Benedetto Superstar trifft die Jugend Selig sind die Schlaflosen

Die Kirche geht nah ran ans Leben. Vor dem "Café Cappuccino" direkt am Dom winken Ordensleute die Pilger hinein. Eigentlich heißt das Café ja Raffaello; die Kapuziner-Mönche haben den Besitzer aber überredet, ihnen einen der Räume zu überlassen. 16.000 Schokoplätzchen in Kreuzform haben Franziskaner-Klarissinnen für das Brüder-Café gebacken. Die Ordensfrauen leben normalerweise in Klausur, dort sollen sie "nur das Notwendigste in Kürze und mit leiser Stimme reden", wie Schwester Eva-Maria sagt. Für den Jugendtag durften sie das Kloster verlassen. Seitdem hat Eva-Maria kaum geschlafen, nachts ziehen ihr die lärmenden Pilgermassen noch einmal durch den Kopf.

Schwester Maria-Lukas hingegen kann gar nicht genug bekommen vom ungewohnten Trubel. Sie stellt sich auf die Domplatte, verteilt Flugblätter und sagt, sie biete sich "zum Gespräch an". Vor allem Frauen kommen auf sie zu. In St. Kunibert am Rheinufer laden die Klarissinnen zur "eucharistischen Anbetung" ein. Es sind nicht viele, die den Weg hierhin finden, aber ein paar Betende sind doch immer da. Eva Eisfelder ist gekommen, weil es ihr draußen zu laut geworden ist. Mögen andere Party machen, für die 28-Jährige ist "das Meditative wichtiger".

Das gemeinsame Erbe

Die Ruhe ist es auch, von der der Papst immer wieder spricht, wenn er zum Gebet aufruft. Doch sein eigenes Programm ist dicht gefüllt. Zumindest aber dürfte er erleichtert und zufrieden gewesen sein nach seinem Auftritt in der Synagoge. Als Natanael Teitelbaum, der Rabbiner, ihm das Wort übergibt, betont Benedikt, dass er die Aussöhnung mit den Juden, die sein Vorgänger so vorangetrieben hatte, "mit aller Kraft" fortsetzen möchte.

Er gedenkt der 11.000 Opfer, nennt den Nationalsozialismus die "dunkelste Zeit deutscher und europäischer Geschichte", spricht von einer "wahnwitzigen, neuheidnischen Rassenideologie". Er zitiert Johannes Pauls II. Satz: "Wer Jesus Christus begegnet, begegnet dem Judentum" und sehr ausführlich die Erklärung Nostra Aetate des II. Vatikanischen Konzils, die "alle Hassausbrüche, Verfolgungen und Manifestationen des Antisemitismus" beklagt.

Leider, fährt Benedikt fort, tauchten "heute erneut Zeichen des Antisemitismus und Formen allgemeiner Fremdenfeindlichkeit" auf, sie "müssen uns Grund zur Sorge und Wachsamkeit sein". Er ermuntert Christen und Juden zum Dialog, nennt die Zehn Gebote ein "gemeinsames Erbe und gemeinsame Verpflichtung". Nur eine historische Geste erwähnt er mit keinem Wort: die Vergebungsbitte von Papst Johannes Paul II. für die jahrhundertelange kirchliche Judenfeindschaft, ausgesprochen im Jahr 2000. Joseph Ratzinger soll damals über einige Formulierungen nicht glücklich gewesen sein.

Dem langen Applaus in der Synagoge tut das keinen Abbruch. Paul Spiegel, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, wird später sagen, er sei "tief beeindruckt" von dem historischen Moment. Und es ist ein historischer Moment: Nicht durch das, was Papst Benedikt gesagt hat - auch diese Rede bleibt hinter vielen Erwartungen zurück. Sie vermeidet echte Fehler, weist aber nicht so recht in die Zukunft.

Der Papst wirkt vor allem dadurch, wie er nach der Rede dasteht, mit der Rührung kämpft. Und den Alten der Gemeinde, den Überlebenden der Schoah, lang und fest die Hand drückt.