Die beiden jüngsten Fälle mit verwahrlosten Kindern zeigen, dass viele Eltern ihrer Fürsorgepflicht nicht gerecht werden. Jetzt hat die Stadt Berlin eine Hotline eingerichtet, damit solche Fälle künftig schneller ans Licht kommen.
Seit diesem Mittwoch gibt es eine neue Telefonnummer in Berlin, die 610066. Am anderen Ende sitzen Experten vom Kindernotdienst. Bei ihnen soll sich künftig melden, wer Hinweise hat, dass Kinder vernachlässigt werden.
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Dazu hat der Jugendsenator Jürgen Zöller nun alle Berliner aufgerufen. "Natürlich wird es hin und wieder einen falschen Alarm geben", sagte er, "aber das ist mir lieber, als dass ein Kind leidet, zu Schaden kommt oder sogar sterben muss."
In den vergangenen Tagen hatten zwei Fälle aus der Hauptstadt landesweit Aufsehen erregt. Zwei Mütter hatten ihre Kinder über Wochen und Monate verwahrlosen lassen. Mit der neuen Telefonnummer konnte der Jugendsenator zeigen, dass er schnell Anschluss findet an das Problem. Aber eigentlich hatte sie im Januar bereits geschaltet werden sollen. Damals gab es Streit um das Personal. Aber jetzt gab es die beiden Fälle.
Im neuesten Fall war die Polizei durch Hinweis eines Nachbarn auf eine 40 Jahre alte Frau aus Reinickendorf aufmerksam geworden. Sie hatte Zwillinge entbunden, die noch im Krankenhaus waren. Ihre beiden Töchter, vier und zwölf Jahre alt, lebten unterdessen in einer heruntergekommenen Wohnung, die derart verdreckt war, dass es auf dem Boden keine freie Stelle mehr gegeben habe, so ein Polizeisprecher. Das Jugendamt kümmert sich nun um alle vier Geschwister.
Im zweiten Fall, dem einer Mutter aus Prenzlauer Berg, hatte erst ihr zwölfjähriger Sohn die Polizei informiert, dass er seit einem Jahr für seine drei Geschwister sorgt. Sie sind elf, neun und acht Jahre alt und wurden kurz darauf aus einer völlig verdreckten Wohnung befreit.
Die Mutter, eine 46 Jahre alte, ehemalige Kindergärtnerin, die von Hartz IV lebt, sagte der B.Z., sie habe die Kinder zwei Tage in der Woche gesehen und fünf Euro dagelassen. Sie lebt mit ihrem neuen Freund in einer anderen Wohnung und habe "einfach mal die Schnauze voll" gehabt.
Das Jugendamt Pankow, dem die Frau seit 1998 bekannt war, weist jede Verantwortung von sich. Die Kinder seien ordentlich angezogen gewesen und mit Pausenbroten in der Schule erschienen. Allerdings habe die Mutter Mitarbeiter des Jugendamtes nie in die Wohnung gelassen, deren Räume am Ende so verdreckt waren, dass sich Türen nicht vollständig öffnen ließen.
"Von außen war aber nichts festzustellen", sagt die Jugendstadträtin Christine Keil, Linkspartei. Die Ämter könnten oft nur tätig werden, wenn die Eltern sie um Hilfe bitten. "Wir gehen nicht durch den Bezirk und schauen nach, wie es den Familien geht."
Nach Aussage von Georg Ehrmann, Chef der Deutschen Kinderhilfe, haben Berliner Jugendämter seit einer Gesetzesänderung von 2005 aber sehr wohl das Recht, eine Wohnung auch ohne Durchsuchungsbefehl und Polizeibegleitung zu betreten. Dass das nicht geschah, erklärt er damit, dass die Mittel für die Jugendhilfe in der Stadt zuletzt um ein Viertel gekürzt wurden.
"Also werden weniger Familien aufgesucht, um sich nicht noch einen Fall auf den Tisch zu ziehen", sagt Ehrmann. Trotzdem ist die Zahl der Fälle, in denen Eltern aktenkundig wurden, weil sie die Fürsorgepflicht verletzt haben, in Berlin sprunghaft gestiegen. 2005 waren es 314, 2006 schon 582 Fälle. Nach Angaben des Senats leben 78.000 Kinder bei Eltern, die alkoholabhängig sind.
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(SZ vom 3.5.2007)
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