Berlin Mediziner entsetzt über Vierlings-Schwangerschaft von 65-Jähriger

Annegret Raunigk 2005 mit ihrem jüngsten Kind. Die Tochter ist heute neun Jahre alt - und wünscht sich ein Geschwisterchen.

(Foto: Patrick Lux/dpa)
  • Die 65 Jahre alte Berlinerin Annegret Raunigk erwartet Vierlinge und wäre, wenn alles gut läuft, die älteste Vierlingsmutter der Welt.
  • Raunigk hatte sich mit einer fremden Eizell- und Samenspende im Ausland befruchten lassen. In Deutschland ist dies verboten.
  • Bereits 2005 sorgte die Lehrerin für Aufsehen. Damals brachte sie ein Mädchen zur Welt und war damit die älteste Mutter Deutschlands.
  • Mediziner äußern sich entsetzt über die Schwangerschaft Raunigks. Das Risiko für die Babys, bleibende Schäden davonzutragen, sei bei Mehrlingsschwangerschaften hoch. Bei Frauen ihn so hohem Alter komme es zudem noch häufiger zu Komplikationen.
Von Christina Berndt

Als Annegret Raunigk die Nachricht zum ersten Mal hörte, hat sie dann doch einen Moment innegehalten. Nicht ein Kind erwartete die Berliner Englisch- und Russischlehrerin, sondern gleich vier. "Sicher war das ein Schock für mich", erzählte Raunigk der Bild am Sonntag, die gemeinsam mit dem Fernsehsender RTL exklusiv über ihre Geschichte berichten darf. "Nachdem der Arzt festgestellt hat, dass es vier sind, musste ich erst mal darüber nachdenken."

Sie habe dann auch über die Möglichkeit nachgedacht, Kinder zur Adoption freizugeben, sagte sie der Zeitung, aber dann habe sie sich dafür entschieden, alle vier Kinder zu behalten. Schließlich hatte sie ja viel auf sich genommen, um überhaupt schwanger zu werden. Und schon ein Kind in ihrem Bauch wäre eine Sensation gewesen: Annegret Raunigk ist 65 Jahre alt. Wenn sie im Sommer Mutter wird, geht sie auch gleich in Pension. Zu tun haben wird die schlanke Frau mit den rot gefärbten Haaren, die auf Fotos jünger aussieht, als sie ist, dann aber wohl genug.

Sollte alles gut gehen, wird Annegret Raunigk die älteste Vierlingsmutter der Welt sein. Die älteste Mutter überhaupt dagegen wird sie nicht: Seit im Jahr 1994 die Italienerin Rosanna della Corte 62-jährig als erste "Grandma Mom" in die mitunter fragwürdige Erfolgsgeschichte der Fortpflanzungsmedizin einging, taten es ihr weltweit einige Frauen nach. Von einer Schweizer Pfarrerin über eine britische Kinderpsychologin bis zu einer blinden US-Amerikanerin brachten bereits mehrere Frauen im Rentenalter Kinder zur Welt, zwei Inderinnen waren gar 70 Jahre alt.

Eine von ihnen sagte sechs Jahre nach der Geburt ihres Sohnes der Daily Mail, es falle ihr und ihrem 89-jährigen Ehemann nun doch immer schwerer, mit dem agilen Kleinen mitzuhalten. Auch Prominente haben schon in weit fortgeschrittenem Alter Babys präsentiert: Die italienische Rocksängerin Gianna Nannini wurde mit 54 Jahren zum ersten Mal Mutter.

Und doch nimmt Annegret Raunigk in der Liste der betagten jungen Mütter einen besonderen Platz ein, und das nicht nur wegen der Vierlinge, die sie nun erwartet. Ihre Schwangerschaft kurz vor der Rente war nicht ihre einzige Chance auf ein Baby, bei Weitem nicht. Annegret Raunigk hat bereits 13 Kinder und sieben Enkel.

Raunigk zeigt ihre stattliche Familie gerne her

Schon einmal hat sie als Mutter Schlagzeilen gemacht. Das war 2005, als ihre heute neunjährige Tochter Lelia geboren wurde. Damals war Annegret Raunigk die älteste Mutter Deutschlands, die ihre stattliche Familie auch in Fernsehshows gerne herzeigte. Auf natürlichem Wege sei Lelia entstanden, betonte Raunigk stets - und dass sie alle ihre Kinder ohne Kaiserschnitt zur Welt gebracht habe.

