerstehen?

Herr Eisermann führt den Besucher eine sehr breite Treppe hinauf, die seit dem Baustopp 1941 immer noch im Rohzustand ist. Man kommt an endlosen leeren Gängen vorbei, an denen rechts und links ungezählte Zimmer abzweigen und steigt immer höher, bis man den ebenfalls nie fertig gestellten Bankettsaal des Dachrestaurants erreicht. Die Amerikaner, die bis 1993 im Flughafen stationiert waren, haben dort Basketball gespielt. Jetzt ist die Fläche gesperrt. Einsturzgefahr. ,,Für diesen Teil ist Dornröschen der Ansprechpartner'', sagt Eisermann.

Bundesverteidigungsministerium unterbringen?

Das ist nicht ganz richtig, denn es gibt ja beispielsweise den Regierenden Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit. Seit zwei Jahren werben die US-Geschäftsleute Fred Langhammer und Roland Lauder für ihre Idee, im Flughafen Tempelhof ein Gesundheits- und Kongresszentrum nebst Hotel zu schaffen. Sie wollen, eifrig unterstützt von CDU und FDP, etwa 350 Millionen Euro investieren und etwa 1000 neue Arbeitsplätze schaffen.

Bedingung: Der Flugbetrieb muss für Geschäftsflieger möglich bleiben. Auch die Bahn hat Interesse am Flugbetrieb bekundet. Doch das lehnen Berlin, Brandenburg und der Bund ab. Sie befürchten, damit den milliardenschweren Ausbau des Großflughafens Berlin-Schönefeld zu gefährden. In einem offenen Brief drohten die beiden Geschäftsleute nun, die Arbeit an dem Konzept auszusetzen, falls man nicht bis Anfang März ein Signal erhalte, dass das Projekt gewünscht sei.

Es gibt aber noch andere Ideen: Die Fraktionsvorsitzende der Grünen, Franziska Eichstädt-Bohlig, hat vorgeschlagen, dort das Bundesverteidigungsministerium unterzubringen. Dazu müsste es allerdings erst mal von Bonn nach Berlin ziehen. Das Bundesinnenministerium, das nach einer neuen Unterkunft auf der Suche ist, wäre eine andere Möglichkeit. Lutz Kühnau von der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben, die das Gebäude nach Ende des Flugbetriebs betreuen wird, brachte ins Gespräch, dort einige Bundesbehörden anzusiedeln.

Es gibt viele Vorschläge, aber mindestens ebenso viele Einwände. Einer lautet: Für die Modernisierung der Räume auf heutigen Standard wären etwa 500 Millionen Euro notwendig. Ein Betrag, der angesichts der niedrigen Büromieten kaum zu erwirtschaften ist.

Man weiß nicht recht

Herr Eisermann ist indes auf dem Weg zum Dach des Flughafengebäudes. In diesem menschenleeren Trakt trifft man auf einen Herren von der Deutschen Flugsicherung, der in einem Kontrollraum an einem Schreibtisch hinter einer Glasscheibe sitzt. Man weiß nicht recht, warum der Mann hier noch im Dienst ist. Die Flugsicherung nämlich ist schon im vergangenen Dezember ausgezogen, nach Schönefeld und Bremen. Aber andererseits wäre es nicht eben überraschend, wenn in diesem Labyrinth jemand einfach vergessen worden wäre.

Von oben hat man einen weiten Blick über das Gelände und man sieht, dass nicht nur das riesige Gebäude, sondern auch die enorme Fläche ein Problem sind. Denn vom Dach bis ans Ende des Rollfeldes sind es fast vier Kilometer. In der Breite sind es immerhin noch zwei Kilometer. Da wäre Platz für einen ganzen Stadtteil. Doch den braucht in einer Stadt, in der es schon als Erfolg gilt, wenn die Bevölkerung stagniert, wohl niemand. Außerdem gehört die Fläche zur grünen Lunge Berlins, die das Klima in der Stadt verbessern soll.

Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) hat vorgeschlagen, dort ein ,,Wiesenmeer'' entstehen zu lassen. Es soll möglichst naturnah sein, also nichts kosten. An den Rändern des Flughafenfeldes soll sich Gewerbe ansiedeln dürfen, am nördlichen Rand an der Grenze zum Stadtteil Kreuzberg könnten Einfamilienhäuser gebaut werden. Ansonsten: Natur. Aber auch beim Berliner Senat weiß man, dass diese schlichten Vorschläge noch nicht das letzte Wort sein können. ,,Da ist noch viel Raum für Phantasie'', heißt es.

Nach dem Abstieg vom Dach, bei dem man noch einen Abstecher in das frühere Hotel für US-Offiziere mit seinen verstaubten Suiten und Speisezimmern gemacht hat, kommt man an einem Imbissstand vorbei. Seit 15 Jahren arbeitet Barbara Wrede dort.

Aber nun bleiben die Kunden aus, insbesondere seit vergangenem Dezember, seit der Beamten-Shuttle nach Bonn nicht mehr in Tempelhof, sondern in Tegel startet. Auf dem Thresen liegt ein Formular für ein Volksbegehren gegen die Schließung, aber darauf setzt Wrede keine Hoffnungen. Sie wartet noch den Sommerflugplan ab. Dann entscheidet sie, ob sie zumacht - ein Jahr, bevor der Flughafen schließt.

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(SZ vom 23.2.2007)