Berlin Fatale Begegnung

Am Tor der Franziskaner-Klosterruine in Berlin erinnern im April Fotos, Kerzen und Blumen an den getöteten 22-Jährigen aus Israel.

(Foto: Paul Zinken/dpa)

Yosi D. war einsam und verzweifelt, Fation D. gelangweilt und betrunken. Eine tödliche Kombination: Der Albaner trat den Israeli vergangenes Jahr auf grausamste Weise zu Tode. Nun läuft der Prozess.

Von Verena Mayer, Berlin

Die Bilder von der Berliner Kirche in der Nähe des Alexanderplatzes, die 1945 bombardiert worden war und heute ein Mahnmal ist, gingen um die Welt. Ostern vergangenen Jahres wurde hier die Leiche eines israelischen Touristen gefunden. Er war mit Tritten und Schlägen getötet worden, die seinen Kopf so entstellten, dass die Ermittler ihn nicht anhand des Passes identifizieren konnten, den er in seiner Jogginghose trug. Das Verbrechen sorgte nicht nur wegen seiner rohen Gewalt für internationales Aufsehen, sondern auch, weil man nicht weiß, warum der 22-jährige Yosi D. sterben musste. Ein Israeli, totgetreten mitten in Berlin.

Im Prozess, der derzeit vor dem Berliner Landgericht stattfindet, wird nun immerhin klar, was in der Nacht zum Ostersonntag passiert ist. Der Angeklagte Fation D. äußert sich zum ersten Mal seit seiner Verhaftung über die Tat. Fation D., 28, albanischer Staatsbürger, lässt seinen Verteidiger eine Erklärung verlesen, die mit dem Satz "Ich möchte etwas ausholen" beginnt. Fation D. selbst sagt nichts, während er in seinem dunklen Anzug dasitzt und der Dolmetscherin zuhört. Er runzelt nur hin und wieder die Stirn.

Es ist die Geschichte einer so zufälligen wie tragischen Begegnung, die Fation D. schildert. Er lebte in den USA, wo er Koch war, eine Frau und eine Tochter hatte. Doch dann fuhr er alkoholisiert Auto und wurde in seine Heimat abgeschoben. Aus Albanien wollte er so schnell wie möglich wieder weg und bewarb sich im Berliner Hard Rock Café um einen Job. Zum Bewerbungsgespräch flog er Anfang April in die Hauptstadt und bezog ein Achtbettzimmer in einem Hostel. Dort traf er den Israeli.

Streit um Alkohol und Zigaretten könnten der Auslöser für die Tat gewesen sein

Was Fation D. für einen Eindruck gemacht habe, will der Richter von einer Studentin wissen, die damals an der Rezeption saß. "Eine Mischung aus gepflegt und angetrunken", sagt die Zeugin. Fation D. hatte schon mittags eine Flasche Cognac dabei und verbrachte seine Zeit damit, auf dem Alexanderplatz zu sitzen und zu trinken, "ich habe mich gefühlt wie ein Tourist". Einmal nahm er Yosi D. mit zum Alexanderplatz. Yosi D. kommt aus Petach Tikwa und hatte ebenfalls einiges hinter sich. Er war durch Südamerika gereist, hatte in Köln gelebt und dort Kontakt zur Schwulenszene gesucht. In Berlin besuchte er mal einen Seder-Abend bei der jüdischen Chabad-Gemeinde, mal ging er feiern ins Berghain, in seinem Blut wurden Reste von Kokain und Ecstasy festgestellt. Er hatte irgendwann kein Geld mehr, bat einen Rabbiner und die israelische Botschaft um Hilfe. "Verloren und verzweifelt" habe Yosi D. auf sie gewirkt, sagt die Rezeptionistin.

"Ich hatte den Eindruck, er wollte nicht alleine sein", so Fation D. Zusammen tranken die beiden auf dem Alexanderplatz Bier, Cognac und Jägermeister, zogen später weiter zur Kirchenruine. Dort sollen die beiden in Streit geraten sein, wer Alkohol und Zigaretten bezahle. Yosi D. habe ihm an den Hals gefasst, worauf ihm ein "an der Highschool erlernter Ablauf vom Wrestling hochgekommen" sei, behauptet Fation D. An mehr will er sich nicht erinnern können. Die Rechtsmedizinerin sagt, dass die Tritte so massiv waren, dass Yosi D. beide Ohren abgetrennt wurden.

Ob die Tat ein Hassverbrechen war, bleibt weiterhin offen. In einem Telefonat mit einem Verwandten, das die Ermittler nach der Tat abgehört hatten, soll Fation D. sich abfällig über die Homosexualität seines Opfers geäußert haben. Und auch das Opfer selbst bleibt eine Leerstelle in diesem Prozess. Aus seiner Familie hat sich niemand gemeldet oder einen Anwalt als Nebenkläger zum Prozess geschickt. Alles, was man über Yosi D. erfährt, ist die Aussage eines Mannheimer Kunst-Professors, die vor Gericht verlesen wird. Er traf Yosi D. in einer Schwulensauna in Köln und beherbergte ihn für kurze Zeit bei sich zu Hause. Yosi D. habe Angst vor Neonazis gehabt, viel getrunken, und einmal sei er in Tränen ausgebrochen. Ein junger Mann, der allen Halt verloren hatte und in Berlin auf jemanden traf, dem es ebenso ging. Nur, dass Yosi D. diese Begegnung nicht überlebte.