Diesmal konnte es die Natur allein nicht mehr schaffen. Mit Anfang fünfzig haben Frauen üblicherweise ihre letzte Regelblutung, danach können sie keine Kinder mehr bekommen. Auch Annegret Raunigk benötigte Eizellen von einer fremden Frau, die sie in der Kulturschale befruchten ließ, um schwanger zu werden. Kommerzielle Eizellspenden sind in Deutschland illegal. Deshalb ließ Raunigk sie im Ausland vornehmen und nutzte gleich noch eine Samenspende dazu: Die Lehrerin ist alleinerziehend - wie fast ihr ganzes Leben lang.

Raunigks Geschichte lässt Christian Thaler nach Fassung ringen. Der Leiter des Kinderwunschzentrums am Münchner Universitätsklinikum Großhadern hält diese Medizinstory für "fahrlässig", er sei "wirklich entsetzt". Durch künstliche Befruchtung eine Schwangerschaft mit Vierlingen herbeizuführen, nennt Thaler einen Kunstfehler: "Schon bei einer Drillingsschwangerschaft sind die Risiken erheblich", selbst dann, wenn die Mutter noch jung ist. In Deutschland übertragen Reproduktionsmediziner deshalb gemeinhin nicht mehr als zwei befruchtete Eizellen in die Gebärmutter einer Frau. Nur in Ausnahmefällen werden drei Zellen transferiert, mehr erlaubt das Gesetz nicht.

Alexander Strauss, Experte für höhergradige Mehrlingsschwangerschaften am Universitätsklinikum in Kiel, kann die Risiken solcher Schwangerschaften genau beziffern: "Drillinge kommen im Durchschnitt sechs Wochen zu früh auf die Welt, mehr als 30 Prozent der Kinder leiden ihr Leben lang unter einer schweren Behinderung", sagt er. Bei Vierlingen seien es zehn Wochen und etwa 35 Prozent. "Das bedeutet, dass jede zweite Vierlingsmutter den Tod oder die schwere Behinderung eines Kindes in Kauf nehmen muss", so Strauss.

Eizell- und Samenspende potenziere die Risiken

Die Risiken für Mutter und Kinder würden durch das hohe Alter der Schwangeren "noch einmal deutlich gesteigert", teilt die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologische Endokrinologie und Fortpflanzungsmedizin mit. Bei älteren Frauen komme es häufiger zu Thrombosen und Bluthochdruck. Die Eizell- und Samenspende potenziere die Risiken weiter. Weil die Embryonen dem Körper der Mutter "komplett fremd" seien, komme es bei solchen Schwangerschaften häufiger zu Mangelentwicklungen und der gefürchteten Schwangerschaftsvergiftung, im Fachjargon "Präeklampsie". Der Fall Raunigk sei schlichtweg "ein Experiment am Leben".

Ob Annegret Raunigk über die Risiken informiert wurde und Vierlinge billigend in Kauf nahm? Ihren neuerlichen Kinderwunsch begründet sie jedenfalls mit ihrer jüngsten Tochter Lelia. Die heute Neunjährige ist trotz der stattlichen Zahl ihrer Geschwister quasi als Einzelkind aufgewachsen. Denn die älteren Kinder waren bei Lelias Geburt schon zwischen 12 und 35 Jahre alt. Ihre Jüngste habe sich so sehr ein Geschwisterchen gewünscht, erzählte Raunigk RTL. Moralische Vorwürfe weist die Lehrerin ab: "Angst hab' ich eigentlich nicht. Ich gehe einfach davon aus, dass ich gesund und fit bleibe", sagt Raunigk.

Bei der Einschulung der Vierlinge wird sie 70 Jahre alt sein, bei deren Volljährigkeit 83 - ob einem in so einem Alter der Stress durch so viele kleine Kinder nicht zu viel werden könne? "In Sachen Organisation habe ich genug Erfahrung, das ist für mich ja nicht neu", sagt Rauningk. Es sieht sogar so aus, als suche sie die Herausforderung: "Wahrscheinlich hab ich so viele Kinder, weil ich viele Aufgaben brauche", sagte sie vor Jahren dem Spiegel. "Die Kinder", die nach ihren Angaben von fünf Vätern stammen, "haben mich in meine Mitte gebracht. Sonst wäre mein Leben vielleicht noch verrückter verlaufen."